Es ist Montagmorgen. Eine Schülerin sitzt im Unterricht und kann sich kaum konzentrieren. Sie hat schlecht geschlafen, wirkt müde und zieht sich von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern zurück. Während andere vielleicht denken, dass sie einfach einen schlechten Tag hat, weiß niemand, was am Abend zuvor zu Hause passiert ist. Solche Situationen zeigen, dass belastende Erfahrungen zu Hause nicht einfach an der Schultür zurückbleiben.
Ich interessiere mich schon länger für psychologische und gesellschaftliche Themen und beschäftige mich mit der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dabei bin ich auf die sogenannten Adverse Childhood Experiences (ACE) gestoßen. Die Forschung zeigt, dass belastende Erfahrungen in der Kindheit weitreichende Folgen haben können und teilweise noch viele Jahre später das Leben eines Menschen beeinflussen.
Viele Kinder erleben belastende Situationen
Den Ergebnissen der ACE-Studie zufolge haben fast zwei Drittel der untersuchten Personen mindestens eine belastende Erfahrung in ihrer Kindheit gemacht. Rund jede achte Person war sogar von vier oder mehr unterschiedlichen Belastungen betroffen. Dazu zählen unter anderem körperliche Misshandlung, Suchtmittelmissbrauch im Haushalt, die Trennung oder Scheidung der Eltern sowie sexueller Missbrauch.
Experten warnen vor langfristigen Folgen
„Belastende Kindheitserfahrungen sind weit verbreitet, werden aber häufig verschwiegen und nicht erkannt“, erklärt der Mediziner und ACE-Forscher Dr. Vincent J. Felitti. Sie können auch viele Jahre später noch Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit und das soziale Wohlbefinden haben.
Die Folgen müssen dabei nicht sofort sichtbar sein. Manche Kinder ziehen sich zurück, andere werden aggressiver oder haben Schwierigkeiten, sich in der Schule zu konzentrieren. Von außen ist oft nicht erkennbar, was hinter solchen Veränderungen steckt.
Gesundheit kann bis ins Erwachsenenalter beeinflusst werden
Die Studie zeigt außerdem: Je mehr belastende Erfahrungen eine Person in ihrer Kindheit erlebt hat, desto höher ist das Risiko für verschiedene gesundheitliche und soziale Probleme. Dazu zählen unter anderem Suchtverhalten, Depressionen und bestimmte körperliche Erkrankungen.
Wichtig ist dabei: Eine belastende Kindheit bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch später krank wird oder mit sozialen Problemen zu kämpfen hat. Die Erfahrungen können das Risiko erhöhen, sind aber keine Vorhersage für das weitere Leben. Unterstützung und ein stabiles Umfeld können eine wichtige Rolle spielen.
Warum das Thema Jugendliche in Österreich betrifft
Auch für Jugendliche in Österreich ist das Thema relevant. Belastende Erfahrungen können sich etwa auf die psychische Gesundheit, schulische Leistungen und Freundschaften auswirken. Deshalb ist es wichtig, dass Jugendliche wissen, wo sie Unterstützung bekommen können.
Eine mögliche Anlaufstelle ist Rat auf Draht. Unter der Nummer 147 können sich Kinder und Jugendliche in Österreich kostenlos und anonym Unterstützung holen. Auch Schulen, Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sowie Vertrauenspersonen können wichtige erste Ansprechpartner sein.
Frühe Hilfe kann einen Unterschied machen
Die ACE-Forschung macht deutlich, wie stark belastende Erfahrungen in der Kindheit mit der späteren körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung zusammenhängen können. Gleichzeitig zeigt sie, wie wichtig frühe Unterstützung und Prävention sind.
Für mich zeigt die Forschung vor allem, wie wichtig es ist, genauer hinzusehen. Nicht jedes Kind, das still ist, schlechtere Leistungen erbringt oder sich plötzlich verändert, hat einfach nur einen schlechten Tag. Manchmal steckt dahinter eine Situation, über die niemand etwas weiß. Umso wichtiger ist es, dass Betroffene wissen: Sie sind damit nicht allein und können sich Hilfe holen.
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