„Zehn Kilometer? Stark!“
Ich schaue noch einmal auf das Video in meinem Feed. Das Mädchen ist völlig verschwitzt, atmet schwer und grinst trotzdem in die Kamera. Gerade ist sie zehn Kilometer gelaufen. Ich denke mir: Respekt. Ich weiß selbst, wie gut es sich anfühlt, wenn eine lange Strecke hinter mir liegt.
Dann lese ich die Kommentare.
„Nicht mal unter einer Stunde.“
„8er Pace? Da kannst du ja gleich gehen.“
Ich scrolle weiter. Kein „Glückwunsch“, kein „Stark gemacht“. Nur die Zeit zählt. Und selbst die reicht einigen noch nicht.
Was Pace überhaupt bedeutet
Pace beschreibt die Zeit, die du pro Kilometer brauchst, meistens angegeben in Minuten pro Kilometer. Ein 8er-Pace bedeutet also acht Minuten für einen Kilometer. Für zehn Kilometer brauchst du damit ungefähr eine Stunde und 20 Minuten. In den Kommentaren klingt das wie eine Blamage.
Dabei zeigt eine Studie mit mehr als 107 Millionen Ergebnissen von Läuferinnen und Läufern aus 70.000 Rennen weltweit einen Median von etwa 1:07 Stunden für zehn Kilometer bei Frauen. Das entspricht ziemlich genau diesem angeblich beschämenden Tempo. Wer mit einer 8er-Pace läuft, liegt also nicht am Rand des Feldes, sondern ungefähr beim Durchschnitt der untersuchten Läuferinnen weltweit. Nur auf TikTok und Instagram scheint das niemand zu wissen oder es interessiert dort einfach niemanden.
Der erste Klimmzug und die nächste Welle
Ein paar Tage später sehe ich ein weiteres Video. Ein Mädchen schafft ihren allerersten Klimmzug. Danach hängt sie völlig erschöpft, aber glücklich an der Stange. Auch hier machen Kommentare die Freude sofort kaputt. „Wow, jetzt hat sie es auch mal geschafft“, schreibt jemand. Der Unterton: Das sollte doch jeder können.
Kann es aber nicht. Eine Studie der University of Dayton untersuchte 17 untrainierte, normalgewichtige Frauen drei Monate lang. Sie trainierten gezielt Rücken und Bizeps. Nach drei Monaten hatten sie ihre Oberkörperkraft um 36 Prozent gesteigert. Trotzdem schafften nur vier der 17 Frauen einen einzigen Klimmzug. Die durchschnittliche Frau schafft heute schätzungsweise ein bis zwei Klimmzüge, viele schaffen keinen einzigen. Wer also überhaupt einen schafft, liegt bereits über dem Durchschnitt, ganz ohne Trainingsplan aus dem Kommentarfeld.
Warum ich trotzdem einfach rausgehe
Ich gehe gerade viel wandern und laufen, mit Freunden und ohne Uhr, die jede Sekunde mitzählt. Mir geht es nicht um eine Pace, die irgendjemanden beeindruckt, sondern um die Zeit draußen, das Gespräch nebenbei und das Gefühl danach. Wenn ich nach so einer Wanderung mit müden Beinen nach Hause komme, ist mir vollkommen egal, ob ich einen Halbmarathon unter zwei Stunden geschafft hätte oder nicht.
Wer heute joggt oder trainiert, bewegt sich freiwillig, während andere zu Hause sitzen und Kommentare tippen, die genau das kleinreden. Bleib dran, egal, was andere denken. Du machst gerade mehr, als jeder, der nur mitliest und urteilt. Geh raus und beweg dich, egal, wie schnell oder langsam du bist. Hauptsache, du hattest danach Spaß und fühlst dich gut.
Kommentare