Zucker ist in unserem Alltag allgegenwärtig, besonders dort, wo wir ihn oft gar nicht als große Menge wahrnehmen: in Getränken. Genau deshalb wird derzeit darüber diskutiert, ob eine Zuckersteuer in Österreich dazu beitragen könnte, den Zuckerkonsum zu senken.
27 Gramm Zucker stecken in einer 250-Milliliter-Dose Red Bull. Bei Coca-Cola sind es 10,6 Gramm pro 100 Milliliter, eine klassische 330-Milliliter-Dose kommt damit auf rund 35 Gramm.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, sogenannte freie Zucker auf weniger als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen. Dazu zählen zugesetzter Zucker sowie Zucker in Honig, Sirupen und Fruchtsäften. Der Zucker in einem ganzen Apfel oder einer Banane fällt nicht darunter. Unter fünf Prozent können laut WHO zusätzliche gesundheitliche Vorteile bringen. Bei einer Ernährung mit 2.000 Kilokalorien entsprechen fünf Prozent ungefähr 25 Gramm.
Diese 25 Gramm sind keine Grenze, ab der Zucker plötzlich schädlich wird. Sie dienen als Orientierung. Wer dauerhaft viel freien Zucker konsumiert, erhöht unter anderem das Risiko für Karies. Zuckerhaltige Getränke liefern außerdem viele Kalorien, sättigen aber vergleichsweise wenig. Eine kleine Dose Red Bull liegt damit bereits über dieser 25-Gramm-Orientierung.
„Wir sollten darüber intensiv diskutieren“, sagt Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger Ludwig von der SPÖ zur Idee einer Zuckersteuer. Ihr Vorschlag betrifft vor allem stark gesüßte Getränke. Einnahmen könnten in die Gesundheitsvorsorge fließen. Beschlossen ist bisher nichts.
Zahlen wir dann einfach mehr für Cola?
Der Begriff Zuckersteuer klingt zuerst nach einem Aufschlag an der Supermarktkasse. Das muss aber gar nicht ihr wichtigster Effekt sein.
Großbritannien zeigt ein anderes Modell. Dort zahlen Hersteller und Importeure abhängig vom Zuckergehalt ihrer Getränke. Je süßer ein Softdrink ist, desto höher fällt die Abgabe aus. Viele Unternehmen änderten deshalb ihre Rezepturen.
Zwischen 2015 und 2020 sank der durchschnittliche Zuckergehalt der betroffenen britischen Getränke um 46 Prozent. 89 Prozent der verkauften Softdrinks lagen schließlich unter jener Zuckergrenze, ab der die Abgabe fällig wurde. Für Hersteller entstand damit eine einfache Rechnung: Zucker reduzieren oder Steuer zahlen.
Das britische Beispiel zeigt damit: Eine Zuckersteuer kann tatsächlich dazu führen, dass Getränke weniger Zucker enthalten. Der Effekt entsteht nicht nur dadurch, dass Konsumentinnen und Konsumenten weniger kaufen, sondern vor allem dadurch, dass Hersteller ihre Rezepturen verändern.
Was eine Dose mit unserem Alltag zu tun hat
Für uns ist die Debatte näher, als sie zunächst wirkt. Etwa jedes sechste Kind beziehungsweise jeder sechste Jugendliche in Österreich trinkt täglich Softdrinks. In einer Klasse mit 24 Schülerinnen und Schülern wären das statistisch rund vier Personen.
Gerade bei Getränken unterschätzen wir Mengen leicht. 27 Gramm Zucker sehen auf der Zutatenliste abstrakt aus. Umgerechnet sind es ungefähr sechseinhalb Teelöffel. Gleichzeitig trinken wir eine Dose oft zusätzlich zu unseren normalen Mahlzeiten.
Deshalb konzentrieren sich viele Zuckersteuern auf Getränke. Hersteller können den Zuckergehalt dort vergleichsweise einfach verändern, ohne ein Produkt vollständig vom Markt zu nehmen.
England zeigt einen Effekt, aber keinen Zaubertrick
Großbritannien führte seine Abgabe 2018 ein. Ein Jahr später nahmen Kinder täglich rund drei Gramm weniger Zucker allein über Softdrinks auf, Erwachsene etwa fünf Gramm weniger.
Auch bei der gesamten Aufnahme freier Zucker zeigte sich ein Rückgang. Bei Kindern waren es rund fünf Gramm pro Tag, bei Erwachsenen etwa elf Gramm gegenüber der vorher erwarteten Entwicklung.
Eine weitere Untersuchung fand einen Rückgang bei Krankenhausaufnahmen von Kindern und Jugendlichen für Zahnziehungen wegen Karies um rund zwölf Prozent. Forschende bringen diese Entwicklung mit der Softdrinkabgabe in Verbindung.
