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Wenn Privates zum Politikum wird – Wie glaubwürdig müssen Politiker*innen sein?

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Volontär · Bundesgymnasium Vöcklabruck
1 Kommentar
18.07.2026
3 Min.

POLITIK CHECK. In dieser Kolumne berichtet unser Volontär Wendelin Brandstötter vom BG Vöcklabruck regelmäßig über die wichtigsten innen- und außenpolitischen Themen. Er erklärt einfach und verständlich die Hintergründe und ihr seid bei einem wichtigen Thema up to date.

Unser Kolumnist Wendelin Brandstötter: Wenn das Privatleben nicht der politischen Haltung entspricht, sind die Politiker*innen dann immer noch glaubwürdig? (Foto: Wendelin Brandstötter)

Der mittlerweile zurückgetretene CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn sorgt derzeit für hitzige Debatten. Aber was ist passiert?

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Spahn von 2018 bis 2021 deutscher Bundesgesundheitsminister und von Mai 2025 bis zu seinem Rücktritt am 18. Juli Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war. Der 46-Jährige lebt offen schwul. Sein Ehemann und er wurden vor wenigen Wochen mithilfe einer Leihmutter aus den USA Eltern.

Dort ist eine Leihmutterschaft legal. In Deutschland allerdings nicht. Die CDU, also Spahns Partei, betont, dass die Rechtslage weiterhin so bleiben soll und verweist auf einen entsprechenden Parteitagsbeschluss. Auch Spahn selbst sprach sich in seiner Zeit als Gesundheitsminister mehrmals gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft aus.

Jetzt steht der konservative Politiker in der Kritik. Doch nicht wegen seiner Elternschaft. Kritiker sehen vielmehr einen Widerspruch zwischen seiner (früheren) politischen Haltung und dem privaten Inanspruchnehmen einer Leihmutterschaft. Ihm werden Doppelstandards vorgeworfen. Durch diese Kritik, die teilweise auch aus der eigenen Fraktion gekommen ist, geriet Jens Spahn immer stärker unter Druck. Am Samstag, dem 18. Juli 2026, zog er schließlich den Schlussstrich und trat als CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzender zurück.

Ihm sei in den vergangenen Tagen bewusst geworden, dass sein persönliches Glück, gemeinsam mit seinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht mit seinem politischen Amt vereinbar sei, schrieb Spahn in seinem Rücktrittsschreiben. „Denn der Spagat zwischen meiner privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an mich als Vorsitzenden unserer Fraktion ist größer geworden, als ich es erwartet hatte.“ Weiters bat er um einen „menschlichen Ton“ in der Debatte. Ihm ist klar geworden, dass seine Familie für ihn das Wichtigste sei.

Wie beeinflusst das Privatleben eines*r Politiker*in seine/ihre Glaubwürdigkeit?

Klar. Die Causa Jens Spahn ist ein Einzelfall. Und dennoch steckt dahinter eine spannende Frage: Müssen Politiker*innen, um glaubwürdig zu sein, ihre politischen Werte auch privat leben?

Ich sage ganz klar: ja.

Denn nur wer konsequent zu seiner eigenen Haltung steht, ist für mich glaubwürdig. Oft haben die Menschen gegenüber Politiker*innen ohnehin schon Vorurteile: „Ah, die haben es ja schön! Schwingen den ganzen Tag nur große Worte und werden auch noch dafür bezahlt! Aber sobald es ums Umsetzen geht, finden sie wieder irgendwelche Ausreden!“

Wenn dann aber tatsächlich jemand seinen Worten Taten folgen lässt, sehen das die Leute. „Boah, der oder die macht ja echt etwas. Und schwingt nicht nur stundenlange Reden!“ Genau das ist meiner Meinung nach ein Grund, warum der Politik heute so wenig vertraut wird. Es würde, glaube ich, schon viel ändern, wenn Politiker*innen mehr auf die Menschen zugängen, sich ihre Probleme anhören würden und dann vor allem auch etwas dagegen unternähmen.

Und ja: Wenn man so wie beispielsweise Alice Weidel beruflich stets gegen Ausländer*innen und Homosexuelle wettert, aber selbst mit einer gebürtigen Sri-Lankerin verheiratet ist, die mittlerweile deutsche Staatsbürgerin ist, und selbst in der Schweiz lebt, wirkt das auf mich einfach nicht besonders überzeugend.

Doch andererseits hat jeder Mensch ein Recht auf ein Privatleben, egal welche Position von öffentlichem Interesse er oder sie bekleidet. Das gilt selbstverständlich auch für Politiker*innen. Und auch sie sind nur Menschen, die ihre Meinung ändern können. Es kommt gar nicht so selten vor, dass jemand einen Sinneswandel erlebt oder seine Position um 180 Grad verändert. Warum sollte man Berufliches und Privates also nicht unabhängig von seinem Job trennen dürfen?

Warum die Causa Spahn dennoch so interessant ist

Ich weiß: Diese Frage muss jede*r für sich selbst beantworten.

Für mich persönlich sind solche Fälle jedoch vor allem eines: weitere vermeidbare Vertrauensverluste in die Politik. Denn entweder respektieren wir als Gesellschaft das Privatleben von Politiker*innen stärker. Und hängen ihnen nicht ständig bildlich gesprochen Paparazzi auf Schritt und Tritt an. Oder Politiker*innen vertreten ihre politische Haltung auch in ihrem Privatleben konsequent.

Wie so oft liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Sowohl Politiker*innen als auch wir Wähler*innen sind gefordert, toleranter miteinander umzugehen.



Kommentare

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    am 20.07.2026 Anja Pill
    Cooles Thema! Die Causa Jens Spahn ist mMn einfach ein typischer Fall von „Wasser predigen, Wein trinken“, ebenso wie das halbe Leben von Alice Weidel