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Wenn Emanzipation plötzlich Schürze trägt

Während Frauen weltweit seit Generationen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung kämpfen, romantisiert der Tradwife Trend auf Social Media die Rückkehr in alte Rollenbilder und die einseitige Abhängigkeit vom Partner, finanziell wie auch gesellschaftlich. Jungen Frauen wird nahegelegt, Ausbildung und Freiheit gegen ein Leben als Hausfrau einzutauschen.

Perfekt wirkende Ausschnitte aus einem unrealistischen Leben gehören zu den wichtigsten Social Media Posts der Tradwifes. (Foto: Pixabay - ArtsyBee)

Hannah Neeleman war Juilliard-Ballerina, Stipendiatin der Brigham Young University und Schönheitskönigin. Und jetzt? Tradwife.

Auf ihrem Social-Media-Account „Ballerina Farm“ mit rund 10,6 Millionen Follower*innen postet sie nun den Alltag einer traditionellen Hausfrau, auch „Tradwife“ genannt. Sie kocht, putzt, kümmert sich um ihre acht Kinder und die Tiere. Das alles nur, weil ihr Ehemann es so will. Doch nicht nur sie lebt den makellosen Tradwife-Lifestyle auf Social Media vor. Bekannt sind damit etwa auch Nara Smith oder Millane Masoud, deren Aussagen wie „Um eine Frau Gottes zu sein, hast du dich eben deinem Mann unterzuordnen“ viral gehen.

Gefährlicher Trend gefällt vielen Frauen

Vor allem junge Frauen auf Social Media finden Gefallen an dem Trend. Kein Wunder, wirkt doch der Gedanke, „nur“ zu Hause zu bleiben, zunächst attraktiv und reizvoll. Wer würde nicht gerne einfach einen Tag ganz ohne äußeren Druck beginnen? Unsere Gesellschaft bietet dafür jedoch keinen Raum. Frauen stoßen an Grenzen, wenn sie Mutterschaft und berufliche Erfolge gleichzeitig leben wollen. Wie Michelle Obama betonte: „You can have it all, but not at the same time. You really can’t.“

Das deutsche Statistikportal Statista.de hat dazu 2023 eine Umfrage durchgeführt. Von den fast 3.000 befragten zwanzig- bis dreißigjährigen Frauen war rund jede fünfte Tradwife-orientiert, nach dem Motto: Warum arbeiten gehen, wenn ich doch auch reich heiraten kann? Aufgrund digitaler Vorbilder träumen viele Mädchen davon, mit dem Geld ihres zukünftigen Mannes happily ever after zu leben. Oftmals übersehen bleibt dabei allerdings die Manipulation der Realität dieses so perfekt wirkenden Lifestyles.

„Der Tradwife-Trend ist zugleich befreiend und gefährlich. Er beruht auf dem gemeinsamen Wunsch nach Einfachheit. Entscheidend ist jedoch, beide Seiten zu erkennen“, sagt dazu Jana Stäbener, Redakteurin des auf gesellschaftlich und sozial relevante Themen spezialisierten Medienportals BuzzFeed Deutschland. Bei einem Gespräch für diesen Beitrag betont sie den feministischen Aspekt, die eigene Wahlfreiheit zu nutzen, und kritisiert die fehlende Transparenz der Privilegien wohlhabender Influencer*innen.

Auch Verena Carl, die als freie Autorin die Thematik in den Magazinen Stern und Brigitte bearbeitet, will das Phänomen nicht als harmlos abtun. Es gehe letztlich darum, eine Geschlechterrolle als Frau zu zelebrieren, in der sie Liebe, Hausarbeit und Sexualität gegen Geld tausche. Dieses Arrangement könne rasch zulasten der Frau kippen, da der männliche Partner eine Machtposition innerhalb der Beziehung erlange. Dieses Rollenbild lasse sich zudem ausnutzen, um „klassische“ Mann-Frau-Beziehungen von allen anderen abzugrenzen.

Viel Diskussionsstoff

Sogar politisch sorgt der Trend für Aufregung. Vor allem die amerikanische Republikanische Partei sowie die AfD und die FPÖ im deutschsprachigen Raum werben mit den traditionellen Aufgaben einer Frau. Der „neue amerikanische Traum“ kontrastiert mit dem liberalen Feminismus. Rechte Parteien nutzen konservative Familienbilder gezielt und betonen ihre „klassischen Werte“.

Gefährlich ist dabei die Schwarz-weiß-Darstellung des Tradwife-Trends. Die Bedeutung des Feminismus gerät in Vergessenheit. Nur durch ihn sind wir Frauen überhaupt erst an unsere Rechte gelangt. Hier redet niemand mehr darüber, den Männern etwas wegnehmen zu wollen, vielmehr geht es um eine selbst gewählte Lebensform, die Frauen nicht einmal annähernd Gleichberechtigung bringt.

Durch das dazugehörige Social-Media-Washing übersehen viele Frauen so, wie ihnen die genannten Parteien zum Beispiel auch die Entscheidungsfreiheit über ihren eigenen Körper zu nehmen versuchen. Einige US-Bundesstaaten leben das mit dem Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen bereits vor.

Influencer*innen in perfekt inszenierten Küchen raten Frauen, in die Rolle ihrer Großmütter zurückzukehren. Sie attackieren damit, wofür deren Generation hart gekämpft hat. Warum? Weil viele Frauen heute am Druck der Erwartungen an sie zu zerbrechen scheinen. Sie flüchten lieber in ein objektiv einfacheres Lebensmodell, ohne zu verstehen, wie abhängig sie sich dadurch machen.



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