„Wie geht’s dir?“
„Gut, dir?“
Die Antwort kommt automatisch. Fast schon wie ein Reflex.
Und manchmal merkt die andere Person trotzdem, dass etwas nicht stimmt:
„Warum bist du eigentlich wieder so still?“
Was willst du denn genau hören?
Bist du wirklich bereit, dir die ganzen Probleme anzuhören? Denkst du wirklich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, darüber zu reden, wenn ich dir eigentlich schon ansehe, dass deine Aufmerksamkeitsspanne nicht einmal fünf Minuten lang ist?
Denn die ehrliche Antwort wäre vielleicht einfach „Mir geht’s nicht so gut“.
Also, warum bin ich still?
Ich bin nicht still, weil ich genervt bin oder gerade nicht hier sein will. Ich habe einfach viel um die Ohren. Ich denke über eine Situation nach, die mir vor einer Woche passiert ist, und versuche gleichzeitig, vier verschiedene Gespräche zu analysieren. Nebenbei fällt mir natürlich noch ein, dass ich eine Schularbeit habe und einiges nachholen muss. Ach ja, und nicht zu vergessen: Mit jedem Jahr merke ich mehr, wie viele Menschen oder ‚Freunde‘ plötzlich verschwinden.
Willst du dir das wirklich anhören? Oder hast du eigentlich nur gefragt, weil du sowieso erwartest, dass ich „Alles gut!“ oder „Bin nur müde“ antworte?
Die Frage, die wir automatisch stellen
Ich glaube, genau darin liegt das Problem. „Wie geht’s dir?“ ist mittlerweile fast schon eine Begrüßungsformel geworden. Wir fragen, weil es höflich ist, weil wir jemanden länger nicht gesehen haben oder weil uns auffällt, dass jemand ungewöhnlich ruhig ist.
Aber wie oft wollen wir die Antwort wirklich hören?
Natürlich kann niemand erwarten, dass sich ein fünfminütiges „Wie geht’s dir?“ plötzlich in ein zweistündiges Gespräch über sämtliche Probleme des Lebens verwandelt. Manchmal hat man selbst keine Zeit oder gerade nicht die Kraft, sich alles anzuhören. Das ist völlig verständlich.
Aber dann könnte man vielleicht auch einfach nicht fragen.
Was, wenn die Antwort ehrlich ist?
Denn was passiert, wenn jemand tatsächlich sagt: „Nein, mir geht’s gerade nicht gut“?
Vielleicht kommt ein kurzes „Oh, warum?“ und nach zwei Sätzen wird das Thema gewechselt. Vielleicht bekommt die Person sofort irgendwelche Ratschläge, obwohl sie eigentlich nur jemanden gebraucht hätte, der zuhört.
Und vielleicht antwortet die Person deshalb beim nächsten Mal wieder mit „Gut, dir?“
Nicht, weil wirklich alles gut ist. Sondern weil sie gelernt hat, dass die ehrliche Antwort vielleicht gar nicht erwünscht ist.
Dabei muss man nicht jedes Problem lösen können. Man muss auch nicht immer die richtigen Worte finden. Manchmal reicht es schon, wirklich zuzuhören und der anderen Person das Gefühl zu geben, dass ihre Antwort gerade nicht zu viel ist.
Dann frag lieber nicht nur aus Höflichkeit
Ich glaube nicht, dass wir aufhören sollten zu fragen, wie es anderen geht. Im Gegenteil. Vielleicht sollten wir nur anfangen, die Frage etwas ernster zu meinen.
Denn wenn ich dich frage, wie es dir geht, und du mir ehrlich erzählst, was gerade in deinem Kopf los ist, dann möchte ich nicht, dass du dir währenddessen denkst: „Hätte ich doch einfach ‚gut‘ gesagt.“
Vielleicht müssen wir nicht immer die perfekte Antwort haben. Aber wir sollten zumindest bereit sein, die Wahrheit auszuhalten, wenn wir schon danach fragen.
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