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Wenn Angst den Weg nach Hause bestimmt

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Volontärin · Don Bosco Schulen Vöcklabruck, HLW & BAfEP
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11.02.2026
3 Min.

Bevor ich erzähle, wer ich bin, möchte ich sagen, warum ich nicht länger wegsehen will. Manche Themen sind unangenehm, werden oft verdrängt oder kleingeredet, doch genau darüber muss gesprochen werden. Besonders wenn es um die Lebensrealität von Frauen und Mädchen geht, ist Schweigen keine Lösung. Deshalb ist es mir wichtig, hinzuschauen, zuzuhören und meine Stimme zu nutzen.

Frauen erheben ihre Stimme, gegen Angst, gegen Wegsehen, für mehr Sicherheit und Respekt im öffentlichen Raum. (Foto: pxhere.com)

Den Schlüssel fest in der Hand, das Herz schlägt schneller als sonst. Jeden Schritt kontrollieren, jeden Schatten im Blick behalten. Für viele Frauen gehört dieses Gefühl zur Realität auf öffentlichen Straßen.

Ich erlebte diese Unsicherheit an einem freien Tag am Stadtplatz in Vöcklabruck. Eine Freundin und ich saßen beim Brunnen, ich las in meinem Buch, wir warteten auf eine weitere Freundin. Danach wollten wir gemeinsam an den See fahren. Es war ein Sommertag, wir waren leicht gekleidet und entspannt.

Doch Kleidung spielt keine Hauptrolle. Männer belästigen mich auch in langer Hose und Winterjacke. An diesem Tag fiel uns ein schwarzer VW Polo auf. Ein Mann Mitte sechzig saß darin und starrte uns an. Zunächst schenkten wir der Situation keine große Beachtung. Doch meine Freundin flüsterte mir zu, sein Blick wirke merkwürdig.

Ich reagierte mit einem unsicheren Lachen. Instinktiv hielten wir unsere Bücher vor die Gesichter. Die Unsicherheit wuchs. Als ich vorsichtig über den Buchrand blickte, sah ich erneut sein anzügliches Grinsen, während er sich selbst befriedigte.

Panisch packten wir unsere Sachen und gingen. Der Mann bemerkte unsere Reaktion, startete den Wagen und fuhr hastig davon. Ich fühlte mich aufgelöst und stark verunsichert. Erst nach etwa zehn Minuten ließ die Panik langsam nach. Dieses Erlebnis zeigte mir, wie schnell öffentliche Orte unsicher werden können.

Eine von mir selbst durchgeführte Umfrage mit 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigt: 59 Prozent der vierzehn- bis neunzehnjährigen Mädchen haben bereits Belästigung erlebt. Diese reicht von Catcalling über anzügliche Kommentare bis hin zu unangenehmem Anstarren oder ungewolltem Berühren. Auch Frauen ab dreißig Jahren berichten von wiederholten Übergriffen. Männliche Teilnehmer gaben hingegen überwiegend an, noch nie belästigt worden zu sein. Das Muster ist eindeutig: Belästigung betrifft Frauen deutlich häufiger und intensiver. Die gesamte Umfrage sowie deren Durchführung habe ich organisiert.

Besonders häufig berichteten Frauen von Catcalling, ungewollten körperlichen Annäherungen, sexuell eindeutigen Aufforderungen, unerwünschten Blicken oder auch Verfolgern auf dem Heimweg. Die Folgen sind in allen Fällen Angst und Verunsicherung. Viele Betroffene passen ihre Wege, ihr Verhalten oder ihre Kleidung an, telefonieren auf dem Heimweg oder wählen gezielt sichere Sitzplätze. Die ständige Sorge vor Übergriffen ist Alltag im öffentlichen Raum.

Meine Freundin schilderte mir nach unserem Erlebnis am Brunnen, wie schockiert und überfordert sie sich gefühlt hatte. Ein starkes Ekelgefühl blieb. Rückblickend sagt sie, sie würde heute anders handeln und den Vorfall bei der Polizei melden. Mit ihren Eltern sprach sie damals nicht darüber. Zwar ärgert sie sich heute manchmal darüber, denn der Mann kam ohne Anzeige davon, doch inzwischen beeinträchtigt das Erlebnis ihren Alltag nicht mehr.

Zwei weitere Beispiele aus der Umfrage verdeutlichen die Dimension des Problems. Eine Jugendliche berichtete von öffentlicher Selbstbefriedigung durch einen Mann an einem alltäglichen Ort. Eine andere schilderte, wie eine ihr bekannte Person sie auf dem Heimweg verfolgte. Wie beide Beispiele zeigen, sind Belästiger nicht immer Fremde und selbst vertraute Orte bieten keinen Schutz.

Viele Betroffene schweigen aus Scham, aus Angst oder aus Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Einige sprechen mit Freundinnen oder Familie, nur wenige wenden sich an die Polizei oder Fachstellen. Diese Zurückhaltung weist auf fehlendes Vertrauen in diese Stellen sowie auf deren eingeschränkte Zugänglichkeit hin.

Am Ende des Stadtplatzes blickte ich noch einmal zurück auf den Brunnen. Die Sonne spiegelte sich im Wasser. Für einen kurzen Moment kehrte die Leichtigkeit zurück, doch die Erinnerung an den Mann blieb.




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