Zimmer 217

Kein Profil-Bild gefunden.
522
1
TOP 10 Autor
Volontär · BRG Oeverseegasse
8 Kommentare
10.05.2026
2 Min.
Raum 217 (Foto: shutterstock)

Als Mira an der Rezeption unterschrieb, schob der alte Mann ihr den Schlüssel nicht sofort zu.

Er sah erst auf die Uhr hinter ihr.

1:02 Uhr.

Dann sagte er leise:

„Egal, was Sie heute Nacht hören — öffnen Sie die Tür nicht.“

Mira lächelte unsicher.

„Ist das Ihr Versuch, das Hotel interessanter wirken zu lassen?“

Der Mann erwiderte das Lächeln nicht.

Das Zimmer lag am Ende des dritten Stocks. Der Flur roch nach kaltem Staub und nassem Holz. Keine Bilder an den Wänden. Kein Geräusch außer dem Summen der alten Lampen.

Zimmer 217.

Drinnen war es überraschend warm. Zu warm.

Die Heizung glühte, obwohl draußen Schnee lag. Mira öffnete das Fenster einen Spalt, doch keine kalte Luft kam herein. Nur Stille.

Absolute Stille.

Sie zog die Vorhänge zu und legte sich ins Bett.

Um 1:13 Uhr hörte sie Schritte auf dem Flur.

Langsam.

Schleifend.

Dann stoppten sie direkt vor ihrer Tür.

Mira hielt den Atem an.

Klopf.

Klopf.

Klopf.

Nicht laut. Eher vorsichtig.

Als hätte jemand Angst, gehört zu werden.

„Entschuldigung?“, flüsterte eine Frauenstimme draußen. „Können Sie mir helfen?“

Mira setzte sich auf. Ihr Blick wanderte zur Tür.

„Ich glaube… jemand verfolgt mich.“

Die Stimme zitterte.

Mira stand auf, blieb aber mitten im Zimmer stehen.

„Gehen Sie zur Rezeption“, sagte sie.

Draußen wurde es still.

Dann kam die Antwort:

„Ich war dort.“

Etwas an diesem Satz ließ Miras Magen verkrampfen.

Sie trat näher zur Tür.

Unter dem schmalen Spalt lag Dunkelheit.

Keine Schatten.

Keine Füße.

Nichts.

„Bitte“, sagte die Stimme jetzt leiser. „Er weiß sonst, dass ich hier bin.“

Mira spürte plötzlich, wie warm das Zimmer geworden war. Schweiß rann ihren Rücken hinunter. Die Luft fühlte sich dick an.

Dann bemerkte sie etwas.

Das Summen der Lampen war verschwunden.

Nicht jetzt.

Schon die ganze Zeit.

Die Lampen leuchteten gar nicht.

Trotzdem war das Zimmer hell genug, um alles zu sehen.

Langsam drehte Mira den Kopf zum Fenster.

Die Vorhänge waren geschlossen.

Und trotzdem kam Licht herein.

Ein fahles, graues Licht.

Wie von einem Wintermorgen.

Doch als sie auf ihr Handy sah, zeigte das Display weiterhin 1:13 Uhr.

Klopf.

Diesmal direkt hinter ihr.

Mira erstarrte.

Das Geräusch kam nicht von der Tür.

Es kam aus dem Kleiderschrank.



Kommentare