Panorama Österreich Fakten

Wir können scrollen. Aber können wir noch lesen?

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Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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28.09.2026
5 Min.

Ernüchterung bei PISA: Österreich verliert beim Lesen. Österreichs 15-Jährige erreichten bei der aktuellen PISA-Erhebung durchschnittlich 467 Punkte, 2022 waren es noch 480. Gleichzeitig stieg der Anteil der leistungsschwachen Schüler*innen innerhalb von zehn Jahren von 23 auf 28 Prozent. Was steckt hinter dem Rückgang der Lesekompetenz – und welche Rolle spielen digitaler Alltag und KI dabei?

Konzentriertes Lesen braucht Zeit und Aufmerksamkeit – genau damit haben laut PISA immer mehr Jugendliche Schwierigkeiten. KI kann Texte in Sekunden zusammenfassen, das eigene Lesen aber nicht vollständig ersetzen. (Foto: Tima Miroshnichenko)

Seite drei von zwölf. Der Text ist noch lang. Daneben leuchtet das Handy auf. Nur kurz nachschauen – und plötzlich ist die Stelle im Text weg.

Ein paar Zeilen zurück. Noch einmal lesen. Beim nächsten Absatz wandert der Blick schon wieder über die Seite: Überschrift, zwei Sätze, ein paar wichtige Wörter. Weiter.

Lange Texte verlangen Zeit und Konzentration. Unser digitaler Alltag funktioniert oft anders: kurze Videos, Nachrichten, Posts. Und inzwischen gibt es noch eine weitere Möglichkeit. KI kann einen langen Text innerhalb weniger Sekunden zusammenfassen.

Die Frage ist nur: Was passiert mit dem eigenen Lesen?

Österreich verliert 13 Punkte

Am 8. September veröffentlichte die OECD die Ergebnisse von PISA 2025. Mehr als 760.000 15-Jährige aus 91 Ländern und Volkswirtschaften nahmen teil. Es war die bisher größte PISA-Erhebung.

Für Österreich fällt beim Lesen vor allem die Entwicklung auf. Die Schüler*innen erreichten durchschnittlich 467 Punkte. 2022 waren es 480 Punkte. Der Rückgang um 13 Punkte ist laut IQS statistisch signifikant. Zwischen 2015 und 2022 hatte sich der österreichische Wert noch relativ stabil zwischen 480 und 485 Punkten bewegt.

Trotz des Rückgangs liegt Österreich weiterhin über dem OECD-Durchschnitt von 461 Punkten. Auch das gehört zum Bild. Im Zehnjahresvergleich zeigt sich allerdings eine klare Verschlechterung: 2015 erreichte Österreich noch 485 Punkte.

Besonders deutlich wird die Entwicklung bei den leistungsschwachen Schüler*innen. 2015 gehörten 23 Prozent zu dieser Gruppe, 2025 waren es 28 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der leistungsstarken Gruppe von sieben auf fünf Prozent.

Das heißt nicht, dass Jugendliche plötzlich nicht mehr lesen können. Bei PISA geht es um mehr. Informationen finden, Zusammenhänge erkennen, Aussagen beurteilen – genau diese Dinge werden getestet.

Und genau die brauchen wir auch außerhalb der Schule.

Zwölf Seiten gegen zwölf Sekunden

Unser digitaler Alltag sieht oft ganz anders aus.

Ein kurzes Video, die nächste Nachricht, noch ein Post. Eine Bewegung mit dem Daumen reicht und schon wartet der nächste Inhalt. Ein zwölfseitiger Text verlangt etwas anderes. Ein Gedanke von Seite zwei kann auf Seite sieben wieder wichtig werden. Ein schwieriger Absatz ergibt vielleicht erst beim zweiten Lesen Sinn.

Trotzdem wäre die Rechnung „mehr Smartphone = schlechteres Lesen“ viel zu einfach.

PISA beweist nicht, dass Smartphones oder Social Media den Rückgang der österreichischen Leseleistung verursacht haben. Die OECD beschreibt verschiedene Zusammenhänge rund um digitale Nutzung, Aufmerksamkeit und Lernen. Sie weist außerdem darauf hin, dass die internationalen Leistungsrückgänge bereits vor der Corona-Pandemie begonnen hatten.

Digitale Ablenkung taucht in den Ergebnissen trotzdem deutlich auf. Mehr als ein Viertel der Schülerinnen im OECD-Raum gab an, dass Mitschülerinnen in den meisten oder allen Naturwissenschaftsstunden durch digitale Geräte abgelenkt sind. Schüler*innen in solchen Klassen erzielten im Durchschnitt schlechtere Leistungen und berichteten von geringerem Engagement beim Lernen.

Das ist ein Zusammenhang. Ob die digitalen Geräte tatsächlich die schlechteren Ergebnisse verursachen, lässt sich daraus nicht sagen.

Und dann ist da noch die KI

Während die Leseleistung sinkt, gehört KI für viele Jugendliche schon zum Schulalltag.

