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Zwischen Geschlechterrollen, Neurodivergenz und Physik

"Ich heiße Alex und studiere Physik." Mein Spitzname ist geschlechtsneutral, doch im Kontext meines Studiums entsteht ein Bild, wie ich sein sollte: männlich. Mein Weg dorthin war lang, denn in meiner Familie war Bildung Männersache. Meiner Mutter wurde von meinem Großvater das Studieren, beinahe sogar das Maturieren verboten. Mein Vater wünschte sich nichts sehnlicher als einen Sohn. Ein glücklicher Zufall brachte mich zu Let's empower Austria. Danach war nichts mehr wie zuvor.

Ich spiele seit Jahren Querflöte und seit kurzem Traversflöte, zwei Instrumente, die als "typische Fraueninstrumente" gelten. Meine Kindheit war sehr von starren Rollenbildern geprägt, aber heute studiere ich Physik. (Foto: Alexandra Egger)

Mein Großvater mütterlicherseits war in vielerlei Hinsicht ein schwieriger Mensch. Jedes Mal, wenn meine Mutter von ihrer Kindheit erzählt, bewundere ich sie dafür, was sie mit Unterstützung meiner Großmutter erreicht und überstanden hat. Heute stehe ich hier als Erstakademikerin mit fast abgeschlossenem Physikbachelor und einer Matura mit Auszeichnung, und das verdanke ich vor allem ihr.

Meine Mutter hätte gern studiert, doch es fehlte an Geld, und mein Großvater sah keinen Sinn darin. Nach seinem Willen hätte meine Mutter nicht einmal maturieren dürfen, denn „als Frau braucht man das ja nicht“. Jetzt macht sie mit Mitte vierzig eine Fachhochschule und erfüllt sich den Traum, der ihr damals auch wegen ihres Geschlechts verwehrt wurde.

Leider war die Beziehung zu meinem Vater nicht leichter. Er wünschte sich nichts inniger als einen Sohn, war er doch der Ansicht, dass die (seines Erachtens strikt binären) Geschlechter grundlegend verschieden seien. Aber dann kam ich, eine Tochter, statt des heiß ersehnten männlichen Nachwuchses. Somit wuchs ich mit einem sehr starren Rollenverständnis auf.

Milde gesagt war die Situation schwierig, auch weil er die finanzielle Abhängigkeit meiner Mutter lange ausnutzte. Mein Vater war Hauptverdiener, meine Mutter finanziell abhängig. Zeitgleich hatte er lange psychische Probleme, stationäre Klinikaufenthalte inklusive. Ohne anderweitige finanzielle Unterstützung hätte die Scheidung damals für sie den finanziellen Ruin bedeutet. Dafür, dass sie es trotzdem geschafft hat, mir und meinem Bruder eine ansatzweise normale Kindheit zu ermöglichen, werde ich ewig dankbar sein. Halt fand ich damals vordergründig in Bildung. Ich war das, was man "Streberin" nennt. Ich erlebte, dass ich gut sein kann, wenn ich mich anstrenge, dass Lernen mir aufrichtig Freude macht. Bildung wurde mein Anker, um mit meiner Familiensituation umgehen zu können.

Ein neuer Lebensabschnitt

Trotzdem kostete es mich viel Überwindung, mein Physikstudium zu beginnen, weil es so vielen Glaubenssätzen widersprach, mit denen ich aufgewachsen bin. Doch ich war mir sicher, wie sehr ich es bereuen würde, es aus Angst, nicht gut genug zu sein, nicht zu versuchen. Richtige Entscheidungen sind nicht immer die einfachsten. Und Physik war für mich goldrichtig.

Meine naturwissenschaftliche Reise erstreckte sich über mehrere wissenschaftliche Stellen, unter anderem in der Mechatronik, in der analogen Weltraumforschung, bei supraleitenden Quantenschaltkreisen und letztendlich in der medizinischen Statistik, wo ich hängenblieb und zum dritten Mal am selben Institut arbeite, weil ein Professor an mein Potenzial glaubte, auch wenn ich es selbst nicht sehen konnte. Momentan arbeite ich an einer Studie, die sich auf die Auswertung von Mammographiedaten konzentriert.

Der "Gender Data Gap"

Dass Krankheiten wie Endometriose der Allgemeinheit stärker bekannt und intensiver erforscht werden, ist leider ein neues Phänomen. Lange waren wir Frauen in medizinischen Studien aufgrund einer Datenlücke zwischen den Geschlechtern deutlich unterrepräsentiert, weshalb viele Symptome, die vermehrt Frauen betreffen, eher übersehen wurden. Je mehr man von diesem (weißen) männlichen Ideal abweicht, desto schwerer wird es, eine Diagnose zu erhalten.

Ich bin mir bewusst, dass ich trotz allem, auch in meiner Kindheit, mit mehr als genug Privilegien aufgewachsen bin, doch diese Datenlücke erwies sich als weiterer Schlüsselmoment in meiner Changemaker-Reise. Warum? Weil ich eine neurodivergente Frau bin, die undiagnostiziert aufwuchs. Lange war ich fest davon überzeugt, mit mir stimme etwas nicht, weil ich anders funktioniere.

Für mich war meine Andersartigkeit damals rein negativ, ich versuchte alles, um meine Eigenheiten und auch Schwierigkeiten zu verbergen, bis ich Menschen fand, die genau diese Eigenschaften an mir schätzen. Heute habe ich einen großartigen, mitunter auch neurodivergenten Freundeskreis, der mir half, meine Stimme zu finden, zu mir als Person zu stehen und all die negativen Adjektive, mit denen ich jahrelang vor allem von Gleichaltrigen beschrieben wurde, hinter mir zu lassen. Wenn ich vor Schulklassen stehe, rede ich über genau diese Momente: darüber, dass diese Art der Andersartigkeit nicht schambehaftet sein muss.

Was bleibt

Changemaker ist ein großes Wort, dessen Fußstapfen ich hoffentlich irgendwann füllen kann. Ich arbeite unter anderem schon länger mit Let us empower Austria zusammen und nehme an Schulworkshops teil, um insbesondere Schülerinnen meinen Studienalltag und Arbeitserfahrungen näherzubringen.

Wenn mich das eines gelehrt hat, dann das: Veränderung ist immer beidseitig. Mein Engagement hat mich verändert. So viele wunderbare Menschen würde ich nicht kennen, so viele Momente wären ungelebt geblieben, so viele Gespräche wären nie geführt worden. Die Person, die diesen Text geschrieben hat, würde schlichtweg nicht existieren. Einige meiner besten Freund:innen, die mein Leben auf viele positive Arten verändert haben, kenne ich nur durch mein ehrenamtliches Engagement.

Wenn ich meine Reise mit einem Zitat zusammenfassen müsste, wäre es ein Ausschnitt aus Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Dem ist, meines Erachtens, nichts mehr hinzuzufügen.





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