Zwischen Momenten

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27.04.2026
4 Min.

Es fällt uns immer schwerer, einfach nichts zu tun. In drei kleinen Situationen habe ich beobachtet, wie sehr unser Alltag von Unruhe und Gewohnheit geprägt ist.

Die leisen Details des Alltags (Foto: Maya)

Im Bus saß ich einer Frau gegenüber, vielleicht Mitte vierzig. Ihr Mantel war dunkel, an den Ärmeln leicht abgewetzt, und ihre Haare hatte sie hastig zu einem losen Knoten gebunden. Während der Wagen leicht schwankte, zog sie zum wiederholten Mal den Reißverschluss ihrer Tasche auf. Das leise Surren schnitt kurz durch das gleichmäßige Brummen des Motors.

Ihre Finger tauchten hinein, tasteten suchend, fanden etwas: ein Handy, dann ein Schlüsselbund, dann ein zerknittertes Taschentuch. Jedes Mal hob sie den Gegenstand kurz an, als würde sie prüfen, ob es das Richtige sei, nur um ihn gleich wieder zurückzulegen. Kaum war die Tasche geschlossen, öffnete sie sie erneut.

Ich fragte mich, ob sie wirklich etwas suchte. Hatte sie etwas vergessen? Oder war es nur diese Bewegung selbst, die sie brauchte? Ihr Blick blieb nirgends lange hängen, auch nicht draußen am Fenster, wo die Stadt vorbeizog. Er wirkte, als würde er durch alles hindurchsehen, ohne etwas festzuhalten.

Nach einigen Minuten hatte ich nicht mehr den Eindruck, dass es um einen Gegenstand ging. Eher darum, die Hände zu beschäftigen. Vielleicht, um eine innere Unruhe zu ordnen, die sich sonst nicht greifen ließ. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie oft ich selbst Dinge tue, ohne genau zu wissen, warum – nur, um nicht still sein zu müssen.

Gehen wie ein Kind

Später, auf dem Weg nach Hause, lief vor mir ein Kind, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Ich würde sagen, ein Junge – kurze, etwas zerzauste Haare, eine Jacke, die ihm ein wenig zu groß war, und ein Rucksack, der fast die Hälfte seines Rückens bedeckte. Die Träger saßen schief auf seinen Schultern, und bei jedem Schritt wippte der Rucksack leicht gegen ihn.

Er ging nicht geradeaus. Seine Schritte machten kleine Schlenker, als würde er unsichtbaren Linien auf dem Gehsteig folgen. Plötzlich blieb er stehen – die Schuhe quietschten leise auf dem Asphalt – drehte sich halb um, als hätte er etwas gehört oder sich umentschieden, und lief dann weiter.

Sein Gang hatte keinen festen Rhythmus: zwei schnelle Schritte, dann ein langsamer, dann ein kleiner Sprung über eine Fuge im Boden. Ich merkte, wie ich ihm automatisch folgte, langsamer wurde, fast darauf wartete, was er als Nächstes tun würde.

Um uns herum bewegten sich die Erwachsenen gleichmäßig vorwärts. Ihre Schritte waren gedämpft, zielgerichtet, fast synchron. Niemand blieb stehen, niemand wich von seiner Spur ab. Ich fragte mich, wann genau man damit aufhört – so zu gehen wie dieses Kind. Wann wird aus diesem spielerischen Umherschweifen ein gerader Weg mit Ziel?

Und warum fühlt sich dieses freie, unregelmäßige Gehen plötzlich so fremd an?

Von Raum zu Raum

Am Abend, zurück in meiner Wohnung, bemerkte ich etwas Ähnliches bei mir selbst. Ich ging von Raum zu Raum, ohne ein klares Ziel zu haben. Der Boden war kühl unter meinen Füßen, irgendwo aus der Nachbarwohnung drang gedämpft ein Fernsehton durch die Wand. Ich nahm mein Handy vom Tisch, das Display leuchtete kurz auf, blendete mich – ich sah nicht einmal richtig hin – und legte es wieder weg. Warum hatte ich es überhaupt in die Hand genommen?

In der Küche öffnete ich den Kühlschrank. Ein kalter Luftzug schlug mir entgegen. Ich starrte für einen Moment auf die Regale, ohne bewusst etwas wahrzunehmen, und schloss die Tür wieder. Das leise Klacken hallte nach.

Ich ging weiter, blieb im nächsten Raum stehen, drehte mich wieder um. Erst als ich mitten im Raum stehen blieb und nichts mehr tat, wurde mir bewusst, dass all diese Bewegungen keinem wirklichen Zweck gefolgt waren. Es war, als hätte mein Körper einfach weitergemacht, ohne dass ich ihn gefragt hatte.

In diesem Moment kam mir die Frau im Bus wieder in den Sinn. Und das Kind auf der Straße. Drei ganz unterschiedliche Situationen – und doch schien etwas Gemeinsames darin zu liegen.

Die Frau, die suchte, ohne zu finden.

Das Kind, das ging, ohne anzukommen.

Und ich, der sich bewegte, ohne zu wissen, warum.

Vielleicht ist es gar nicht so einfach, einfach nichts zu tun. Vielleicht füllen wir die Leere mit kleinen Bewegungen, mit Handgriffen, mit Wegen, die nirgendwohin führen – nur damit es sich nicht leer anfühlt.

Und vielleicht verlernen wir mit der Zeit nicht nur das ziellose Gehen, sondern auch das bewusste Innehalten.

Was bleibt, ist diese leise Frage:

Wann habe ich zuletzt etwas getan – oder nicht getan – ohne es sofort mit einem Zweck zu füllen?

Und warum fällt genau das so schwer?



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