Vor der Reise war der Holocaust für mich vor allem mit Unterrichtsstunden verbunden. Mit Texten, Bildern und Jahreszahlen. Ich wusste, was passiert war. Ich kannte Geschichten, nicht nur aus Büchern, auch von alten Verwandten. Trotzdem war es ein anderes Gefühl, an einem Ort zu stehen, an dem diese Geschichte nicht nur in einem Buch vorkam. Ich konnte nicht so richtig begreifen, was dort vor sich gegangen ist, während ich an den Schauplätzen vorbeiging, als ob meine Gedanken versteinert wären.
Der Bus vor unserem Hostel in Krakau sah zunächst aus wie vor jeder anderen Klassenfahrt. Der Bus war mit irgendeinem polnischen Schriftzug versehen. Der Fahrer rauchte noch eine, wahrscheinlich um uns während der Fahrt auszuhalten. Rucksäcke lagen auf den Sitzen, einige schauten aus dem Fenster, andere hörten Musik oder unterhielten sich leise. Nur unser Ziel passte nicht zu dieser normalen Stimmung.
Rund zwei Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Viele davon sind Schulklassen. Auch wir kamen mit einem Bus, bekamen später Audio-Guides und folgten einer festen Route durch das Gelände. Während der Fahrt fragte ich mich, ob ein solcher Ort irgendwann zu einem festen Programmpunkt wird, den Klassen einfach abhaken, oder ob er trotzdem noch seine Wirkung entfalten kann.
Eine Fahrt voller Ungewissheit
Bevor wir in den Bus vor unserem Hostel in Krakau einstiegen, haben uns unsere Lehrer*innen noch gefragt, was wir uns von dieser Exkursion erwarten. Was folgte, war eine unangenehme Stille. Auch ich wusste zuerst nicht, was ich antworten sollte.
Ich wollte schon meinen Freund Diego fragen, ob er auch nicht weiß was er sagen soll. Ich traute mich aber nicht. Ich wollte weder die Aufmerksamkeit der Lehrer erwecken, noch die Stille unterbrechen.
Nach einiger Zeit meldete sich endlich eine Schülerin. Ella sagte:" Ich denke, wir werden Bilder sehen, die nicht einfach so in Bücher gedruckt werden." Danach kamen weitere Stimmen dazu. Einige sagten, dass sie neugierig seien und neues lernen werden. Andere wirkten unsicher. Die Begeisterung stand aber niemandem ins Gesicht geschrieben. Eine Exkursion zu einem Ort wie Auschwitz stand schließlich nicht ganz oben auf der Liste der Dinge, auf die sich viele von uns freuten.
Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster. Häuser zogen vorbei, während es im Bus überraschend ruhig blieb. Einige hörten Musik. Andere unterhielten sich leise. Ich schaute mich um und erkannte die Ungewissheit in jedem einzelnen von uns.
Schockierende Eindrücke und eine ungewohnte Atmosphäre
Am Vormittag besichtigten wir das Stammlager. Jeder von uns bekam einen Audio-Guide. Mit Kopfhörern gingen wir von Gebäude zu Gebäude. Im ersten Moment fühlte es sich wie ein Museumsbesuch an. Wir liefen mit der Gruppe durch die Räume und hörten die Erklärungen aus den Geräten. Doch in den Hellblau bemalten Räumen wirkten die Bilder und Gegenstände anders als im Unterricht.
In einer Vitrine lagen Haare, die den Opfern abgenommen wurden. Die Haare lagen dicht nebeneinander hinter Glas. Es sah so aus, als ob ich vor einem Heuhaufen stehen würde. Ein Raum weiter lagen in einer Vertiefung Berge von Kinderschuhen. Kleine Schuhe, große Schuhe, Schuhe, die einmal jemandem gehört hatten. In einem anderen Gebäude hing ein großes Bild von drei abgemagerten Kindern.
