„Meine Mutter hat bei Leiner in Donaustadt gearbeitet. Sie hat ihren Job verloren und ist derzeit auf Jobsuche“, erzählt Lara, 17, eine Mitschülerin meiner Cousine, aus Wien. Mit der Insolvenz endete für ihre Mutter nicht nur ein Arbeitsverhältnis. Auch ein vertrauter Alltag verschwand: der tägliche Weg zur Arbeit, die Kolleginnen und Kollegen und das regelmäßige Einkommen.
Genau um dieses Sicherheitsnetz geht es derzeit in Österreich. Der Insolvenz-Entgelt-Fonds, der Beschäftigte nach Firmenpleiten absichern soll, hat ein Finanzproblem. Das Arbeitsministerium rechnet im kommenden Jahr mit Ausgaben von rund 350 Millionen Euro. Gleichzeitig werden voraussichtlich nur etwa 162 Millionen Euro in den Fonds fließen.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen wie Laras Mutter. Menschen, die nach einer Firmenpleite nicht nur ihren Arbeitsplatz verlieren, sondern ihr Leben plötzlich neu organisieren müssen.
Irgendwann beginnt auch unser eigenes Berufsleben. Der erste Ferialjob, die erste Lehrstelle oder das erste Gehalt machen uns Teil dieses Systems. Dann wird aus einer Nachricht über eine Firmenpleite schnell ein Thema, das auch uns selbst betreffen könnte.
Wenn die Firma nicht mehr zahlen kann
Wird ein Unternehmen zahlungsunfähig, springt in Österreich der Insolvenz-Entgelt-Fonds ein. Laut Arbeiterkammer übernimmt er unter anderem offene Löhne und Gehälter, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie bestimmte Abfertigungen.
Finanziert wird der Fonds durch Beiträge der Arbeitgeber. Das Prinzip ist einfach: Viele Unternehmen zahlen ein, damit Beschäftigte im Ernstfall nicht ohne Einkommen dastehen. Doch genau dieses Sicherheitsnetz gerät nun selbst unter Druck.
Zwischen Werkstor und Neubeginn
Die vergangenen Jahre brachten in Österreich mehrere große Insolvenzen. Signa, KTM, Kika/Leiner oder Palmers sorgten für Schlagzeilen und belasteten den Insolvenz-Entgelt-Fonds.
Auch Moritz, 16, ein ehemaliger Mitspieler aus meinem Fußballverein, aus Straßwalchen kennt die Unsicherheit hinter solchen Nachrichten. Sein Vater arbeitete in einem KTM-Werk. Als sich die wirtschaftliche Lage verschlechterte, wechselte er rechtzeitig den Arbeitgeber. Heute arbeitet er bei Volkswagen.
„Er konnte rechtzeitig wechseln und arbeitet jetzt bei VW“, erzählt Moritz.
Für seine Familie ging die Geschichte gut aus. Für viele andere begann nach einer Insolvenz eine lange Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.
Hinter jeder Firmenpleite stehen keine leeren Tabellen oder Statistiken. Dahinter stehen Menschen, die morgens ihre Arbeitsschuhe anziehen, die Haustür hinter sich schließen und nicht wissen, ob sie am nächsten Tag noch an denselben Arbeitsplatz zurückkehren.
Ein Arbeitsplatz verschwindet oft nicht erst mit dem letzten Arbeitstag. Manchmal verschwindet er schon früher – mit einem Gespräch im Büro, einem Anruf oder einer Nachricht auf dem Handy.
Das Geld im Fonds wird knapp
Der Hintergrund der aktuellen Diskussion reicht bis ins Jahr 2022 zurück. Damals wurde der Beitrag zum Insolvenz-Entgelt-Fonds von 0,2 auf 0,1 Prozent der Beitragsgrundlage halbiert. Der damalige Arbeitsminister Martin Kocher begründete diesen Schritt mit den hohen Rücklagen des Fonds.
Durch mehrere große Insolvenzen sind diese Reserven jedoch deutlich geschrumpft. Laut Berichten verursachten allein KTM und Kika/Leiner Auszahlungen von rund 80 Millionen Euro.
Die Rechnung fällt inzwischen deutlich schwieriger aus: Das Arbeitsministerium erwartet im kommenden Jahr Ausgaben von rund 350 Millionen Euro. Gleichzeitig fließen voraussichtlich nur etwa 162 Millionen Euro in den Fonds. Es fehlt also fast die Hälfte der benötigten Mittel.
Arbeitsministerin Korinna Schumann will diese Finanzierungslücke schließen. Eine Möglichkeit wäre, den Arbeitgeberbeitrag wieder auf 0,2 Prozent anzuheben. Eine andere wäre eine Zwischenfinanzierung über Kredite.
Die Arbeiterkammer und der Österreichische Gewerkschaftsbund unterstützen eine Anhebung. Ludwig Dvořák von der Arbeiterkammer Wien kritisierte die frühere Senkung und warnte davor, die Folgen großer Unternehmenspleiten letztlich auf die Allgemeinheit abzuwälzen.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und Staatssekretär Josef Schellhorn lehnen höhere Lohnnebenkosten hingegen ab. Sie suchen nach anderen Lösungen, um Unternehmen nicht zusätzlich zu belasten.
Der Schlüssel auf dem Tisch
Eine Insolvenz endet nicht mit einer Schlagzeile. Und auch nicht mit einer Zahl in einem Bericht. Für viele Menschen beginnt sie an einem ganz gewöhnlichen Morgen.
Der Wecker klingelt. Der Kaffee steht auf dem Tisch. Die Jacke hängt an der Garderobe. Nur der Weg zur Arbeit ist plötzlich ein anderer. Der alte Schlüssel liegt noch in einer Schublade – der Schlüssel zu einem Arbeitsplatz, den es nicht mehr gibt.
Jemand sitzt an diesem Morgen vor dem Laptop und schreibt die erste Bewerbung. Jemand anderes wartet zum ersten Mal seit Jahren zu Hause auf einen Anruf.
Laras Mutter sucht derzeit nach einem neuen Job. Moritz' Vater hat den Wechsel geschafft. Zwei unterschiedliche Geschichten, die zeigen, wie schnell sich Sicherheit verändern kann.
Heute lesen wir von Insolvenzen auf dem Smartphone. Morgen könnte dieselbe Nachricht den eigenen Arbeitgeber betreffen. Und dann zeigt sich, ob das Sicherheitsnetz tatsächlich hält.
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