An den letzten Schultagen des vergangenen Semesters stand die Luft im Klassenzimmer von Barnabas Szepvölgyi. Kein Ventilator drehte sich, eine Klimaanlage gab es nicht. Zu teuer. Auf betzold.at fand Barnabas, einer unserer Redakteure seinen Schulsessel zum Neupreis von 659 Euro.
Am 7. September beginnt in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland das neue Schuljahr, am 14. September in den übrigen Bundesländern. Einzelne Schulen und Schularten können abweichen. Bildungspolitiker und -Expert*innen, Lehrer*innenvertreter*innen und Buchautor*innen werden wie jedes Jahr zu dieser Zeit wieder über uns reden, bloß uns wird niemand fragen.
36 Schüler*innen aus 19 Schulen in sieben Bundesländern haben deshalb in einem Projekt von campus a college beschrieben, was sie ändern würden. Barnabas schrieb: „In den letzten Schultagen war die Hitze so gut wie gar nicht mehr erträglich.“ Als er den Preis des Sessels entdeckte, konnte er es selbst kaum glauben: Wir sitzen auf teuren Sesseln, während die Luft zum Denken fehlt.
Der Unterricht beginnt, bevor der Kopf wach ist
Um 7:30 Uhr sitzt Paula Hornbacher im Klassenzimmer, draußen ist es noch dunkel. Sofie Schäfer hört um 7:45 Uhr die Glocke, obwohl ihr drei Stunden Schlaf fehlen. Selbst kurz nach acht liegen Alexander Hoebes Gedanken noch halb im Bett. Viele von uns verlangen einen späteren Beginn oder einen besseren Tagesablauf. Amélie Kressnig würde eine halbe Stunde später beginnen.
Sandra Schäfer kommt an langen Tagen kurz nach 17 Uhr nach Hause. Sie stellt die Schultasche ab, doch Hausaufgaben und das Lernen für Prüfungen bleiben. In einer besonders belastenden Woche warteten fünf Leistungsüberprüfungen. Für Freunde, Sport und Erholung blieb kaum Zeit.
Sura Kara spricht für viele von uns, wenn sie sinngemäß schreibt: "Die Lehrer*innen sollten sich jeweils besser an unseren anderen Herausforderungen orientieren und Schularbeiten und Hausübungen besonders in aufwändigen Fächern wie Mathematik, Deutsch und Englisch über die Woche verteilen."
Viele Teilnehmende verlangen wie Sura, Prüfungen besser zu verteilen. Ein gemeinsamer Kalender und Absprachen zwischen den Lehrkräften könnten verhindern, dass Tests, Präsentationen und Abgaben auf dieselben Tage fallen.
Später anfangen und kein Sport in der ersten Stunde
Höchstens zwei Hauptfächer täglich, das reicht, meinen viele, und liefern noch ein paar andere Vorschläge für den Umbau des Stundenplanes: mehr Sportarten zur Wahl, kein Sport in der ersten Stunde, wenn der Kreislauf noch am Boden ist und vor allem: eine bessere Vorbereitung auf den Wechsel in eine weiterführende Schule.
Später anfangen, das wäre für die meisten Oberstufenschüler ein Vorteil, doch das allein genügt nicht. Bahar Saeeds Schule etwa beginnt zwar inzwischen um 8 Uhr, dafür sind die früheren Kurzpausen verschwunden. Dazu kommt das Problem mit dem raschen Wechsel der Fächer. Tobias Urban hat gerade ein Mathe-Beispiel verstanden, da läutet es und Englisch beginnt. Beide Fächer brauchen längere Lernblöcke, das bedeutet weniger Fächer pro Tag und dazwischen wären echte Pausen nötig: Zeit, um einen Gedanken zu Ende zu führen.
Ebenso oft geht es um hilfreiches Feedback und weniger Notendruck. Bahar erinnert sich an eine rote Drei. Wichtiger wäre ihr eine Erklärung gewesen, was sie kann und wie sie den nächsten Fehler vermeidet. Wenn der Druck trotzdem zu groß wird, braucht es jemanden, der zuhört.
