Wir urteilen, obwohl wir nichts wissen. Eigentlich ist das unfair

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TOP 10 Autorin
Volontärin · BRG Kufstein
29.08.2026
3 Min.

Eine Schülerin hat verschlafen, ein Schüler den Bus verpasst, eine dritte Person sagt einfach nur: „Tut mir leid für die Verspätung.“ Sofort wird geschimpft. Doch niemand weiß, was hinter diesen fünf Minuten steckt. Vielleicht sollten wir deshalb etwas vorsichtiger darüber urteilen, warum jemand zu spät kommt.

Hinter wenigen Minuten Verspätung kann eine Geschichte stecken, die andere nicht kennen. (Foto: shutterstock)

Neuer Schultag. Der Unterricht hat vor genau fünf Minuten begonnen, aber noch sind nicht alle da. Eine Schülerin hat verschlafen. Ein Schüler hat den Bus verpasst. Eine weitere Person fehlt ebenfalls noch. Seit fünf Minuten steht die Lehrperson vorne und sieht zu, wie einer nach dem anderen hereinkommt. Die ersten beiden haben direkt eine Erklärung parat. Die dritte Person schaut die Lehrperson nur an.

„Tut mir leid für die Verspätung.“

Und so beginnt es wieder. Es wird geschimpft. Nicht nur mit denjenigen, die zu spät gekommen sind. Plötzlich sind wir alle die Klasse, die es anscheinend nie schafft, einmal pünktlich zu sein. Dabei frage ich mich manchmal: Was wäre, wenn wir uns diese fünf Minuten etwas genauer anschauen würden?


Wir kennen die Geschichte nicht

Vielleicht hat die erste Schülerin tatsächlich einfach verschlafen. Möglicherweise aber auch nicht. Eventuell musste sie in der Früh plötzlich auf ihren kleinen Bruder aufpassen, weil ihre Mutter unerwartet ins Krankenhaus musste.

Der zweite Schüler hat den Bus verpasst. War er einfach zu spät an der Haltestelle? Oder ist auf dem Weg dorthin jemand gestürzt und er konnte nicht einfach vorbeigehen?

Und die dritte Person? Vielleicht sagt sie nichts, weil sie nicht möchte, dass die ganze Klasse weiß, warum sie zu spät ist. Es kann sein, dass sie zuhause Verpflichtungen hat, die niemand kennt. Oder sie hat kaum geschlafen. Vielleicht kämpft sie gerade mit Problemen, über die sie in der Schule nicht sprechen möchte. Oder hatte sie tatsächlich einfach einen schlechten Morgen.

Wir wissen es nicht. Und genau das ist der Punkt.


Fünf Minuten sagen nichts über uns aus

Natürlich soll jetzt niemand jeden Tag eine halbe Stunde zu spät kommen und erwarten, dass alle einfach Verständnis haben. Pünktlichkeit ist wichtig, keine Frage.

Aber manchmal geht es um fünf Minuten. Fünf Minuten, über die wir so urteilen, als würden wir die gesamte Geschichte dahinter kennen.

Schülerinnen und Schüler sind nicht nur Schüler. Nach dem Unterricht verschwinden unsere Leben nicht einfach, bis am nächsten Morgen wieder die Schulglocke läutet. Wir haben Familien, Probleme, Verpflichtungen und manchmal einfach Tage, an denen nicht alles funktioniert.

Und nein: Niemand ist verpflichtet, seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen, nur um erklären zu können, warum er fünf Minuten zu spät gekommen ist.

Auch Lehrer sind nicht perfekt

Was ich manchmal zusätzlich schwierig finde: Auch Lehrpersonen sind Menschen. Arbeiten werden später zurückgegeben als angekündigt. Unterricht beginnt gelegentlich verspätet. Termine werden verschoben. Und das ist okay. Wahrscheinlich gibt es auch dafür Gründe, die wir als Schülerinnen und Schüler nicht kennen. Vielleicht sollten wir genau deshalb gegenseitig etwas vorsichtiger damit sein, über die fünf Minuten anderer zu urteilen. Denn das, was Lehrpersonen passieren kann, kann auch uns passieren.


Einfach kurz nachdenken

Vielleicht geht es gar nicht darum, Verspätungen plötzlich zu erlauben oder Pünktlichkeit unwichtig zu machen. Vielleicht geht es einfach darum, vor dem Schimpfen einen kurzen Moment innezuhalten.

Die Person vor dir war fünf Minuten zu spät.

Du weißt aber nicht, was in diesen fünf Minuten passiert ist.



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