Acht Stunden Regale einräumen, dazwischen an der Kassa, am Ende des Tages tut der Rücken weh. Vor dem ersten Ferialjob macht man sich da im Kopf schnell die Rechnung: Stundenlohn mal Stunden mal Wochen, und schon steht die Summe fest, die aufs Konto kommen müsste. Genug für ein neues Handy vielleicht, oder für den nächsten Urlaub mit Freunden.
Dann kommt der Lohnzettel. Und die Zahl darauf ist kleiner als erwartet, teils deutlich kleiner. Erster Gedanke: Rechenfehler in der Abrechnung? Also nachrechnen, vergleichen, nachfragen. Doch beim genauen Hinschauen fällt auf, dass ein ordentlicher Teil gar nicht am Konto landet. Ein Stück davon geht in die Pensionsversicherung. Also in ein System, von dem wir erst in rund 50 Jahren etwas haben sollten. Die große Frage ist nur: Haben wir dann überhaupt noch etwas davon?
Für die meisten von uns ist die eigene Pension gefühlt unendlich weit weg. Trotzdem betrifft sie uns schon jetzt, mit jedem verdienten Euro. Für viele ist genau dieser erste Blick auf den Lohnzettel der Moment, in dem das Thema überhaupt zum ersten Mal auftaucht.
„Vor dem Ferialjob habe ich mir über Pensionen nie Gedanken gemacht. Erst auf dem Lohnzettel ist mir aufgefallen, wie viel dafür eigentlich abgezogen wird. Ich hoffe schon, dass ich später eine Pension bekomme, aber ich glaube nicht, dass sie ausreichen wird", sagt Anna Berger, 18, Schülerin und Ferialarbeiterin.
Andere ziehen daraus bereits einen konkreten Schluss. „Ich zahle jetzt schon ein, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich später selbst noch etwas davon habe", sagt Lukas Mayer, 17, Ferialpraktikant aus Wien, und rechnet damit, ohnehin selbst vorsorgen zu müssen.
Solche Stimmen zeigen: Das Thema ist für uns eben doch nicht so abstrakt, wie es auf den ersten Blick wirkt. Grund genug, einen genaueren Blick auf das System zu werfen, das uns diesen Betrag jeden Monat abzieht.
Wie das System eigentlich funktioniert
Um das Problem zu verstehen, hilft ein Blick auf die Grundidee. Österreich hat ein sogenanntes Umlagesystem. Das bedeutet, die Beiträge, die heute von den Gehältern abgezogen werden, werden nicht gespart, sondern sofort an die heutigen Pensionistinnen und Pensionisten ausgezahlt. Es gibt also kein persönliches Sparschwein, das sich über die Jahre füllt. Stattdessen zahlt immer die arbeitende Generation für die Generation im Ruhestand. Das funktioniert so lange gut, wie genug junge Menschen arbeiten und wenige in Pension sind. Genau dieses Gleichgewicht gerät aber gerade ins Wanken.
Immer weniger zahlen für immer mehr
Der Grund ist die Demografie, also die Altersstruktur der Bevölkerung. Die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, gehen jetzt in Pension. Laut der Jungen Wirtschaft treten bis 2034 rund 1,9 Millionen Menschen in den Ruhestand. Gleichzeitig werden wir alle immer älter. Der Anteil der über 80-Jährigen steigt laut denselben Berechnungen von heute rund 5 Prozent auf 11,5 Prozent im Jahr 2050. Das heißt im Klartext: Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Pensionen, und das über immer mehr Jahre. Für uns, die jetzt ins Arbeitsleben starten, ist das eine unbequeme Rechnung.
Was das kostet
Die Pension ist schon heute einer der größten Brocken im Staatshaushalt. Laut Analysen zum österreichischen Pensionssystem machen die Pensionen etwa 15 Prozent des gesamten Bundesbudgets aus, das waren 2025 rund 75 Milliarden Euro. Andere Berechnungen kommen sogar auf ein Viertel des Budgets. Und dieser Anteil wächst weiter. Im Mai 2026 veröffentlichte der Internationale Währungsfonds einen Länderreport, der Österreich genau hier unter Druck setzt. Der Fonds fordert, die Anreize für einen frühen Pensionsantritt zu senken, das Antrittsalter zu erhöhen und die Höhe der Pensionen im Verhältnis zum letzten Gehalt zu reduzieren. Alles Maßnahmen, die vor allem eine Gruppe treffen würden: die Jungen.
Die Warnung der Fachleute
Besonders deutlich wird das Wirtschaftsforschungsinstitut EcoAustria. „Trotz der Reformen der Vergangenheit ist das österreichische Pensionssystem derzeit nicht nachhaltig aufgestellt", sagte Tobias Thomas, Direktor von EcoAustria, in einer Kurzanalyse des Instituts. Das Institut hat auch eine konkrete Zahl parat. Das Verhältnis zwischen durchschnittlicher Pension und durchschnittlichem Erwerbseinkommen soll ohne Reformen von heute 56 Prozent auf 48 Prozent im Jahr 2060 sinken. Wer also künftig in Pension geht, bekommt im Verhältnis zum Lohn weniger als heutige Pensionistinnen und Pensionisten. Um das zu verhindern, müsste laut Thomas das Antrittsalter bis 2060 auf 67 Jahre steigen. In der Praxis würde das bedeuten, dass die meisten von uns tatsächlich bis mindestens 63 arbeiten, bevor sie überhaupt in Pension gehen dürfen.
Warum sich viele von uns übergangen fühlen
Interessant ist, worüber in der Politik gerade gestritten wird. Auf dem letzten Pensionsgipfel wurde beschlossen, dass Pensionen bis 2.500 Euro kräftiger erhöht werden. Das hilft den heutigen Pensionistinnen und Pensionisten. Über die langfristige Finanzierung, also über die Frage, was mit uns passiert, wurde dabei deutlich weniger gesprochen. Genau das kritisiert die Junge Wirtschaft scharf. In deren Stellungnahme heißt es, die jungen Leistungsträgerinnen und Leistungsträger seien im aktuellen System vor allem eines: die Zahlmeister der Republik. Wir zahlen Beiträge, wir zahlen Steuern, und wir werden auch noch die Schulden von heute abtragen müssen. Dieses Gefühl, für etwas zu zahlen, von dem am Ende womöglich wenig übrig bleibt, teilen viele in unserer Generation.
Was jede und jeder Einzelne tun kann
Ganz hilflos ist unsere Generation trotzdem nicht. Fachleute raten zunehmend dazu, sich früh auch selbst um die Vorsorge zu kümmern und sich nicht allein auf den Staat zu verlassen. In Ländern wie Schweden, Dänemark oder den Niederlanden setzt man stärker auf kapitalgedeckte Systeme, bei denen ein Teil der Beiträge tatsächlich angelegt wird und Erträge abwirft. Ob Österreich diesen Weg geht, ist eine politische Entscheidung, die auch von uns mitbestimmt wird, sobald wir wählen.
Der nächste Lohnzettel kommt bestimmt. Und mit ihm wieder dieser eine Blick auf die Zahl, die kleiner ist als gedacht. Vielleicht ist genau das der Moment, der zählt: nicht sich zu ärgern und weiterzuscrollen, sondern kurz innezuhalten und sich zu fragen, wohin dieses Geld eigentlich wirklich geht.
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