„Fast zwei Billionen Euro für den nächsten EU-Haushalt sind schlicht zu viel.“ Diesen Satz schreibt Bundeskanzler Christian Stocker auf Instagram. Ich lese ihn auf meinem Handy und bleibe an der Zahl hängen. Zwei Billionen Euro. Eine Summe, bei der ich kaum noch ein Gefühl für ihre Größe habe. Dann schaue ich auf den Zeitraum: 2028 bis 2034.
2034 bin ich 26. Vielleicht liegt mein Studium dann bereits hinter mir und ich arbeite seit einigen Jahren. Programme, die heute in Brüssel verhandelt werden, könnten bis dahin mitentscheiden, ob wir für ein Semester ins Ausland gehen können, welche Forschung gefördert wird und welche Unternehmen neue Jobs schaffen. Plötzlich wirkt der Streit um zwei Billionen Euro deutlich näher.
Sechs Länder wollen mehrere hundert Milliarden streichen
Am 27. August trafen sich die Regierungschefs von Deutschland, Österreich, Dänemark und Finnland in Berlin. Die Niederlande und Schweden waren per Video zugeschaltet. Gemeinsam veröffentlichten die sechs Länder eine Erklärung zum nächsten langfristigen EU-Haushalt.
Die EU-Kommission schlägt für die Jahre 2028 bis 2034 fast zwei Billionen Euro vor. Das entspricht im Schnitt 1,26 Prozent des Bruttonationaleinkommens der EU.
Deutschland, Österreich, Dänemark, Finnland, die Niederlande und Schweden wollen den Vorschlag um mehrere hundert Milliarden Euro verkleinern. In ihrer gemeinsamen Erklärung steht außerdem: Alle Bereiche des Haushalts sollen zu den Einsparungen beitragen.
Stocker formuliert seine Position klar: „Das neue Budget muss im Gesamtvolumen deutlich kleiner sein.“
Was zwei Billionen überhaupt finanzieren
Der Begriff EU-Haushalt klingt nach Verwaltung in Brüssel. Das Geld landet aber an vielen Stellen, die wir im Alltag sehen.
Die Kommission plant unter anderem 865 Milliarden Euro für nationale und regionale Partnerschaften. Dazu gehören Bereiche wie Regionalentwicklung, Landwirtschaft und soziale Förderung. Rund 409 Milliarden Euro sind für Wettbewerbsfähigkeit vorgesehen, darunter Forschung und neue Technologien.
Für Bildung, Erasmus+ und Programme rund um demokratische Werte sind zusammen rund 49 Milliarden Euro vorgesehen.
Damit entscheidet dieser Haushalt auch darüber, welche Chancen unsere Generation in den kommenden Jahren bekommt.
Über 42.000 aus Österreich waren 2025 mit Erasmus unterwegs
Erasmus+ zeigt besonders gut, wie aus Milliardenbeträgen eine persönliche Erfahrung wird. 2025 nahmen laut OeAD über 42.000 Menschen aus Österreich an Erasmus+ Aufenthalten im Ausland teil. Das Programm betrifft längst Studierende, Schülerinnen und Schüler, Lehrlinge, Jugendliche und Lehrkräfte.
Für die nächste Budgetperiode schlägt die EU-Kommission allein für Erasmus+ 40,8 Milliarden Euro vor.
Wer heute 16 oder 17 ist, könnte während der Laufzeit dieses Budgets studieren oder eine Ausbildung machen und selbst einen Erasmus-Aufenthalt planen.
Noch steht keine Kürzung bei Erasmus fest. Die sechs Nettozahler nennen in ihrer gemeinsamen Erklärung keine einzelnen Programme, die kleiner werden sollen. Ihre Forderung nach Einsparungen in allen Haushaltsbereichen macht die endgültige Höhe solcher Programme trotzdem zu einem Teil der Verhandlungen.
Gleichzeitig sollen Forschung und Sicherheit stark bleiben
Hier beginnt der schwierige Teil des Sparplans.
Stocker will einen kleineren Gesamthaushalt. Gleichzeitig nennt er Wettbewerbsfähigkeit, Forschung, Sicherheit und Migration als Bereiche mit europäischem Mehrwert. Landwirtschaft und Regionen sollen ebenfalls verlässlich abgesichert werden.
