Medikamente wirken nicht für alle gleich, Fachpersonal bagatellisiert Schmerzen, Fehldiagnosen sind verbreitet und das Gesundheitssystem lässt die Betroffenen im Stich.
Seit Jahrzehnten orientiert sich medizinische Forschung überwiegend am männlichen Körper, mit spürbaren Folgen für Frauen im Alltag. Die Forschung berücksichtigt die medizinischen geschlechtsspezifischen Unterschiede bis heute nur mangelhaft. Trotz gesetzlich geregelter Vorgaben zur Beteiligung von Frauen an Arzneimittelstudien besteht weiterhin ein deutlich erhöhtes Risiko: Einer Studie des American Journal of Clinical Dermatology zufolge leiden Frauen zu 50–70 Prozent häufiger an Nebenwirkungen von Medikamenten, sogenannten ADRs, „adverse drug reactions“, als Männer. Das verdeutlicht, wie unzureichend die aktuelle Datenlage in Bezug auf physische und hormonelle Unterschiede ist.
Der männliche Körper als medizinische Norm
Der weibliche Körper unterscheidet sich in vielen zentralen Punkten vom männlichen, wie in der Anatomie, dem Hormonhaushalt, dem Stoffwechsel, dem Fettanteil und einigen mehr. Diese biologischen Unterschiede beeinflussen die Wirksamkeit von Medikamenten maßgeblich.
Der weibliche Körper ist jedoch kein Sonderfall, sondern macht die Hälfte der Bevölkerung aus. Dennoch orientiert sich der Großteil der medizinischen Forschung und Entwicklung bis heute an männlichen Normwerten. Beispielsweise enthalten Packungsbeilagen bei Arzneimitteln kaum Informationen zugeschnitten auf Frauen.
Studiendesign als Ursache für Forschungslücken
Ein zentrales Problem liegt im Studiendesign. Laut der Gynäkologin Marlene Schneider sei es einfacher und sicherer zu gestalten, wenn eine Schwangerschaft der Probanden ausgeschlossen ist. Damit gehe allerdings viel Information verloren. Selbst in retrospektiven Studien oder Beobachtungsstudien berücksichtigen Forscher*innen das Geschlecht häufig nicht, was natürlich auch zu Fehleinschätzungen führe.
Die Folgen treten oft erst Jahre später auf und Frauen sehen sich dann mit unerklärlichen Zyklusveränderungen oder eingeschränkter Fruchtbarkeit konfrontiert.
Die Nebenwirkungen dieser Ignoranz spüren Frauen in Form von Schmerzen, Unsicherheit und gesundheitlichen Belastungen. Viele dieser Belastungen hätten nie entstehen müssen, wenn die Forschung ihre Verantwortung nicht so lange verdrängt hätte.
Doch der Gender Health Gap mit den verbundenen Datenlücken ist kein Zufall, sondern das Ergebnis sexistischer Strukturen in der Medizin, die bereits in der Ausbildung und im Studium ihren Ursprung haben.
Wenn Fachkräfte Beschwerden nicht ernst nehmen
Darüber hinaus verharmlost das medizinische System weiterhin frauenspezifische Probleme wie Menstruations- oder Wechselbeschwerden. „Zwar stehen zahlreiche Medikamente hierzu zur Verfügung, doch werden diese oft nicht ausreichend verwendet oder gar nicht erst aktiv angeboten. Stattdessen hält sich die hartnäckige Vorstellung, diese zyklusbedingten Schmerzen seien ‚normal‘ und von Frauen auszuhalten“, sagt Gynäkologin Schneider.
Diese strukturelle Benachteiligung setzt sich auch bei der Diagnose fort: Durch die an den männlichen Normwerten orientierten Studien sind die Symptome von Frauen oftmals ungenügend erforscht, was zu verspäteten oder sogar fehlerhaften Diagnosen führen kann.
Medizin, die für alle funktioniert
Nur wenn Studien Frauen in Zukunft konsequent einbeziehen und ihre physiologischen Besonderheiten berücksichtigen und ernst nehmen, kann eine Medizin entstehen, die für alle funktioniert. Dazu gehört eine rückwirkende Anpassung der bestehenden Packungsbeilagen, die Frauen nicht länger als eine Randnotiz der Gesellschaft sieht. Eine gerechte Medizin entsteht nur, wenn die Forschung das weibliche Geschlecht nicht als Ausnahme behandelt, sondern es in allen Phasen vom Studiendesign bis zur Praxis vollständig berücksichtigt und einbezieht.
Kommentare
Super geschrieben