Ich merkte, dass ich irgendwann nicht mehr jede Erklärung des Audio-Guides vollständig aufnahm. Ich blieb länger vor einzelnen Dingen stehen und versuchte mir vorzustellen, dass diese Gegenstände einmal Menschen gehört hatten. Trotzdem blieb dieser Besuch auch eine Klassenfahrt. Wir gingen weiter, hörten zu und folgten der Gruppe. Nach mehreren Stunden kamen Müdigkeit und Gedanken aus dem Alltag dazu. "Was mache ich wenn ich zurückkomme? Ich muss mir noch eine neue Handyhülle kaufen." Der Kopf konnte nicht jede Information gleichzeitig aufnehmen.
Nach einer kurzen Mittagspause am Snackautomaten, die mehr für Empörung als für Erholung sorgte, gingen wir weiter Richtung Auschwitz-Birkenau. Die Pause fühlte sich nach diesem Vormittag fast unwirklich an. Ich kaufte mir zwei Bueno. Mein Freund Stefan nahm zwei Twix. Es war nicht viel, aber es war besser als nichts.
Während ich die Verpackung öffnete, musste ich kurz darüber nachdenken, wie seltsam dieser Moment war. Wenige Minuten zuvor standen wir noch vor persönlichen Gegenständen von Menschen, deren Leben an diesem Ort zerstört wurde. Jetzt saßen wir dort und aßen Süßigkeiten. Dieser Moment blieb mir im Kopf. Er zeigte mir, dass ein solcher Tag nicht nur aus einem einzigen Gefühl besteht. Auch an einem Ort wie Auschwitz bleiben Hunger, Müdigkeit und ganz normale Gedanken Teil des Tages.
Wir standen vor dem berüchtigten Tor aus den Fotos im Internet. In Auschwitz-Birkenau wurde vor allem die Größe des Geländes spürbar. Der Blick ging über lange Reihen von Baracken und Schienen. Egal in welche Richtung ich schaute, das Gelände schien kein Ende zu haben. Hier blieb weniger ein einzelnes Bild hängen, sondern die Vorstellung, wie viele Menschen diesen Ort durchlaufen mussten.

Am Ende des Tages standen wir am Mahnmal am anderen Ende des Lagers. Viele schauten in den Sonnenuntergang. Danach gingen wir zurück zum Bus.
Bei der Rückfahrt war es deutlich lauter. Einige erzählten, was ihnen im Kopf geblieben war "Ich hab mich so unwohl in den Gaskammern gefühlt", hörte ich aus der Menge. Andere waren froh, dass der lange Tag vorbei war. "Ich bin so müde. Endlich zurück ins Hotel", sagte Alex. Einer Lehrperson gefiel unser Verhalten gar nicht. Sie rief laut: "Könnt ihr bitte leise sein. Wir waren gerade in Auschwitz, wie habt ihr noch so viel zu sagen."
Bleibende Eindrücke
Am nächsten Morgen mussten wir erzählen, was bei der Exkursion hängen geblieben war. Anfänglich fühlte sich das unangenehm an, aber
„Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, wie groß das Lager in echt ist“, sagte Greta, 17.
„Mich haben die Kinderschuhe echt mitgenommen“, erzählte Stefan.
Vor der Reise dachte ich, ein Besuch in Auschwitz würde mich irgendwie verändern. Ich erwartete keinen komplett anderen Menschen, aber ich dachte, ich würde mit einer klaren Erkenntnis nach Hause fahren. Das ist nicht passiert.
Was geblieben ist, war etwas anderes: die Vorstellung von der Größe dieses Ortes. Ich kannte die Bilder und Daten. Erst dort wurde mir bewusst, welche Dimension diese Zahlen wirklich haben.
Ich denke heute nicht jeden Tag an diesen Besuch zurück. Trotzdem gibt es einzelne Bilder, die geblieben sind. Die Haare hinter Glas. Die Kinderschuhe. Die unzähligen Reihen der Baracken in Birkenau. Momente, die schwer in Worte zu fassen sind, aber trotzdem nicht einfach verschwinden.
Für mich ist das die Wirkung eines Besuches einer KZ-Gedenkstätte. Es bleiben die Vitrinen, die endlose weite des Lagers und der Sonnenuntergang, dem wir müde entgegenblickten.
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