Wenn das Lernen erst nach der Schule beginnt
Im Laufe des Vormittags füllen sich die Hefte. Bei Liv-Grete Biasi-Bosin wandern drei Stichpunkte von einer Präsentation aufs Papier, Nevio Heregger schreibt von der Tafel ab. Hanna Michlmayr erlebt, wie die Lustlosigkeit einer Lehrkraft ihre Neugier an einem eigentlich interessanten Thema bremst.
Am Nachmittag sitzt Vanessa Potisk fast drei Stunden mit einer Freundin über Spanisch. Die Erklärung hatten beide verstanden, bei neuen Aufgaben fanden sie keinen Anfang. Für die Matura möchte Vanessa früh wissen, welche Prüfungen warten und wie sie sich vorbereiten kann.
Diego Rubenser landet mit einer Mathematikaufgabe bei der Nachhilfe. Ein Nachhilfelehrer erklärt den Rechenweg. „Diese Stunde kostet 45 Euro“, schreibt er. Kostenlose Lernzeiten, kleinere Gruppen und eine organisierte Unterstützung jüngerer durch ältere Schüler würde da helfen. Antonia Warmuth fordert passende Aufgaben und Unterricht ohne Angst vor Fragen.
Auch Prüfungen zeigen nicht immer, was wir können, da waren sich die meisten Projektbeteiligten einig. Leon Hoell fehlten zehn Minuten für den Schluss seiner Deutschschularbeit. Leo Remschnigg lernte Fachbegriffe für ein Sehr Gut und vergaß einen Teil binnen einer Woche. Lilli Leitner verlangt Spielräume für Menschen, die unterschiedlich lernen und ihr Wissen auf die für sie passende Weise wiedergeben können sollten, schriftlich, mündlich oder kreativ. Yvonne Leuthner will danach nicht nur eine Note, sondern erfahren, was gut war und wie es weitergeht.
In 16 Beiträgen geht es um Projekte, Experimente und Gruppenarbeit, 13 wenden sich gegen reines Auswendiglernen. Im Gegenentwurf der betreffenden Schüler*innen wird nicht nur abgeschrieben: Leon Tillian-Köck steckt Kabel um, bis eine Lampe leuchtet. Beim Kochen werden Mengen berechnet, draußen Pflanzen untersucht. Betriebe, Werkstätten, Museen und die Natur werden zu Lernorten. Auf virtuellen Reisen erkunden Klassen andere Länder. Team-Challenges und Bauprojekte verlangen eigene Lösungen. Tobias Urban erinnert sich bis heute an ein selbst gestaltetes Magazin, weil am Ende etwas Eigenes vor ihm lag.
Ein iPad, eine KI und eine eigene Idee
Auf Mira Sophia Strmcniks Tisch ersetzt das iPad einen Stapel Hefte. Wenn mehrere Geräte Strom brauchen, beginnt der Streit um Steckdosen. Muss das sein? Wo bleibt eine geeignete technische Infrastruktur auf dieser einfachen Ebene? Sofie Schäfer möchte auch bei Arbeiten für die und in der Schule mit dem Handy Quellen vergleichen, Fake News erkennen und künstlich erzeugte Bilder entlarven.
Ein sinnvoller Einsatz digitaler Geräte samt kritischem Umgang mit KI war eins der großen Themen unseres Projektes. Salomé Bousardo lässt sich von der KI den Lernstoff abfragen, Simon Prinz einen Rechenweg erklären. "Ob ein Text von der KI stammt oder mithilfe von KI selbst entsteht, macht einen Unterschied, und der gehört in den Deutschunterricht.", sagt er.
Klar wurde auch: So gut wie alle verwenden KI. Pedro Wrumnig vergleicht die Lösungen der KI mit seinen eigenen, Leo sucht nach Fehlern. KI wird so nicht zur Abkürzung des Lernweges, sondern zu einem Werkzeug, das wir überprüfen. Auch politische Entscheidungen und verschiedene Standpunkte lassen sich anhand von verifizierten KI-Quellen besser besprechen.
