„Was willst du sonst noch haben?“, fragt mich mein taiwanesischer Gastbruder Louie, als wir ein weiteres Kleidungsgeschäft in Taipeh verlassen. Wie sich herausstellt, ist es längst nicht das letzte.
Es ist Herbst 2024. Die schwüle Luft liegt über der Millionenmetropole, während wir durch die belebten Straßen ziehen. Mopeds schlängeln sich hupend an uns vorbei, denn für viele Menschen auf der Insel ist ein Auto unerschwinglich.
Louie führt mich von Geschäft zu Geschäft. Er möchte mir die Taiwan Experience an nur einem Nachmittag schenken. Hartnäckig besteht er darauf, mir alles Mögliche zu kaufen: Kleidung, die mich an koreanische Popstars erinnert, Streetfood, Getränke und am Ende sogar echten Silberschmuck. Jedes Mal, wenn ich ablehne, lächelt er nur und geht weiter zum nächsten Laden.
Mit prall gefüllten Einkaufstaschen erreichen wir pünktlich zur Golden Hour ein Restaurant hoch über der Stadt. Die Sonne taucht die Skyline von Taipeh in warmes Orange. Während wir essen, lässt mich eine Frage nicht los.
„Warum willst du mir die ganze Zeit etwas schenken?“
Louie schaut mich überrascht an, als wäre die Antwort selbstverständlich.
„Weil sich das so gehört.“
Ich runzle die Stirn.
Er lächelt.
„Das ist unsere Kultur.“
Mehr muss er gar nicht sagen. In diesem Moment verstehe ich: Gastfreundschaft bedeutet hier nicht nur, freundlich zu sein. Sie bedeutet, einem Gast so viel zu geben, wie man selbst geben kann – nicht aus Pflicht, sondern aus Freude.
Als die Sonne hinter den Hochhäusern verschwindet, stehen neben meinem Stuhl Einkaufstaschen voller Kleidung, Essen und Schmuck. Doch das Wertvollste, was Louie mir an diesem Nachmittag geschenkt hat, passt in keine Tasche: das Gefühl, wirklich willkommen zu sein.
Seit diesem Tag bedeutet Gastfreundschaft für mich etwas anderes. Nicht, dass sich ein Gast „wie zu Hause“ fühlen soll. Sondern dass jemand alles daransetzt, ihm für kurze Zeit ein zweites Zuhause zu schenken.
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