Stromausfälle in der Ukraine sind längst keine Ausnahme mehr, sie sind Teil desalltäglichen Lebens geworden. Probleme beim Kochen, Heizen und bei der Arbeit imHomeoffice begleiten jeden Tag. Familien haben gelernt, Mahlzeiten im Vorauszuzubereiten und die kurzen Zeitfenster mit Strom optimal zu nutzen. Kühlschrank, Herd, Waschmaschine, alles läuft „auf Vorrat“.
Besonders belastend ist das Fehlen von warmem Wasser. Ohne Strom gibt es auch keinheißes Wasser. Man wartet stundenlang oder erhitzt Wasser im Wasserkocher, um sichzumindest notdürftig waschen zu können. Solche Kleinigkeiten, die früher kaumauffielen, erschöpfen heute körperlich wie seelisch.
Unsere Nachbarn aus Mariupol erzählten schreckliche Geschichten. Als die Stadt unterder brutalsten Besatzung stand, dachten die Menschen nicht einmal mehr an Hygiene. Jeder Tropfen Wasser war wertvoll. Alle versteckten sich monatelang in Kellern, unddiejenigen, die wenigstens ein wenig Glück hatten, aßen die letzten Essensvorräte undstreckten sie so lange wie möglich. Doch nur wenigen war dieses Glück vergönnt. Vielegerieten in Gefangenschaft und kehrten nie wieder zurück …
Schule ist noch immer möglich
Eine weitere Herausforderung ist das Lernen. Hausaufgaben sowie die Vorbereitung aufSchularbeiten und Prüfungen erledigen Schüler jetzt oft nachts, weil Strom nur dann verfügbar ist. Dennoch bleibt ein erstaunlicher Wissensdurst. Gibt es zu Hause keinInternet, gehen sie zu Freunden oder Verwandten in anderen Stadtteilen oder setzen sichin Cafés mit Generatoren, um am Unterricht teilnehmen zu können.
Die 16-jährige Anna erzählt, wie schwer es war, in ein völlig neues Lebenhineingeworfen zu werden. Der permanente Stress durch die Umstände, die schulischenAnforderungen und die Gedanken an die Zukunft haben ihre psychische Gesundheitbeeinträchtigt. Kaum ein Tag vergeht ohne Beruhigungsmittel oder andereMedikamente. Sie hat professionelle Hilfe in Anspruch genommen, versucht aberdennoch, vieles allein zu bewältigen. Unter diesen Bedingungen ist es schwer, manselbst zu bleiben.
Gewöhnung trotz allem
So absurd es auch klingen mag: Die meisten Menschen haben sich inzwischen so sehran dieses Leben gewöhnt, dass sie sich mit einer kleinen Taschenlampe problemlos imDunkeln orientieren. Das Licht des Handybildschirms ist oft die einzige Beleuchtung inder Wohnung. In fast jedem ukrainischen Haushalt gibt es Kerzenvorräte, die währendder Stromausfälle helfen. „In unserer Realität haben Kerzen aufgehört, ein Zeichen vonRomantik zu sein“, sagt die 24-jährige Veronika.
All das bleibt nicht ohne Folgen. In Familien staut sich die Anspannung, es kommt zuKonflikten. Die Menschen sind unzufrieden, gereizt und psychisch erschöpft. Allein imersten Halbjahr 2025 wurden mehr als 50.000 Scheidungen registriert. Ablenkung istfast unmöglich. Die Umstände werfen ständig alle auf sich selbst zurück, schränken einund üben Druck aus. Sehr viele Familien leben derzeit getrennt voneinander, Belastungsprobe für Liebende.
Ausharren in der Not
Trotz allem haben sich viele Familien entschieden, zu bleiben. Für manche ist es eineFrage des familiären Zusammenhalts. Eine Mutter konnte ihren volljährigen Sohn nichtallein in einem Land zurücklassen, aus dem er nicht ausreisen kann. Sie entschiedensich, zusammenzubleiben, trotz Angst, Kälte und Ungewissheit. Heute leben sieweiterhin in der Ukraine, jedoch getrennt: Der Sohn beendet sein Studium in Kyjiw undlebt dort, während seine Eltern und Schwestern in Lwiw sind und ihn so oft wiemöglich besuchen.
Das Schlimmste ist der Beschuss
Die schlimmsten Momente haben jedoch nicht mit Stromausfällen zu tun, sondern mitBeschuss. In der vergangenen Woche erlebte Charkiw besonders schwere Angriffe aufein Wohnviertel. Es war mein Viertel, der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, wo allesvertraut ist. Explosionen, zerbrochene Fenster, herabfallender Putz. Für viele war dasein Schock. Es gab zahlreiche Verletzte, darunter Jugendliche in meinem Alter.
Da in den Nachrichten keine Namen fielen, waren alle in Angst. Sie versuchten, ihreFreunde, Verwandten, Mitschüler oder Schüler zu erreichen. Ausgerechnet an diesemTag wollten meine Klassenkameraden in die unterirdische Schule gehen, um sich aufPrüfungen vorzubereiten. Ganz in der Nähe schlug eine Rakete ein. In solchenMomenten wird den Menschen schlagartig klar: Soziale Probleme, Besitz und Alltagtreten in den Hintergrund. Am schlimmsten ist die Angst um das Leben, das eigene unddas der Angehörigen.
Die Ukraine bleibt stark
Kann das die Ukraine brechen? Nein. Es erschöpft, schwächt körperlich und psychischund zwingt die Menschen, am Rand ihrer Kräfte zu leben. Gleichzeitig wachsen geradeunter diesen Bedingungen Solidarität und Trotz. Menschen unterstützen einander, teilenLicht, Wärme und Zeit.
Ein einfacher, aber hartnäckiger Gedanke prägt die Gespräche: Der Winter wirdvorübergehen, wir müssen nur durchhalten. Diese innere Haltung erweist sich alsstärker als Kälte und Dunkelheit. Wie mein Vater sagt: „Noch ein kleines bisschen, undalles wird gut.“ Aber wann wird dieses „kleine bisschen“ endlich vorbei sein?
All das in Worte zu fassen, ist fast unmöglich. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann esnicht wirklich verstehen. Es gleicht einem Horrorfilm, in dem man nicht Zuschauer, sondern Beteiligter ist und mit letzter Kraft versucht zu überleben, weiterzuleben.
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