Mitbestimmung und Wahlmöglichkeiten spielten ebenso wie KI und praktischer Unterricht eine starke Rolle bei unserem Projekt. Amélie Kressnig brachte eine eigene Projektidee mit, musste aber die vorgegebene Variante umsetzen. Mathilda Pavlov berechnet eine Buswahrscheinlichkeit, kann jedoch kaum herausfinden, ob Psychologie, Wirtschaft, Recht, Medien, Architektur oder Programmieren zu ihr passen. Latein, Sportarten und Oberstufenschwerpunkte könnten zur Wahl stehen. Umfragen und Gesprächsrunden würden uns vor Entscheidungen einbeziehen.
Hejna Anwari wünscht sich Schuluniformen und auch dabei die Möglichkeit, mitzureden. Einheitliche Kleidung könnte den Druck teurer Marken verringern, trotzdem sollen Erwachsene nicht allein über unser Aussehen entscheiden. „Bei den Farben würde ich gerne gefragt werden.“ Noch wichtiger ist ihr die gemeinsame Entscheidung: „Ich glaube, das Schönste wäre, wenn wir die Uniform gemeinsam aussuchen dürften.“
Das Leben wartet nicht bis nach dem Abschluss
Auf einem Stundenplan nach unseren Vorstellungen liegt nicht nur ein Schulbuch. Daneben liegen Arbeitsvertrag, Gehaltszettel, Mietvertrag, Versicherung und die Rechnung eines Ratenkaufs. Die Hälfte der Beteiligten an unserem Projekt fordert Finanz- und Alltagswissen, weil es spätestens beim ersten Job oder in der ersten Wohnung gefragt sein wird.
Wir würden Brutto von Netto unterscheiden, Zinsen und Urlaubskosten berechnen, ein Monatsbudget erstellen und ein Konto eröffnen. Wir würden Verträge und Versicherungen vergleichen, eine Steuererklärung ausfüllen, Bewerbungen schreiben und ein Gewerbe oder Unternehmen planen. Dazu kommen Excel, Video und Fotografie, Erste Hilfe, ein aufgebauter Schrank und kleine Reparaturen. Dieses Wissen bleibt nicht bis zum nächsten Test, sondern hilft im Alltag.
Lebensnähere Schulinfrastruktur
Lernen braucht dafür Zeit und Raum. Salomé hat 15 Minuten, um Cafeteria oder Supermarkt zu erreichen. Günstige Bowls, eine Mikrowelle oder eine kostenlose beziehungsweise vergünstigte Jause würden daraus eine echte Pause machen. Alexandra Piackova möchte längere Pausen, kürzere Tage und Zeit für Aufgaben im Unterricht. Leon Hoell und Nic Thaler fehlen ruhige Aufenthaltsräume abseits des Gangs.
Gamze Alici lernt teilweise in Containern, die im Winter trotz Heizung kalt bleiben und sich im Sommer aufheizen. Es fehlen Klassenräume und elektronische Tafeln. Gleichzeitig kann ihre Schule die Matura am Computer durchführen, während das anderswo nicht selbstverständlich ist. Vergleichbare Bildung braucht überall genügend Räume, Sonnenschutz, Luft und funktionierende Geräte.
Fragen des Umgangs miteinander
Daniah Al Mashhadani erlebt Spott über schlechte Noten sowie rassistische, religionsfeindliche und antifeministische Sprüche, auf die Lehrkräfte teilweise nicht reagieren. „Es wäre schön, wenn wir als Schüler*innen einfach etwas mehr darauf achten würden, wie unsere Worte bei anderen ankommen.“ Sie fordert klares Eingreifen und mögliche Konsequenzen. Acht Beiträge verlangen mehr Respekt und Unterstützung bei psychischer Belastung.
Aus den 36 Vorschlägen entsteht keine Schule ohne Leistung. Es entsteht eine Schule, in der Leistung möglich wird: weil wir ausgeschlafen ankommen, Fragen stellen, Hilfe bekommen, eigene Entscheidungen treffen und verstehen, wofür wir lernen. Eine Schule, in der das Leben nicht vorkommt, kann uns nicht auf das Leben vorbereiten.
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