Wir haben um 18 Prozent mehr tatverdächtige Jugendliche zwischen zehn- und 14 Jahren in Wien

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
15.08.2026
4 Min.

Ab September sollen 48 zusätzliche Polizeikräfte aus sechs Bundesländern nachts durch Wien fahren. Ihr Einsatz führt sie ausgerechnet dorthin, wo wir nachmittags Fußball spielen oder Freunde treffen: in Parks, in denen Klappmesser, Raub und Revierkämpfe zum Polizeischwerpunkt geworden sind.

Jugendbanden machen nachts die Stadt unsicher. (Foto: shutterstock)

Für 24 Polizistinnen und Polizisten aus Niederösterreich, Oberösterreich, dem Burgenland und der Steiermark beginnt seit Anfang August eine zusätzliche Nachtschicht in Wien. Der Einsatz dauert laut ORF bis 3 Uhr früh, dazu kommen noch die Zeiten für die Abreise. Am Nachmittag rollen in diesen Parks Bälle über Asphalt und Wiesen. Wenige Stunden später kontrollieren Einsatzkräfte dieselben Wege auf Waffen, Drogen und mögliche Straftaten.

„Ich bin schockiert, wie sich die Situation in Wien verändert hat“, sagt Ahmet, 16. „Ich kannte einige Leute, die heute in solche Dinge verwickelt sind.“ Einige von ihnen gingen mit ihm in die Schule, andere kannte er vom Fußball. Heute hat er mit keinem von ihnen Kontakt.

Ahmet kennt keine Fälle aus einer Tabelle. Er kennt Gesichter. Menschen, mit denen er früher Zeit verbracht hat, tauchen heute in einem Umfeld auf, von dem er sich fernhält. Ihre Wege haben sich getrennt, doch ihre Geschichte spielt in derselben Stadt weiter.

Sechs Bundesländer, ein Wiener Hotel

Ab September wächst die Verstärkung auf 48 Kräfte. Salzburg und Kärnten kommen hinzu. Die Polizistinnen und Polizisten sollen für bis zu drei Monate der Wiener Bereitschaftseinheit zugeteilt und laut der von der APA eingesehenen Anordnung in einem Hotel in Mariahilf untergebracht werden. Die Einsätze finden nachts in der ganzen Stadt statt, besonders in Parkanlagen in Favoriten.

Die Polizei schreibt vom „geballten Auftreten“ einzelner migrantischer Jugendgruppen. Klappmesser passen in eine Hosentasche. Raub bedeutet, dass jemandem Handy oder Geld mit Gewalt weggenommen werden. Ein Revierkampf macht aus einem öffentlichen Park einen Ort, den eine Gruppe für sich beansprucht. Diese Begriffe stehen in der Anordnung nebeneinander, als wären sie gewöhnliche Punkte auf einer Einsatzliste.

Von Bundespolizeidirektor Michael Takács hieß es laut DER STANDARD: „Wir setzen polizeiliche Schwerpunkte dort, wo sie erforderlich sind.“ Der Wiener FSG-Vorsitzende Walter Strallhofer hält dagegen: „Wer Verstärkung braucht, hat kein Personalproblem gelöst.“ Die zusätzlichen Einsatzkräfte sollen in dieser Nacht für Sicherheit sorgen. Dass sie dafür aus sechs Bundesländern anreisen müssen, zeigt zugleich, wie groß der personelle Aufwand ist.

Kinder in der falschen Spalte

Auf dem Blatt der Wiener Kriminalstatistik 2025 sinkt die Gesamtzahl der angezeigten Straftaten um 0,2 Prozent auf 194.625. Weiter unten steigt eine andere Zahl deutlich an: Die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen unter 21 Jahren nahm um 10,7 Prozent zu. Bei den Zehn- bis unter 14-Jährigen betrug das Plus 18,1 Prozent auf 917.

Zehn bis 13 Jahre: Das ist das Alter jüngerer Geschwister und vieler Schülerinnen und Schüler in der Unterstufe. Der Morgen sollte mit Stundenplan, Jausenbox und Hausübung beginnen. In den Polizeiakten tauchen bei dieser Altersgruppe jedoch häufiger Delikte wie Körperverletzung und Einbruch auf.

Ein Wort bleibt dabei entscheidend: tatverdächtig. Eine Anzeige ist noch kein Urteil. NEUSTART weist darauf hin, dass die Zahl der verurteilten Jugendlichen zwischen 2015 und 2024 um 14,6 Prozent sank. Höhere Anzeigebereitschaft, bessere Aufklärung und veränderte Zählweisen können die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen zusätzlich beeinflussen. Österreichweit blieb die Zahl der Tatverdächtigen im Alter von 14 bis unter 18 Jahren 2025 laut Innenministerium nahezu auf dem Stand des Vorjahres.

Die Zahlen erlauben weder Panik noch Verharmlosung. Sie zeigen ein ernstes Problem bei bestimmten Gruppen, aber kein Urteil über eine gesamte Generation.

61 Kinder, 14 im Programm

Gerhard Winkler vom Wiener Landeskriminalamt nennt die Ursachen „vielfältig“. Manche würden „durchs Netz der schulischen und beruflichen Ausbildung fallen“, andere lebten mit schweren Problemen in der Familie. Eine Streife kann am Abend ein Messer sicherstellen. Sie kann am nächsten Morgen keinen leeren Platz im Klassenzimmer besetzen.

„Ich sehe darin ein großes Problem. Gesellschaftlich muss sich einiges verändern, damit Jugendliche seltener in kriminelle Handlungen geraten. Dafür braucht es Reformen, die früher ansetzen“, sagt Julian, 17.

Frühe Hilfe darf nicht erst in dem Moment beginnen, in dem die Polizei ein Messer findet. Wie sie aussehen kann, zeigt die Wiener „Orientierungshilfe“. Im März galten 61 Kinder unter 14 Jahren als Intensivtäter. Ihnen wurden mindestens fünf Straftaten zugerechnet, darunter eine schwere. Einige Zehn- bis 13-Jährige begingen laut ORF bis zu 15 Delikte pro Monat. Im Schnitt entspricht das einer Tat an jedem zweiten Tag.

Nur 14 Buben erhielten damals Orientierungshilfe. Die Gespräche fanden nicht am Vernehmungstisch, sondern beim Sport statt. Sozialarbeiter trafen die Kinder mindestens dreimal pro Woche, trieben mit ihnen Sport, redeten nebenbei und kamen wieder. Nach sechs Monaten gingen zehn Kinder wieder zur Schule. Sieben begingen deutlich weniger Delikte, drei laut Wiener Kinder- und Jugendhilfe gar keine mehr.

61 Kinder, 14 im Programm, zehn zurück in der Schule, drei ohne neue Delikte. Zwischen diesen Zahlen liegt der Unterschied zwischen einer Akte auf einem Schreibtisch und einem Erwachsenen, der auch zum nächsten Treffen erscheint.

Wenn im September Blaulicht auf eine Parkbank scheint, sehen wir das späteste Warnsignal. Bei manchen war das erste längst da: ein leerer Platz im Klassenzimmer.



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