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Wir müssen verhindern, dass Wien ein Freiluftmuseum wird

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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23.09.2026
3 Min.

ZUKUNFT-CHECK: Wien lebt von seiner Geschichte und zieht damit Millionen Touristen an. Doch was passiert, wenn dabei Industrie, Landwirtschaft und neue Ideen immer mehr an Bedeutung verlieren? In Rom habe ich erlebt, wie eine Stadt unter ihrem touristischen Erfolg leiden kann. Wien sollte aus dieser Entwicklung lernen und seine Zukunft nicht dem Erfolg der Vergangenheit opfern.

Zwischen Touristenmassen, vollen Mistkübeln und verlorenen Arbeitsplätzen entscheidet sich, ob Städte eine Zukunft haben. (Foto: Elias Pell)

Vor Kurzem stand ich in Rom in einer Kirche und suchte einen ruhigen Moment. Reisegruppen drängten durch den Raum und hielten Handys für das nächste Foto hoch. Selbst heilige Orte wirkten auf mich oft zuerst wie Tourismus-Hotspots und erst danach wie Orte des Glaubens. Ich fragte mich, was passiert, wenn eine Stadt so stark von ihrer Geschichte lebt, dass sie irgendwann mehr Kulisse als Lebensraum wird.

Später sehe ich auf Instagram einen Ausschnitt aus MINDGAMES, einem Interview-Podcast. Darin sagt Stephan Zöchling, Chef des österreichischen Sportauspuff-Herstellers REMUS: „Europa ist ein Freiluftmuseum.“ Instagram zeigt nur zusammengeschnittene Szenen. Um herauszufinden, ob Zöchling im ganzen Gespräch mehr dazu sagt, sah ich mir den vollständigen Podcast an. Dort geht er weiter: „Wahrscheinlich werden wir in der Wiener Innenstadt Eintritt verlangen müssen.“ Das Geld werde man etwa für die Straßenkehrer brauchen. Damit trifft er meine Frage, die ich mir seit Rom stelle: Wie bleibt eine Stadt für Touristen attraktiv, ohne dabei ihre eigene Zukunft aus den Augen zu verlieren?

Eine reine Provokation? Im September 2026 prüfte Wien einen „Kultur-Euro“, einen Aufschlag auf Karten für Theater, Konzerte und Museen. Bürgermeister Michael Ludwig stoppte den Plan am 16. September laut wien.ORF.at. Zwar war kein Innenstadteintritt geplant, doch die Diskussion über Kassen und Gebühren rückte ein Stück näher an Wien heran.

Wenn der Erfolg überquillt

Noch kann jeder ohne Ticket über den Stephansplatz gehen. Bis Juli 2026 zählte Wien laut WienTourismus rund 11,1 Millionen Übernachtungen. Wiens Unterkünfte nahmen im ersten Halbjahr rund 648 Millionen Euro ein. Tourismus schafft Arbeit. Diesen Erfolg kleinzureden wäre absurd.

Doch auf der Straße zeigt sich seine andere Seite. Felix, 17, ein ehemaliger Schulkollege, sagt: „Tourismus ist ein wichtiger Teil Österreichs Wirtschaft. Er ist kein Problem. Das eigentliche Problem ist, dass man sich in der Innenstadt nicht einmal mehr richtig fortbewegen kann, ohne in Müll zu steigen, weil die Mistkübel zu voll sind, oder in die nächste Menschenmenge zu laufen.“

Plötzlich bekommen Zöchlings Straßenkehrer ein Bild: volle Mistkübel, ausweichende Menschen und eine Stadt, die ihrem eigenen Erfolg hinterherräumt. Darüber denke ich seit Rom nach.

Was unbemerkt verschwindet

Bereits 2021 sagte Zöchling in einem Interview mit dem „Standard“, Europa werde „irgendwann einmal ein europäisches Freiluftmuseum, wo wir Hallstatt und andere schöne historische Innenstädte anbieten können“. Industrie, Wissen und technische Hochschulen sah er dagegen auf dem Weg nach Asien.

Im Kern gebe ich ihm bei dieser Warnung recht. Ende August 2026 meldete Statistik Austria, Österreichs Statistikamt: Die Einnahmen der Industrie stiegen im Mai nur um 0,1 Prozent, die Beschäftigung sank um 1,2 Prozent. Gabriel Felbermayr leitet das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO. Er sagt: „Eine erfolgreiche Industrie ist für unseren Wohlstand zentral.“

2021 führte die Spur bei REMUS nach Bosnien: Laut Zöchling sollte der Standort dort um 6.000 Quadratmeter wachsen, während frei werdende Stellen in Österreich unbesetzt bleiben. So beginnt ein Freiluftmuseum lange vor der ersten Kassa.

Das betrifft für mich nicht nur die Industrie. Ich fürchte Ähnliches in der Landwirtschaft. Wenn Höfe schließen und Lebensmittel zunehmend aus anderen Ländern kommen, verlieren wir die Fähigkeit, uns selbst zu versorgen. Mit 17 wird das praktisch: Welche Ausbildung lohnt sich? Wiens Schönheit hilft wenig, wenn wir für gute Chancen wegziehen müssen.

Wien ist noch kein Museum

Einige U-Bahn-Stationen vom Stephansdom entfernt entsteht ein anderes Bild. Rund 49.000 Menschen arbeiten in 646 Wiener Life-Sciences-Unternehmen, die Medikamente, medizinische Geräte und neue Behandlungen entwickeln. Michael Bronstein leitet bei AITHYRA, einem Forschungsinstitut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, den Bereich künstliche Intelligenz, kurz KI. Dort verbinden Forschende Medizin mit lernenden Computerprogrammen. Bronstein sagt: „In Wien denken wir Life Sciences mit KI neu.“

Darauf müssen wir aufbauen. Wien darf an seiner Geschichte verdienen, aber nicht von ihr abhängig werden. Constantin, 18, aus meiner Schule, sagt: „Es wäre tragisch, zahlen zu müssen, um die Sehenswürdigkeiten Wiens sehen zu können. Das Schöne ist, dass man einfach durch die Stadt gehen kann, ohne links und rechts Absperrbänder und Kioske zu sehen.“

In Rom suchte ich zwischen Touristen nach einem ruhigen Ort. In Wien sollen wir eines Tages nicht zwischen historischen Kulissen nach unserer wirtschaftlichen Zukunft suchen müssen.

Eine Stadt wird nicht zum Museum, weil sie ihre Vergangenheit schützt, sondern wenn sie aufhört, ihre Zukunft zu bauen.

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