Es ist schon dunkel, als ich plötzlich ein Rascheln höre. Dann Schritte im Gras. Ich gehe zum Fenster und starre hinaus. Zuerst sehe ich nur die schwarze Wiese und die Umrisse der Bäume. Ich warte. Nach und nach gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Dann erkenne ich ein Tier, das ganz nah an unserem Haus steht. Ein Reh. Ich bleibe am Fenster stehen und beobachte es, ohne mich zu bewegen.
Vor unserem kleinen Landhaus sitze ich tagsüber oft unter dem Sonnenschirm an einem Holztisch, das Gewehr an der Schulter. Hinter dem Garten liegen eine Wiese und bewaldete Bergrücken. Hier übe ich das Zielschießen und den Umgang mit der Waffe für die spätere Jagd. Wenn ich an diesen Ort denke, fällt mir aber nicht zuerst das Schießen ein. Ich denke an die Wiese, auf der plötzlich ein Reh steht, und an die Geräusche, die nachts von draußen kommen.
In der Gegend um unser Haus bin ich gern zu Fuß unterwegs. Ich genieße die frische Luft, schaue dem Wind in den Blättern zu und bleibe stehen, wenn sich zwischen den Bäumen etwas bewegt. Auf den Wiesen sehe ich Hirsche und Rehe, selten auch Mufflons. An manchen Tagen entdecke ich kein einziges Tier. Dann gehe ich weiter durch den Wald oder schaue mir abends die Sterne an. Es gibt immer einen Grund, noch ein wenig draußen zu bleiben.
Besuch in der Nacht
Am nächsten kommen mir die Tiere ausgerechnet dann, wenn ich im Haus bin. Oft höre ich zuerst ein Rascheln und Schritte im Gras. Ich gehe ans Fenster, doch draußen erkenne ich zunächst kaum etwas. Erst nach ein paar Minuten haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Dann sehe ich, was sich auf der Wiese bewegt.
Hirsche und Rehe kommen manchmal bis vor unsere Haustür. Ich beobachte sie durchs Fenster, damit ich sie nicht verscheuche. Mit etwas Geduld erkenne ich, wie die Hirsche Blätter von den Büschen abbeißen. An anderen Abenden, vor der Brunft, also vor der Paarungszeit, höre ich, wie sie ihre Geweihe gegeneinanderschlagen. Dann weiß ich schon vor dem ersten Blick aus dem Fenster, dass draußen wieder etwas los ist.
Tagsüber kann ich vom Garten aus weit über die Wiesen und Hügel schauen. Nachts hilft mir dieser vertraute Blick erst einmal wenig. Ich stehe am Fenster und versuche, zwischen den dunklen Büschen die Umrisse der Tiere zu erkennen. Manchmal taucht ein Reh ganz nah am Haus auf, während weiter hinten noch ein Hirsch steht. Die Minuten, in denen ich nur Schritte höre und noch nichts sehe, gehören für mich inzwischen genauso dazu wie der Anblick der Tiere.
Auch im Wald verändert sich ständig, worauf ich achte. Vom Haus aus wirken die Bäume am Hang wie eine geschlossene Fläche. Auf einem Weg zwischen ihnen sehe ich nur bis zu den nächsten Stämmen. Ich gehe dort gern ohne Eile. Ein Rascheln im Laub kann von einem Tier kommen, oft sehe ich aber keines. Das stört mich nicht. Ich bin schon deshalb gern hier, weil ich unterwegs sein und mir die Landschaft in Ruhe ansehen kann.
Mit meinem Opa im Revier
Mein Opa wohnt in Bernstein. Von dort fahren wir gemeinsam ins Günser Gebirge, und er nimmt mich mit ins Revier. „Die Vielfalt hier ist einfach besonders“, sagt er. Für mich gehören dazu die Wiesen rund um unser Haus, die Wege im Wald und die Tiere, die nachts vor dem Fenster stehen. Mein Opa verbindet mit der Gegend noch andere Erinnerungen.
„Das Jagen hat mir mein Bruder beigebracht. Wir waren oft hier, nicht nur, um zu jagen, sondern die Natur zu genießen“, erzählt er. Die beiden besuchten Verwandte in der Gegend und gingen gemeinsam jagen. Sein Bruder starb vor sechs Jahren. Heute zeigt mein Opa mir, worauf er im Revier achtet. Ich höre ihm zu, und wenn wir unterwegs sind, schaue ich selbst nach Tieren und Spuren.
Jagen darf ich noch nicht. Nach meinem Wehrdienst möchte ich den Jagdschein machen. Das Zielschießen vor unserem Haus ist eine der Übungen, mit denen ich mich darauf vorbereite. Dabei habe ich noch nie einem Lebewesen geschadet. Mir ist klar, dass es etwas anderes ist, auf eine Scheibe zu schießen oder später über ein Tier zu entscheiden. Deshalb will ich möglichst viel darüber lernen, wie die Tiere leben und wie ich mich in ihrem Lebensraum verhalte.
Das Günser Gebirge lässt sich auch ohne Zugang zum Revier erkunden. Im Naturpark Geschriebenstein führen markierte Wege durch die Wälder. Es gibt dort sogar einen Jagdlehrpfad. Ich würde jedem empfehlen, sich für einen Spaziergang Zeit zu nehmen. Ob dabei ein Hirsch zu sehen ist, kann niemand versprechen. Bei uns am Haus weiß ich das genauso wenig, wenn ich nachts ein Geräusch höre und ans Fenster gehe.
Irgendwann mache ich das Licht aus. Draußen ist die Nacht aber noch lange nicht vorbei.
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