Zwischen zwei Haltestellen

Jeder hat seine ganz eigene Geschichte. (Foto: Krišjānis Kazaks/unsplash)

Der Bus kam wie immer zu früh oder zu spät. Nie genau dann, wenn ich bereit war. An diesem Morgen stand ich mit kalten Händen an der Haltestelle und dachte darüber nach, wie viele Tage eigentlich gleich beginnen. Eine Frau mit einem roten Schal stellte sich neben mich. Ein Mann mit Kopfhörern nickte im Takt zu Musik, die nur er hören konnte.

Der Himmel war grau, aber nicht unfreundlich. Eher so, als würde er noch überlegen was er heute sein wollte.

Ich fragte mich, wie viele Geschichten gerade neben mir standen.

Vielleicht hatte die Frau mit dem roten Schal gestern eine Entscheidung getroffen, die ihr Leben verändert.

Vielleicht fährt der Mann mit den Kopfhörern jeden Morgen denselben Weg, weil irgendwo am Ende dieser Strecke jemand auf ihn wartet.

Der Bus kam schließlich doch. Die Türen zischten auf, und für einen Moment bewegten wir uns alle gleichzeitig. Fremde Menschen mit eigenen Welten im Kopf. Ich setzte mich ans Fenster. Die Scheibe war kühl, die Landschaft zog langsam vorbei.

Und plötzlich wurde mir klar:

Das Leben passiert nicht nur an großen Tagen. Es passiert genau hier zwischen zwei Haltestellen, in einem halbleeren Bus, an einem Morgen, der eigentlich ganz gewöhnlich sein sollte.


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