„Du übernimmst einmal den Hof, dafür brauchst du keine höhere Schule.“ Diesen Satz seiner Eltern vergaß mein Großvater Johann nie. Er hätte gerne weitergelernt, doch sein Lebensweg stand bereits fest. Auf dem Bauernhof im Innviertel wurde er gebraucht.
Als ich Johann nach seiner Schulzeit fragte, erzählte er zuerst von seinem Tagesablauf. Schule begann für ihn nicht mit dem Läuten im Klassenzimmer und endete auch nicht mit der letzten Unterrichtsstunde. Davor und danach wartete die Arbeit.
Schule zwischen Stall und Klassenzimmer
„Vor der Schule musste ich manchmal schon am Hof helfen. Nach der Schule sowieso“, erzählte Johann. Als Kind hatte er Pflichten, die sich weder nach Hausaufgaben noch nach Schularbeiten richteten. Wenn Arbeit anfiel, musste sie erledigt werden.
Anschließend ging er zu Fuß zur Schule. „Ob es geregnet oder geschneit hat, war ziemlich egal.“ Ein kurzer Weg mit dem Auto oder Bus war keine Möglichkeit. Das Wetter entschied nur, wie unangenehm der Fußmarsch wurde.
Nach dem Unterricht warteten wieder der Bauernhof und die Aufgaben für die Schule. „Hausaufgaben waren wichtig, aber wenn am Hof Arbeit war, musste die Arbeit auch gemacht werden.“
Für Johann gehörte das alles zu einem gewöhnlichen Schultag. Für mich zeigt diese Erinnerung, wie verschieden Kindheit aussehen kann. Wenn ich heute nach Hause komme, kann ich lernen, mich ausruhen oder Freunde treffen. Auch mein Alltag enthält Pflichten. Der Unterschied liegt in der Freiheit, über meine Zeit und meinen weiteren Weg viel stärker selbst entscheiden zu können.
Ein Lehrer, eine Klasse, klare Regeln
Im Klassenzimmer galten klare Regeln. „Vor manchen Lehrern hatten wir schon Respekt. Wenn einer in die Klasse gekommen ist, war Ruhe“, sagte Johann. Lehrkräfte besaßen eine Autorität, die kaum infrage gestellt wurde.
„Wenn der Lehrer etwas gesagt hat, hat keiner lange diskutiert.“ Wer sich nicht an die Regeln hielt, musste mit einer Strafe rechnen. Unterstützung gegen eine Entscheidung der Schule konnten die Kinder zu Hause kaum erwarten. „Wenn du schlimm warst, hast du eine Strafe bekommen. Da sind die Eltern nicht in die Schule gekommen und haben sich beim Lehrer beschwert.“
Heute sprechen Schülerinnen und Schüler häufiger darüber, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Eltern fragen nach, Lehrkräfte erklären ihre Entscheidungen und Konflikte werden diskutiert. Das kann mühsam sein. Trotzdem halte ich diese Veränderung für wichtig. Respekt sollte nicht bedeuten, dass Kinder aus Angst schweigen müssen.
Auch der Krieg veränderte Johanns Schulalltag. Als Kind konnte er die politischen Ereignisse noch nicht vollständig verstehen. „Wir haben schon gemerkt, dass sich etwas verändert. Aber vieles haben wir damals noch gar nicht verstanden“, erinnerte er sich. Gegen Ende des Krieges sei Schule etwas völlig anderes gewesen als zuvor. „Über Politik hat man damals nicht so geredet, wie ihr das heute macht.“
Für Johann bestand Geschichte deshalb nicht nur aus Jahreszahlen in einem Buch. Er hatte als Kind erlebt, wie politische Entscheidungen bis in das Klassenzimmer und die eigene Familie reichten.
Als die Zukunft schon feststand
Johann fiel das Lernen leicht. „Viel lernen musste ich zu Hause eigentlich nicht“, sagte er. Trotzdem führte ihn sein Weg nach der Volksschule nicht in eine höhere Schule.
Seine Eltern hatten seine Zukunft bereits geplant. „Weiter in die Schule zu gehen war damals kein Thema. Es war klar, dass ich einmal den Hof übernehmen werde.“ Für die Familie erschien diese Entscheidung wahrscheinlich notwendig. Der Bauernhof musste weitergeführt werden. Für Johann bedeutete sie, auf eine Möglichkeit zu verzichten, die ihn interessiert hätte.
„Ich hätte schon gern noch mehr gelernt, aber bei uns war vorgesehen, dass ich Bauer werde.“
Dieser Satz ist für mich der stärkste aus unserem Gespräch. Johann scheiterte nicht an schlechten Noten oder fehlender Neugier. Die Lebensumstände bestimmten, wie viel Bildung für ihn vorgesehen war.
Später arbeitete er zunächst als Schätzer beim Gerichtsamt und wurde danach Bauer. Seine Neugier blieb. Besonders Geschichte faszinierte ihn. Er wollte wissen, warum Ereignisse geschehen und wie sie das Leben der Menschen verändern.
„Dass ich Bauer geworden bin, heißt nicht, dass mich nur der Bauernhof interessiert hat“, sagte er. Seine Schulzeit war vorbei, sein Lernen nicht: „Ich bin nur in die Volksschule gegangen, aber deswegen habe ich nicht aufgehört zu lernen.“
Johann zeigte mir damit, dass ein Schulabschluss und die Klugheit eines Menschen nicht dasselbe sind. „Für gescheit oder nicht gescheit war nicht entscheidend, welche Schule einer besucht hat.“
Eine Freiheit, die nicht selbstverständlich ist
In meiner Schulzeit gibt es Leistungsdruck, schwierige Prüfungen und Tage, an denen ich keine Lust auf Unterricht habe. Gleichzeitig stehen mir Möglichkeiten offen, die Johann nicht hatte. Ich kann überlegen, welche Ausbildung zu mir passt, welchen Beruf ich ergreifen und welche Interessen ich vertiefen möchte.
Diese Freiheit ist auch heute nicht für alle gleich groß. Geld, Wohnort und Familie beeinflussen weiterhin, welche Schule oder Ausbildung jemand besuchen kann. Trotzdem muss für viele von uns nicht schon als Kind feststehen, welchen Beruf wir später ausüben.
Johann brachte diesen Unterschied auf den Punkt: „Heute könnt ihr lernen, was ihr wollt. Bei uns war viel früher klar, welchen Weg einer einmal gehen wird.“
Sein Blick auf meine Schulzeit war deshalb nicht neidisch. Er erinnerte mich daran, welchen Wert eine Möglichkeit bekommt, wenn man sie selbst nie hatte. Sein Rat lautete: „Wenn du die Möglichkeit hast, etwas zu lernen, dann nutz sie. Wir hatten diese Möglichkeiten nicht immer.“
Mein Großvater half vor dem Unterricht am Hof, ging bei Regen und Schnee zu Fuß in die Schule und wurde still, wenn der Lehrer den Raum betrat. Die größte Grenze wartete jedoch am Ende seiner Schulzeit. Dort entschieden andere, dass er genug gelernt hatte.
Johann sollte den Hof übernehmen. Ich darf meinen Weg heute selbst wählen. Nach unserem Gespräch fühlt sich diese Freiheit nicht mehr selbstverständlich an.
Kommentare