Die gemeinsame Erklärung der sechs Länder setzt ähnliche Prioritäten: Sicherheit und Verteidigung, Wettbewerbsfähigkeit, Migration und europäische Souveränität.
Wenn viele große Bereiche geschützt oder sogar gestärkt werden sollen und das Gesamtbudget gleichzeitig um mehrere hundert Milliarden sinken soll, muss am Ende politisch entschieden werden, wo weniger Geld landet.
Diese Entscheidung betrifft unsere Zukunft stärker als die Zahl zwei Billionen allein.
Warum Österreich überhaupt kürzen will
Österreich gehört zu den Nettozahlern der EU. Das bedeutet: Das Land zahlt insgesamt höhere Beiträge in den EU-Haushalt ein, als über klassische EU-Ausgaben zurückfließen.
Stocker verweist darauf, dass die sechs Länder hinter der gemeinsamen Erklärung zusammen rund 40 Prozent des EU-Budgets finanzieren. Österreich will seinen eigenen Beitrag im nächsten Finanzrahmen möglichst stabil halten.
Dazu kommt ein Rabatt auf den österreichischen EU-Beitrag. Laut Finanzministerium verringerte dieser Rabatt Österreichs Beitrag 2025 netto um rund 424 Millionen Euro. Stocker fordert, eine solche Ermäßigung auch nach 2027 weiterzuführen.
Sein Argument lautet im Kern: Während Staaten ihre nationalen Haushalte sanieren, soll auch die EU ihre Ausgaben begrenzen und stärker priorisieren.
Ein kleineres Budget hat zwei Seiten
Die Forderung lässt sich nachvollziehen. Auch europäisches Geld muss finanziert werden und nationale Budgets stehen unter Druck. Höhere Beiträge an die EU fehlen zunächst im österreichischen Staatshaushalt.
Auf der anderen Seite können gemeinsame EU-Ausgaben Projekte finanzieren, die ein einzelnes Land schwer alleine stemmen könnte. Forschung, große Infrastruktur, Sicherheit, grenzüberschreitende Ausbildung oder Programme wie Erasmus funktionieren über Landesgrenzen hinweg.
Darum geht es bei den kommenden Verhandlungen weniger um die einfache Frage „sparen oder ausgeben“. Es geht darum, welchen Bereichen Europa bis 2034 Priorität gibt.
Für unsere Generation ist dieser Unterschied entscheidend. Kürzungen bei Verwaltung fühlen sich anders an als weniger Plätze für einen Austausch, kleinere Forschungsprogramme oder weniger Geld für Regionen und Ausbildung.
Bisher wurde noch nichts gestrichen
Der Vorschlag der EU-Kommission ist kein fertiges Budget. Die Verhandlungen laufen.
Für den langfristigen Finanzrahmen müssen sich alle 27 EU-Staaten einstimmig einigen. Anschließend braucht es auch die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Die EU strebt eine politische Einigung noch vor Ende 2026 an. 2027 sollen die einzelnen Programme beschlossen werden, damit der neue Finanzrahmen am 1. Jänner 2028 starten kann.
Die Forderung aus Berlin ist deshalb vor allem eine starke Verhandlungsposition.
Die kommenden Monate entscheiden, wie nah das endgültige Budget an den zwei Billionen liegt und welche Bereiche bei Kürzungen besonders viel beitragen müssen.
Wenn die Milliarden in meinem Lebenslauf landen
Ich schaue noch einmal auf Stockers Instagram-Post. „Fast zwei Billionen Euro“ steht dort. Nach der Recherche wirkt die Zahl für mich anders.
Vielleicht steht 2034 ein Erasmus-Aufenthalt in meinem Lebenslauf. Vielleicht arbeite ich in einem Unternehmen, das von europäischer Forschung profitiert. Vielleicht merke ich von vielen Milliarden überhaupt nichts.
Heute verhandeln Politiker darüber, wie Europa sein Geld bis dahin verteilt.
2034 bin ich 26. Die zwei Billionen stehen heute auf meinem Handy. Ihre Folgen könnten dann längst Teil meines eigenen Lebens sein.
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