(Der folgende Text basiert auf einem Interview mit Camilla Mittelberger. Ihre Erlebnisse und Beobachtungen wurden in einer erzählenden Reportage zusammengefasst.)
Wenn Camilla am Morgen aufwacht, schaut sie nicht als Erstes aufs Handy. Sie drückt auf die Nachttischlampe. Brennt das Licht, gibt es Strom. Brennt es nicht, beginnt der Tag mit Unsicherheit.
„Dann weiß ich, ob ich mir überhaupt einen Kaffee machen kann“, sagt sie. Eine Routine, die man sich nur schwer vorstellen kann, für viele Menschen in der Ukraine längst Alltag, wie Camilla beschreibt.
Leben im Abschaltmodus
Stromausfälle gehören zu den größten Herausforderungen. Nach gezielten Angriffen auf die Infrastruktur funktionieren Heizung, Wasser und Licht oft tagelang nicht. Camilla schildert, wie eine App den Bewohner*innen Kiews zeigt, wann Strom verfügbar sein sollte und wie Notabschaltungen trotzdem jeden Plan über den Haufen werfen.
„In manchen Hochhäusern kommt Wasser nicht mehr in die oberen Stockwerke. Viele ältere Menschen sitzen dann im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen“, erzählt Camilla. Je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer wird die Lage: kältere Temperaturen, schwerere Angriffe, noch stärker zerstörte Infrastruktur.
Trotzdem gehen die Menschen zur Arbeit, treffen sich in Cafés, stehen Schlange für Brot und versuchen, etwas Normalität zu bewahren.
„Die Resilienz der Ukrainerinnen und Ukrainer ist enorm. Trotz Müdigkeit verliert hier niemand die Hoffnung.“
Wenn medizinische Versorgung zum Luxus wird
Besonders dramatisch ist die Lage im Osten und Süden. Krankenhäuser sind zerstört, viele Ärztinnen geflohen. Camilla erzählt, wie das Rote Kreuz mit mobilen Gesundheitsteams einspringt. Täglich fahren Ärztinnen und Pflegekräfte in entlegene Dörfer, um Menschen zu versorgen, die sonst niemanden hätten.
Eine Geschichte hat Camilla besonders geprägt:
In einem Dorf nahe Mykolajiw lebte eine ältere Person mit weit fortgeschrittenem Diabetes. Eigentlich sollte ihr Bein amputiert werden. Durch die regelmäßigen Besuche des mobilen Teams konnte die Amputation verhindert werden.
„Wenn man sieht, wie Hilfe ein Leben so verändert, trägt uns das durch die schlimmen Tage.“
Auch die Hauskrankenpflege spielt eine wichtige Rolle. Viele ältere Menschen sind völlig allein, bettlägerig oder verlassen das Haus nicht mehr. Für sie ist die Pflegerin oft der einzige soziale Kontakt.
„Das Wichtigste ist manchmal gar nicht die Pflege selbst, sondern jemand, der zuhört“, erklärt Camilla.
Kälte, Dunkelheit und eine Bevölkerung, die nicht aufgibt
Mit dem Winter wächst die Sorge vor den Temperaturen. Ohne Heizung wird Kälte lebensgefährlich, vor allem für ältere Menschen. Camilla spricht über Bargeldhilfen und Heizmaterial, mit denen das Rote Kreuz gegenzusteuern versucht, zu wenig für alle, aber oft entscheidend.
In vielen Städten ist es abends fast komplett dunkel.
„Wenn ich auf Urlaub nach Wien fahre, merke ich erst, wie viel Licht wir gewohnt sind. Hier in der Ukraine ist die Stadt plötzlich schwarz, wenn der Strom ausfällt.“
Und trotzdem gibt es Momente, die Hoffnung geben. Nach einer besonders schweren Nacht bekam Camilla in einem Café ein Dessert aufs Haus.
„Die Kellnerin sagte: ‚Wir wissen, die Nacht war schlimm, das geht aufs Haus.‘ Solche Gesten tragen uns.“
Arbeit im Ausnahmezustand
Die größte Herausforderung für Camillas Team bleibt die Sicherheitslage. Jeden Tag werden Routen neu geplant. Fahrten werden abgesagt, sobald Air-Alerts, Angriffe oder neue Schäden gemeldet werden.
„Wir müssen extrem flexibel sein. Sicherheit geht immer vor.“
Die Noteinsatzteams des Ukrainischen Roten Kreuzes bestehen zum Großteil aus Freiwilligen. Sie sind rund um die Uhr einsatzbereit. Wird ein Wohnhaus getroffen, bauen sie ein beheiztes Zelt auf, verteilen Tee und Decken, leisten erste Hilfe, oft mitten in der Nacht. Auch die Evakuierung älterer Menschen übernehmen sie.
„Diese Freiwilligen stellen alles hinten an. Ihre Priorität ist, für andere da zu sein“, erklärt Camilla.
Was Teenager tun können und warum Engagement zählt
Als ich Camilla frage, wie sich Jugendliche engagieren können, lächelt sie.
„Du machst es gerade, indem du darüber schreibst.“
Bewusstsein schaffen, zuhören, erzählen, auch das ist Hilfe, sagt sie. Dazu kommen Jugendrotkreuz, lokale Projekte, Freiwilligenarbeit.
„Der Bedarf ist riesig. Mehr als zwölf Millionen Menschen in der Ukraine sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, mehr als ganz Österreich.“
Zwischen Erschöpfung und Hoffnung
Natürlich gibt es Momente, in denen alles zu viel wird. Zu laut. Zu dunkel. Zu kalt.
Aber dann verlässt Camilla das Haus, sieht Menschen, die trotz Angst ihren Alltag bewältigen, und erinnert sich, warum sie hier ist.
„Wenn wir sehen, wie unsere Arbeit Leben verändert, ist das der größte Antrieb.“
Ihr größter Wunsch für die Menschen in der Ukraine?
„Frieden. Nicht mehr überlegen müssen, wann Strom da ist, wann man duschen kann oder wann man das nächste Mal eine Ärztin sieht. Einfach Alltag ohne Angst.“
Was sie aus vier Jahren Krieg mitnimmt, fasst sie in einem Satz zusammen:
„Wenn du denkst, alles ist zu viel, trägt dich der Zusammenhalt weiter.“
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