Instagram, TikTok und Snapchat verlieren an Boden, während ChatGPT & Co im Alltag österreichischer Jugendlicher immer selbstverständlicher werden. Das zeigt der aktuelle Jugend-Internet-Monitor der EU-Initiative Saferinternet.at, für den das Institut für Jugendkulturforschung 500 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren befragt hat. Ergänzend präsentierte Saferinternet.at Anfang Februar die Zusatzstudie „KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche“, die genauer beleuchtet, wofür junge Menschen die Programme tatsächlich nutzen.
Vom Hausaufgabenhelfer zur Bezugsperson
Wer heute Nachmittag durch ein Wiener Gymnasium geht und in die Pausenhalle blickt, sieht immer seltener Jugendliche, die stumm durch Instagram scrollen, dafür öfter welche, die ihrem Handy eine Frage tippen und Sekunden später eine Antwort bekommen. 94 Prozent der 11- bis 17-Jährigen nutzen laut der Erhebung inzwischen KI-Chatbots, ChatGPT ist mit 90 Prozent mit Abstand die beliebteste Anwendung, weit vor Gemini von Google mit 23 Prozent oder Copilot von Microsoft mit 11 Prozent. Fast ein Viertel der Befragten öffnet ChatGPT täglich, bei den älteren Jugendlichen sind es sogar 30 Prozent. Auffällig ist dabei, wofür die Tools eingesetzt werden: Fast ein Viertel der Jugendlichen nutzt KI zumindest manchmal für freundschaftliche Gespräche, knapp ein Fünftel sogar für romantische Unterhaltungen, und rund ein Viertel gibt an, dass es ihnen leichter falle, mit einem Chatbot über persönliche Themen zu sprechen als mit einem echten Menschen.
Vertrauen ohne Kontrolle
Besonders kritisch sehen Fachleute das mangelnde Bewusstsein für die Grenzen der Technologie. Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen, nämlich 52 Prozent, vertraut darauf, dass ChatGPT und vergleichbare Programme grundsätzlich richtige Antworten liefern, während 40 Prozent selten oder nie überprüfen, ob das tatsächlich stimmt. Rund 28 Prozent glauben zudem, ihre Eingaben in eine KI-Software seien vertraulich und würden von niemandem eingesehen. „In Bezug auf Datenschutz ist wenig Bewusstsein vorhanden“, sagt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at.
Dieser Satz verdeutlicht, dass viele Jugendliche einem Chatbot ähnlich viel Vertrauen entgegenbringen wie einer echten Vertrauensperson, obwohl im Hintergrund ein kommerzielles Unternehmen die Eingaben speichert und auswertet. Buchegger warnt zugleich vor blindem Verlassen auf die Antworten: „Auch wenn die Antworten oft plausibel wirken und strukturiert erscheinen, darf man nicht vergessen, dass KI-Chatbots keine Suchmaschinen sind und falsche oder unvollständige Informationen liefern können. Umso wichtiger ist es, KI-Ergebnisse nicht ungeprüft zu übernehmen.“
Die Politik sieht Handlungsbedarf
Auch auf politischer Ebene wird die rasante Verbreitung der Technologie unter Jugendlichen als Herausforderung wahrgenommen. „Künstliche Intelligenz ist für Jugendliche zum digitalen Begleiter geworden. Gerade deshalb dürfen wir sie mit den Risiken nicht alleinlassen. Wir brauchen mehr Bildung über KI, in der Schule sowie mithilfe der Digitalen Kompetenzoffensive, klare Regeln und ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein“, sagt Staatssekretär Alexander Pröll. Dieser Satz verdeutlicht, dass die Regierung den Umgang mit KI-Tools nicht länger allein Eltern und Schulen überlassen will, sondern als eigenes bildungspolitisches Handlungsfeld begreift. Zwei Drittel der befragten Jugendlichen erwarten sich Unterstützung durch die Schule, ein Drittel von den Eltern, wobei genau diese Unterstützung laut Studie bislang kaum systematisch stattfindet.
Warum die Netzwerke schwächeln
Der Rückgang bei klassischen sozialen Netzwerken fällt dabei deutlich aus. WhatsApp bleibt zwar mit 82 Prozent Nutzung weiterhin die meistgenutzte Plattform unter Jugendlichen, verliert im Vergleich zum Vorjahr aber 5 Prozentpunkte. YouTube kommt auf 76 Prozent, ein Minus von 4 Prozentpunkten, Snapchat, TikTok und Instagram folgen mit jeweils rund 64 bis 65 Prozent und teils zweistelligen Verlusten. In Fokusgruppengesprächen nannten Jugendliche selbst die Gründe dafür: zu viel Werbung, ständig ähnliche Inhalte über verschiedene Plattformen hinweg sowie belastende Kommentare und Hasspostings. Chatbots wirken im Vergleich dazu praktischer, schneller verfügbar und werbefrei, auch wenn Anbieter wie OpenAI bereits Werbung in kostenlosen Versionen planen.
Sorge um das eigene Denken
Trotz der breiten Nutzung sind sich viele Jugendliche der möglichen Schattenseiten durchaus bewusst. 56 Prozent der Befragten machen sich Sorgen, dass KI-Tools ihre Fähigkeit schwächen könnten, selbstständig über etwas nachzudenken. Diese Sorge deckt sich mit Buscheggers Appell an Schulen und Eltern, das Thema stärker in den Bildungsalltag einzubauen, statt es allein den Jugendlichen und den Unternehmen hinter den Chatbots zu überlassen. Ob aus dieser Erkenntnis auch konkrete Lehrplaninhalte werden, wird sich in den kommenden Schuljahren zeigen.
Kommentare