Ich bin nie nur hier. Ein Teil von mir ist immer schon weiter

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Volontärin · HAK1 Klagenfurt - Handelsakademie & Handelsschule
03.04.2026
4 Min.

Wenn Gedanken wandern, ist der Alltag selten nur das, was gerade wirklich passiert. Ein Film wird plötzlich zu einer eigenen Rolle, ein gemeinsamer Moment mit dem Freund zu einer Vorstellung von Zukunft, und ein Einkauf fühlt sich hungrig ganz anders an als sonst. Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie schnell Wünsche, Gefühle und Gedanken aus kleinen Momenten etwas viel Größeres machen.

Kennt ihr das? Manchmal werden meine Gedanken Wirklichkeit.. (Foto: Pexels)

Wenn ein Film plötzlich echt wird

Der Bildschirm flackert, die Musik wird spannender, und ich merke schon nach ein paar Minuten, dass ich nicht mehr nur zuschaue. Bei Salt lehne ich mich ein Stück nach vorne, als wäre ich selbst gerade auf der Flucht. Angelina Jolie rennt durch einen engen Gang, schaut kurz über die Schulter, bleibt trotzdem ruhig. In meinem Kopf bin plötzlich nicht mehr sie, sondern ich.

Ich stelle mir vor, wie ich in so einer Szene wirken würde. Würde ich genauso entschlossen schauen, genauso schnell denken, genauso cool bleiben? Ich sehe mich in schwarzen Sachen durch einen dunklen Raum gehen, höre meine Schritte auf dem Boden, spüre dieses Kribbeln, als müsste ich jeden Moment eine Entscheidung treffen. Im nächsten Augenblick bin ich in einem ganz anderen Film. Ein langes Kleid, glänzende Stufen, leises Gemurmel im Saal. Ich gehe wie eine Prinzessin durch einen großen Raum und alle Blicke richten sich auf mich. Dann wieder ein Schnitt in meinem Kopf. Diesmal bin ich eine Diebin, ziehe lautlos etwas aus einer Tasche, tue so, als wäre nichts, und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie laut mein Herz schlägt.

Der Film läuft weiter, aber ich bin längst in meiner eigenen Version gelandet. Ich sehe nicht nur eine Geschichte, ich rutsche mitten hinein. Für ein paar Minuten fühlt sich das alles nicht mehr weit weg an, sondern so, als könnte ich genau dort dazugehören.

Wenn aus einem Abend zu zweit ein gemeinsames Zuhause wird

Wir sitzen bei ihm zuhause auf dem Bett, zwischen uns meine Sachen für die Schule, irgendwo läuft leise der Fernseher. Eigentlich reden wir nur ganz normal. Ich erzähle ihm, was ich noch für die Diplomarbeit machen muss, und er sagt sofort, dass er mir helfen kann. So nebenbei, ganz selbstverständlich, als wäre es das Normalste auf der Welt, meine Probleme auch zu seinen zu machen.

Dann reden wir weiter. Darüber, wie stressig gerade alles ist, was ich noch lernen muss, was nächste Woche ansteht. Er hört mir zu, schaut mich an, bleibt ruhig, und ich merke wieder, wie gut es sich anfühlt, mit jemandem zusammen zu sein, bei dem ich nicht erst erklären muss, warum mich etwas belastet. Irgendwann sagt einer von uns etwas Kleines, vielleicht nur: Stell dir vor, wir hätten jetzt einfach unsere eigene Wohnung. Und in meinem Kopf ist der Raum plötzlich größer.

Ich sehe uns morgens in einer Küche stehen. Einer ist noch müde, der andere macht Kaffee. Meine Sachen liegen nicht mehr halb bei mir und halb bei ihm, sondern einfach bei uns. Kein Verabschieden mehr am Abend, kein Heimfahren, kein Dieses Wochenende sehen wir uns wieder, sondern ein gemeinsamer Alltag. Zusammen aufwachen, zusammen essen, zusammen einschlafen. Nicht nur besondere Momente teilen, sondern auch die ganz normalen.

Während er neben mir sitzt, wird mir wieder klar, warum ich mir das so sehr wünsche. Nicht nur, weil ich ihn liebe, sondern weil er mir dieses sichere Gefühl gibt. Dieses Hier bin ich richtig. Bei ihm fühlen sich selbst Abende, an denen wir gar nichts Großes machen, nach etwas an, das ich festhalten möchte.

Hungrig einkaufen

Schon beim Eingang rieche ich Gebäck und merke sofort, dass das ein Fehler war. Ich nehme einen Wagen, gehe an den ersten Regalen vorbei und plötzlich sieht alles gut aus. Die Chips wirken knuspriger als sonst, die Schokolade irgendwie genau richtig, die fertigen Sandwiches sehen auf einmal aus wie das Beste, was ich heute essen könnte.

Ich bleibe bei den Süßigkeiten stehen und denke sofort: Das nehme ich mit. Zwei Schritte weiter liegen Croissants in einer Packung, weich, golden, frisch. Auch die. Dann sehe ich noch einen Pudding, ein paar Kekse, irgendeinen Aufstrich, den ich sonst nie kaufe, und jedes Mal klingt es in meinem Kopf gleich überzeugend. Das hätte ich jetzt richtig gern. Das auch. Und das eigentlich auch noch.

Während ich den Wagen weiterschiebe, stelle ich mir schon vor, wie ich alles esse. Die erste salzige Kleinigkeit noch im Auto, später etwas Süßes, dann vielleicht noch das, worauf ich gerade eben erst Lust bekommen habe. In diesem Moment wirkt nichts übertrieben. Alles fühlt sich logisch an. Erst an der Kasse, wenn viel mehr auf dem Band liegt als geplant, merke ich, was passiert ist. Hungrig einkaufen heißt für mich, dass plötzlich jedes Regal so aussieht, als hätte es genau auf mich gewartet.

Kleine Auslöser, große Bilder im Kopf

Diese drei Situationen haben etwas gemeinsam. Es braucht nur einen kleinen Moment, und in meinem Kopf wird daraus sofort viel mehr. Ein Film ist nicht einfach nur ein Film, sondern eine Rolle, in die ich für ein paar Minuten selbst hineinspringe. Ein Abend mit meinem Freund bleibt nicht nur ein Abend, sondern wird zu einem Bild von unserem möglichen gemeinsamen Leben. Und ein Einkauf ist nicht nur Einkaufen, sondern plötzlich eine ganze Sammlung von Dingen, die ich am liebsten sofort hätte.

Daran merke ich, wie schnell mein Kopf aus einem kleinen Auslöser eine ganze eigene Welt macht. Der Alltag besteht für mich nicht nur aus dem, was gerade wirklich passiert. Er besteht auch aus dem, was ich darin sehe, was ich mir ausmale und was ich mir wünsche. Genau dadurch werden ganz normale Momente plötzlich viel größer.




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