2,80 Euro für eine Kugel Eis. Ich stehe Anfang der Sommerferien in der Wiener Innenstadt, es hat knapp 30 Grad und normalerweise wäre die Entscheidung nach wenigen Sekunden gefallen. Heute stecken allerdings nur 20 Euro in meiner Geldbörse. Dieses Geld soll für den gesamten Nachmittag reichen. Plötzlich beginne ich zu rechnen: 2,80 Euro sind 14 Prozent meines Budgets. Ich weiß noch nicht, was mein Essen kosten wird und wie teuer der restliche Nachmittag wird. „Normalerweise würde ich bei 2,80 Euro kaum überlegen. Mit nur 20 Euro wirken plötzlich selbst drei Euro teuer.“ Ich gehe weiter. Ohne Eis.
Für mein Selbstexperiment habe ich mir drei Bedingungen gesetzt: Ich möchte etwas trinken, eine richtige Mahlzeit essen und etwas unternehmen. Freunde oder Eltern dürfen nichts bezahlen. Meine Öffis rechne ich nicht ein, weil ich bereits ein Ticket besitze. Alles andere muss von meinen 20 Euro bezahlt werden.
89 Cent für den Durst
Meine erste Ausgabe ist wesentlich kleiner als die Kugel Eis. In einem Geschäft kaufe ich eine Flasche Wasser für ungefähr 89 Cent. Jetzt habe ich noch 19,11 Euro. Den Namen des Geschäfts weiß ich heute nicht mehr. Das Experiment habe ich bereits Anfang der Sommerferien durchgeführt und damals nicht jeden Laden aufgeschrieben. Deshalb nenne ich nur Preise und Beobachtungen, an die ich mich noch sicher erinnere.
Schon beim Wasser merke ich, wie sehr das Budget meine Entscheidungen beeinflusst. In einem Café hätte mich ein Getränk mehrere Euro kosten können. Mit 20 Euro suche ich plötzlich nach der günstigeren Möglichkeit. Das passiert in einer Zeit, in der Preise weiterhin steigen. Im Juli lagen die Verbraucherpreise in Österreich laut Statistik Austria um 2,8 Prozent über dem Vorjahresmonat. Für einen einzelnen Nachmittag sagt diese Inflationsrate wenig darüber aus, ob mein Döner teuer oder günstig ist. Sie zeigt aber, warum Preise für Essen, Freizeit und andere Alltagsausgaben weiterhin ein Thema sind.
Der Donaukanal kostet nichts
Vom Zentrum gehe ich weiter zum Donaukanal. Hier erfülle ich die zweite Bedingung meines Experiments, ohne einen Cent auszugeben. Ich spaziere herum, treffe Freunde und verbringe dort Zeit. Meine Geldbörse bleibt in der Tasche. Für Herumsitzen, Reden oder Spazieren am Donaukanal brauche ich kein Ticket. Nach der kostenlosen Aktivität liegen deshalb immer noch 19,11 Euro in meiner Geldbörse.
Das hilft meinem Budget enorm. Hätte meine Freizeitaktivität zehn oder 15 Euro gekostet, wäre von den 20 Euro kaum noch genug für Essen und Getränk übrig. Kostenlose Orte und Veranstaltungen können deshalb entscheidend dafür sein, wie teuer ein Sommertag wird. Beim Kultursommer Wien standen 2026 beispielsweise rund 500 Acts bei freiem Eintritt auf dem Programm. Auch kostenlose Sport- und Ferienangebote gibt es in der Stadt. Dann bekomme ich Hunger.
Der Döner nimmt fast ein Drittel
Ich kaufe einen Döner für ungefähr 6,50 Euro. Danach bleiben mir 12,61 Euro. Beim Essen wollte ich bewusst keine möglichst billige Notlösung suchen. Ich wollte etwas kaufen, das für mich als richtige Mahlzeit durchgeht.
Mit Wasser, Donaukanal und Döner habe ich meine drei Bedingungen bereits erfüllt. Ich könnte nach Hause fahren und hätte mehr als die Hälfte meiner 20 Euro übrig. Nur wäre das ein ziemlich künstlicher Sieg. Ein Sommertag besteht für mich nicht daraus, möglichst effizient Essen und Wasser einzukaufen. Vielleicht will ich noch ein Eis, einen Snack oder ein Getränk. Bei einem Getränk für fünf oder sechs Euro denke ich plötzlich darüber nach, welchen Anteil meines Geldes es kostet. Sechs Euro wären 30 Prozent meines Startbudgets. Ich verzichte.
Zurück zum Eis
Später kaufe ich mir doch noch eine Kugel Eis. Wieder für ungefähr 2,80 Euro. Der Preis ist derselbe wie zu Beginn. Meine finanzielle Situation ist sogar schlechter: Statt 20 Euro habe ich vor dem Kauf nur noch 12,61 Euro. Trotzdem muss ich diesmal kaum überlegen.
Ich weiß inzwischen, dass ich gegessen und getrunken habe. Meine Freizeitaktivität hat nichts gekostet. Das Risiko, am Ende hungrig und ohne Geld dazustehen, fühlt sich kleiner an. Nach dem Eis bleiben 9,81 Euro. Diese eine Kugel ist für mich im Nachhinein der interessanteste Teil des Versuchs. Zwischen meinem ersten und zweiten Eis-Moment ist das Produkt keinen Cent günstiger geworden. Verändert hat sich nur, was ich über mein restliches Geld weiß.
Noch eine Schnitzelsemmel
Später bekomme ich noch einmal Hunger und kaufe eine Schnitzelsemmel für 4,83 Euro. Jetzt rechne ich zum letzten Mal: 89 Cent für Wasser, 6,50 Euro für den Döner, 2,80 Euro für das Eis und 4,83 Euro für die Schnitzelsemmel. Der Donaukanal kostet mich nichts. Insgesamt habe ich 15,02 Euro ausgegeben. 4,98 Euro bleiben übrig.
Für mein Experiment lautet die Antwort damit ziemlich eindeutig: Ja, ich konnte mit 20 Euro mehrere Stunden einen Sommertag in Wien verbringen. Ich habe zweimal gegessen, Wasser und ein Eis gekauft und Zeit am Donaukanal verbracht. Allgemein beweist mein Versuch das natürlich nicht. Meine Öffis waren bereits bezahlt, ich war weder im Kino noch im Freibad und meine Freizeitaktivität war kostenlos. Ein anderer Sommertag kann mit denselben 20 Euro völlig anders aussehen.
Am Anfang liegen 20 Euro in meiner Geldbörse und ich gehe wegen einer Kugel Eis weiter. Einige Stunden später habe ich Wasser getrunken, Döner und Schnitzelsemmel gegessen, war am Donaukanal und habe mir das Eis doch noch geholt. 4,98 Euro sind am Ende noch übrig. Und ausgerechnet die 2,80 Euro, die ich zuerst nicht ausgeben wollte, sind mir von diesem Nachmittag am stärksten in Erinnerung geblieben.
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