David Rosenberg weiß noch, wie es war. Er stand mit ein paar Freunden vor einem Einkaufszentrum, sie haben geredet, mehr nicht. "Ein Security-Mitarbeiter hat sofort gemeint, wir sollen weitergehen. Wir sind einfach nur dort gestanden und haben geredet", erzählt der 17-Jährige, Schüler am Sacré Coeur Wien.
Gerade jetzt, mitten in den Ferien, klingt diese Szene wie aus einer anderen Zeit. Kein Schulschluss um kurz nach eins, keine Gruppe vor dem Schultor, keine Frage, wohin man am Nachmittag noch soll. Aber sobald die Schule wieder losgeht, ist auch dieses Problem zurück. Nach den Ferien stehen David und seine Klassenkolleginnen und -kollegen wieder da, jeden Freitagnachmittag, und überlegen von Neuem: Ins Café? Kostet. Ins Einkaufszentrum? Nach zwanzig Minuten ohne Kauf wird man schief angeschaut. Auf die Bank am Platz? Geht, bis jemand kommt und sagt, man solle weitergehen.
Auch Lea Gruber, 18, Schülerin am selben Gymnasium, kennt dieses Gefühl. "Nicht direkt weggeschickt, aber wir wurden schon öfter gefragt, was wir hier machen oder ob wir etwas kaufen wollen. Das fühlt sich manchmal schon komisch an, obwohl man eigentlich gar nichts falsch gemacht hat", sagt sie.
Zwei Schulschlussglocken, zwei fast identische Erfahrungen. Und eine Frage, die größer ist, als sie klingt: Wo sollen wir eigentlich hin, wenn die Ferien vorbei sind und der Alltag wieder beginnt?
Ein Begriff, den kaum jemand kennt
Für das, was David und Lea fehlt, gibt es einen Namen. Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg prägte 1989 den Begriff des dritten Ortes. Der erste Ort ist das Zuhause, der zweite die Schule oder die Arbeit. Der dritte Ort ist alles dazwischen: ein Platz, an dem man sich trifft, ohne Termin, ohne Zweck, ohne Eintritt. Ein Park, eine Bibliothek, ein Jugendzentrum, eine Parkbank. Oldenburg nannte solche Orte einmal die Keimzelle der Demokratie, weil dort verschiedene Menschen aufeinandertreffen. Für Jugendliche wie David und Lea sind sie vor allem eines: der Raum, in dem Freundschaften außerhalb von Chats überhaupt stattfinden.
Wenn jeder Aufenthalt etwas kostet
Das eigentliche Problem ist der Konsumzwang. Wer sich in der Stadt aufhalten will, landet fast automatisch dort, wo etwas verkauft wird. Ein Getränk im Lokal, ein Snack im Einkaufszentrum, ein Ticket fürs Kino. Kaum ein Ort lädt zum Bleiben ein, ohne dass die Kasse klingelt. Für Jugendliche mit wenig Taschengeld heißt das: Der öffentliche Raum ist voll von Orten, die eigentlich private Geschäftsräume sind. Und in einem Geschäft ist willkommen, wer zahlt. Wer nur dasitzt und redet, gilt schnell als Problem, nicht als Gast, wie David und Lea am eigenen Leib erlebt haben.
Die letzten kostenlosen Räume schrumpfen
Ausgerechnet die Orte, die ohne Konsum funktionieren, geraten unter Druck. Öffentliche Bibliotheken sind ein Beispiel dafür. In Deutschland sind laut einem Bericht des Instituts für angewandte Kindermedienforschung in Baden-Württemberg rund 80 Prozent der Bibliotheken von Sparmaßnahmen betroffen, von kürzeren Öffnungszeiten bis zu Personalabbau, und das trotz steigender Besucherzahlen. Auch Jugendhäuser sind demnach oft unterbesetzt, unterfinanziert und werden im Zweifel geschlossen. Damit verschwindet die Art von Ort, die für Jugendliche gedacht wäre: ein Raum mit Sofa, WLAN und jemandem, der ansprechbar ist, aber nichts verkaufen will.
Das Klischee vom Herumlungern
Wenn sich Jugendliche dann doch im öffentlichen Raum treffen, in Parks, an U-Bahn-Stationen oder vor dem Einkaufszentrum, kippt die Stimmung oft schnell. Sie gelten dort seit jeher als Störfaktor. "Sie lungern in Parks, in Einkaufszentren oder in U-Bahnstationen herum, belästigen Passanten und nehmen sich, wovon sie nicht genug haben - nämlich Raum", so beschreibt der Jugendforscher Manfred Zentner in der Fachzeitung aufpasst! das gängige Vorurteil, das er anschließend widerlegt. Denn in Wahrheit tun Jugendliche dort nichts anderes, als sich den einzigen Raum zu nehmen, der nichts kostet. Was von außen wie Herumhängen aussieht, ist oft schlicht das Fehlen einer Alternative, wie es auch David und Lea beschreiben.
Was Jugendliche eigentlich suchen
Dabei sind die Wünsche gar nicht kompliziert. Schon eine Bedarfsanalyse aus Innsbruck hielt fest, dass Jugendliche vor allem Orte ohne Konsumzwang suchen, an denen sie sich mit anderen treffen und ihre Zeit verbringen können. Kein Erlebnispark, kein durchgeplantes Programm, einfach ein Platz zum Sein. Hier setzt die offene Jugendarbeit an. Sie schafft laut dem Bundeskanzleramt bewusst Angebote frei von Konsumzwängen und kommerziellen Zielen. Solche Einrichtungen sind für viele der einzige Ort, an dem sie nach der Schule hingehen können, ohne dafür bezahlen zu müssen. Umso schwerer wiegt es, wenn ausgerechnet dort gespart wird.
Es gibt auch Gegenbewegungen
Ganz düster ist das Bild aber nicht. In manchen Gemeinden entstehen neue Räume, oft von Jugendlichen mitgestaltet. In Niederösterreich läuft das Projekt Jugend(T)Räume, das vom Fonds Gesundes Österreich unterstützt wird. In einer Gemeinde wird ein Strandbad zum Jugendraum, in einer anderen gestalten Jugendliche öffentliche Flächen nach ihren eigenen Vorstellungen. Auch Kulturhäuser und Museen öffnen sich zunehmend als niederschwellige Treffpunkte, an denen man einfach sitzen, reden oder Hausaufgaben machen kann. Diese Beispiele zeigen, dass es möglich ist, Orte zu schaffen, die Jugendlichen wirklich gehören. Es braucht nur den Willen, sie nicht dem Rotstift oder der nächsten Ladenkette zu überlassen.
Zurück auf die Parkbank
Noch sind Ferien. Noch steht niemand um kurz nach eins vor dem Schultor und überlegt, wohin. Aber die Uhr läuft, und mit dem ersten Schultag ist David wieder da, vielleicht mit denselben Freunden vor demselben Einkaufszentrum. Vielleicht wird es dann wieder die Parkbank, bis jemand kommt und sie wegschickt. Vielleicht das eine Getränk im Lokal, das man sich gerade noch leisten kann, um sitzen bleiben zu dürfen. Dabei müsste das gar nicht so sein. Eine Gesellschaft, die will, dass sich Jugendliche treffen, statt nur online zu existieren, muss ihnen auch Orte dafür lassen. Kostenlos, offen, ohne Hintergedanken. Die Frage ist nicht, warum David, Lea und ihre Freunde irgendwo herumhängen. Die Frage ist, wo sie eigentlich hindürfen, wenn die Schule wieder beginnt.
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