Und warum gibt es trotzdem weiter Übergewicht?
Eine Zuckersteuer löst kein komplettes Gesundheitsproblem. Übergewicht hängt von vielen Faktoren ab: Ernährung insgesamt, Bewegung, Schlaf, Stress, soziale Bedingungen und genetische Einflüsse spielen zusammen.
Marlies Gruber vom forum. ernährung heute kritisiert deshalb die Forderung nach einer österreichischen Zuckersteuer. „Eine Steuer ersetzt keine Ernährungsbildung und kein bewegungsfreundliches Umfeld“, sagt sie.
Trotzdem gibt es Hinweise auf einen Effekt. Bei zehn- bis elfjährigen Mädchen lag die Adipositasrate nach Einführung der britischen Abgabe acht Prozent unter jener Entwicklung, die Forschende ohne die Steuer erwartet hatten. Das entsprach rund 5.200 Fällen pro Jahr. Bei gleichaltrigen Buben und jüngeren Kindern zeigte sich dieser Effekt nicht.
Das britische Beispiel spricht also weder für ein Wundermittel noch für Wirkungslosigkeit. Eine Zuckersteuer kann etwas verändern, aber sie löst nicht automatisch alle Probleme rund um Ernährung und Übergewicht.
Die Cola verändert sich schon vor dem Supermarkt
Vielleicht liegt der interessanteste Effekt gar nicht beim Preis. Ein Hersteller kann die Abgabe bezahlen und sie teilweise an Kundinnen und Kunden weitergeben. Er kann aber auch weniger Zucker verwenden und dadurch in eine günstigere Steuerstufe kommen. In Großbritannien entschieden sich viele Unternehmen für die zweite Variante.
Wir können also dieselbe Marke aus demselben Regal nehmen und trotzdem weniger Zucker trinken als einige Jahre zuvor.
Österreichische Hersteller könnten ähnlich reagieren. Ein aktueller Produktvergleich zeigte bei mehreren internationalen Marken unterschiedliche Rezepturen je nach Land. Fanta und Pepsi enthielten in Österreich beispielsweise mehr Zucker als ihre deutschen Varianten. Rezepturen sind also veränderbar.
Wer würde die Steuer besonders spüren?
Kritiker warnen vor höheren Preisen. Das trifft Haushalte mit wenig Einkommen stärker, weil Lebensmittel einen größeren Teil ihres Budgets ausmachen.
Befürworter setzen deshalb auf ein Modell, bei dem Hersteller möglichst stark zur Zuckerreduktion bewegt werden. Dann müsste die Wirkung nicht hauptsächlich über einen höheren Verkaufspreis entstehen.
Auch die Verwendung der Einnahmen wäre entscheidend. Königsberger Ludwig schlägt vor, Geld aus einer möglichen Abgabe in Prävention und Gesundheitsförderung zu investieren.
Einen fertigen österreichischen Plan gibt es allerdings noch nicht. Weder Steuersätze noch Zuckergrenzen oder ein möglicher Starttermin stehen fest.
Warum nicht auch Schokolade?
Schokolade, Kekse und Gummibärchen enthalten ebenfalls viel Zucker. Warum konzentriert sich die Diskussion dann auf Cola, Energydrinks und andere Softdrinks?
Bei Getränken lassen sich innerhalb kurzer Zeit relativ große Zuckermengen konsumieren. Gleichzeitig machen sie häufig weniger satt als feste Lebensmittel mit vergleichbarer Energiemenge. Dazu kommt die Erfahrung aus Großbritannien: Hersteller haben ihre Getränke nach Einführung der Abgabe tatsächlich stark verändert.
Eine Zuckersteuer wäre trotzdem nur ein Werkzeug. Ernährungswissen, gutes Schulessen, Bewegung und leistbare gesunde Lebensmittel bleiben genauso wichtig.
Noch entscheidet niemand über unsere Dose
In Österreich steht die Debatte erst am Anfang. Deshalb lässt sich heute auch nicht seriös sagen, ob eine Cola eines Tages 20 Cent teurer wäre oder überhaupt merkbar im Preis steigt.
Eines zeigt das britische Beispiel aber ziemlich deutlich: Eine Zuckersteuer muss nicht dazu führen, dass wir an der Kassa einfach mehr für dieselbe Cola bezahlen. Sie kann Hersteller dazu bringen, ihre Getränke weniger süß zu machen.
Die kleine Dose vom Anfang würde dann weiterhin 250 Milliliter enthalten und fast genauso aussehen wie heute. Die interessanteste Zahl auf der Rückseite könnte aber eine andere sein. Statt 27 Gramm stünden dort irgendwann vielleicht deutlich weniger.
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