In Österreich nutzen 50 Prozent der bei PISA befragten Schülerinnen mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots als Hilfe beim Lernen. Im OECD-Durchschnitt sind es 46 Prozent. 37 Prozent der österreichischen Schülerinnen verwenden KI wöchentlich für erste Recherchen zu einem neuen Thema, 34 Prozent lassen damit Texte zusammenfassen und 31 Prozent nutzen sie beim Entwerfen von Texten für Schreibaufgaben.

KI gehört also längst zum Schulalltag. Ob sie etwas mit den schlechteren PISA-Ergebnissen zu tun hat, lässt sich aus diesen Zahlen aber nicht sagen.

KI kann schließlich auch helfen. Ein komplizierter Begriff lässt sich erklären, ein schwieriger Absatz einfacher formulieren. Die PISA-Ergebnisse zeigen außerdem: Unter häufigen KI-Nutzer*innen schnitten jene tendenziell besser ab, die gelernt hatten, die Qualität KI-generierter Informationen zu beurteilen, als jene ohne eine solche Anleitung.

Es gibt aber auch die andere Seite.

KI macht es ziemlich leicht, genau den Teil zu überspringen, der anstrengend ist: selbst lesen und nachdenken.

Warum zehn Minuten mit einem schwierigen Text verbringen, wenn fünf Stichpunkte nach wenigen Sekunden auf dem Bildschirm stehen?

Eine Zusammenfassung kann zeigen, worum es geht. Sie entscheidet aber auch, welche Informationen übrig bleiben. Wer den ursprünglichen Text nicht kennt, merkt vielleicht gar nicht, wenn etwas Wichtiges fehlt.

Wenn die Antwort überzeugend klingt

Und genau da wird gutes Lesen wieder wichtig.

Eine KI-Antwort kann überzeugend klingen und trotzdem falsch sein. Dann reicht es nicht, die Antwort einfach zu übernehmen. Informationen müssen verglichen und hinterfragt werden.

Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD und Leiter des PISA-Programms, hebt bei den neuen Ergebnissen gerade jene Lesefähigkeiten hervor, die beim kritischen Umgang mit Informationen wichtig sind: Belege bewerten, Mehrdeutigkeiten erkennen und Fakten von Meinungen unterscheiden. Die Ergebnisse zeigen in diesen Bereichen Rückgänge.

Auch OECD-Generalsekretär Mathias Cormann verbindet die beiden Themen. Bei der Veröffentlichung der Ergebnisse sagte er, Technologie und KI könnten das Lernen stärken – allerdings nur, wenn sie gezielt eingesetzt würden und Aufmerksamkeit, Anstrengung und Verständnis nicht ersetzten.

Das ist irgendwie widersprüchlich. KI kann uns beim Lesen Arbeit abnehmen. Gleichzeitig müssen wir gut lesen können, um überhaupt zu merken, ob ihre Antworten stimmen.

Lesen heißt mehr als Bücher lesen

Bei Lesekompetenz denken viele zuerst an Deutschunterricht, Romane und Pflichtlektüre.

Dabei begegnen uns Texte ständig.

Nachrichten, Arbeitsaufträge, Verträge, Produktbeschreibungen oder Posts auf Social Media. Auch politische Aussagen und Informationen über aktuelle Ereignisse erreichen uns oft als Text.

Beim Lesen geht es also längst nicht nur um Romane und Deutschunterricht. Es geht auch darum, zu erkennen, woher eine Behauptung kommt. Einen wichtigen Satz nicht zu übersehen. Zwei widersprüchliche Aussagen miteinander zu vergleichen.

Gerade online entscheidet manchmal schon eine Überschrift darüber, ob wir weiterlesen. Doch eine Überschrift kann kaum alle Details eines Themas enthalten.

Dasselbe gilt für eine KI-Zusammenfassung.

Sie spart Zeit. Sie kann einen Einstieg liefern. Sie kann sogar helfen, einen schwierigen Text zu verstehen.

Aber manchmal steht das Entscheidende eben doch im Original.

Papier gegen Bildschirm? Darum geht es nicht

Aus PISA folgt deshalb auch nicht, dass Jugendliche ihre Smartphones weglegen und stattdessen jeden Abend hundert Seiten eines Romans lesen müssen.

Digitale Werkzeuge können beim Lernen helfen. Spannender ist die Frage, was wir ihnen überlassen.

Wer KI nutzt, um einen schwierigen Absatz erklärt zu bekommen und danach selbst weiterliest, macht etwas anderes als jemand, der einen ungelesenen Text komplett zusammenfassen lässt.

Auf dem Bildschirm erscheint in beiden Fällen eine Antwort.

Der Weg dorthin ist nicht derselbe.

Noch neun Seiten

Das Handy leuchtet wieder auf.

Der Text ist immer noch zwölf Seiten lang. Drei davon sind geschafft.

Natürlich wäre eine Zusammenfassung schneller. Vielleicht würde sie sogar reichen, um ungefähr zu wissen, worum es geht.

Aber irgendwo zwischen Seite vier und zwölf könnten genau die Sätze stehen, die in fünf Stichpunkten fehlen.

Das Display wird wieder dunkel.

Weiter mit Seite vier.




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