Nina Gruber wacht auf und greift zuerst nicht zum Handy, sondern zum Handgelenk. Ein Blick auf die Smartwatch, dann steht die Zahl da: 82 von 100. Kein guter Wert. Der Tag beginnt mit einer schlechten Note – vergeben von einem Ring am Finger oder einer Uhr am Handgelenk. Nina Gruber, 17, geht ans Sacré Coeur Wien. "Ich hab eine Smartwatch und schau eigentlich fast jeden Morgen auf meinen Schlaf. Das Erste ist es jetzt nicht immer, aber irgendwann am Vormittag check ich schon, wie die Nacht war", erzählt sie.
Die Zahl färbt auf den Tag ab. "Wenn da ein schlechter Wert steht, denk ich mir schon kurz: Na super, warum war mein Schlaf jetzt so schlecht? Auch wenn ich mich eigentlich eh ganz normal fühle. Wenn der Score gut ist, startet man irgendwie schon mit einem besseren Gefühl in den Tag."
Für viele von uns gehört das längst zur Morgenroutine. Smartrings wie der Oura Ring, der Samsung Galaxy Ring oder Armbänder wie Whoop tracken den Schlaf und rechnen ihn in eine einzige Zahl um. Laut der American Academy of Sleep Medicine nutzten 2025 bereits 48 Prozent der US-Amerikaner einen Schlaftracker.
Was der Score verspricht
Die Geräte messen Herzfrequenz, Herzratenvariabilität und Bewegung. Daraus bauen sie einen "Sleep Score" oder einen "Readiness"-Wert. Er sagt jeden Morgen, wie erholt der Körper angeblich in den Tag startet. Der Reiz liegt in der Kontrolle. Schlaf war lange ein Rätsel. Jetzt gibt es eine Zahl, ein Ziel, einen Vergleich mit gestern.
Der Haken: der Score rät
Die Zahl wirkt exakt. Sie ist es nicht. Ein Team von The Quantified Scientist und der Universität Salzburg testete 2026 fünfzehn Wearables im Schlaflabor. Ergebnis: Für dieselbe Nacht spucken die Geräte oft stark verschiedene Werte aus.
Ein systematischer Überblick in Nature Digital Medicine mit 53 Geräten zeigt: Die reine Schlafdauer messen die Tracker gut. Bei den Schlafphasen liegt die Trefferquote im Schnitt aber nur bei 65 Prozent.
Wirklich zuverlässig misst Schlaf nur ein Schlaflabor, mit Elektroden am Kopf. Der Ring am Finger schätzt.
Wenn Optimieren zur Angst wird
Trotzdem wird aus der Zahl ein Ziel. Auf TikTok läuft der Trend unter "Sleepmaxxing": Mouth Taping, der "Sleepy Girl Mocktail" vor dem Einschlafen, Melatonin-Sprays. Alles, um den perfekten Schlaf zu erreichen.
Schlafmediziner sehen das kritisch. Jeder Mensch habe eine eigene Schlaflänge, fünf, acht oder zehn Stunden, sagte Markus B. Specht, Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Schlafmedizin der DKD Helios Klinik Wiesbaden, gegenüber ZDFheute. Eine pauschale Empfehlung, mehr zu schlafen, sei falsch.
Für die Fixierung auf den perfekten Schlaf gibt es sogar einen Fachbegriff: Orthosomnie.
"Betroffene sind dabei krankhaft auf ihre Schlafqualität fixiert – und genau das führt dann wiederum zu Schlafproblemen", erklärte Judith Abel, Somnologin am Uniklinikum Erlangen, zum Welt-Schlaf-Tag im März 2026.
Wer abends ins Bett geht und schon fürchtet, welche Note der Ring morgen vergibt, schläft schlechter. Der schlechtere Schlaf drückt den Score. Der niedrige Score erhöht die Angst.
Was der Ring nicht weiß
Ein guter Morgen fühlt sich gut an, egal was die App sagt. Ein schlechter Wert macht aus einer erholsamen Nacht keine schlechte.
Fachleute raten deshalb zu wöchentlichen Trends statt zum Blick auf jede einzelne Nacht. Und dazu, morgens zuerst in sich hineinzuspüren, bevor der Griff zum Handy kommt.
Nina Gruber kennt die andere Richtung. "Ob ich dadurch wirklich besser schlafe, weiß ich gar nicht. Manchmal hab ich sogar das Gefühl, dass ich mehr darüber nachdenke. Wenn ich weiß, dass ich schlecht geschlafen hab, achte ich den ganzen Tag darauf, ob ich müde bin."
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