„Chris, willst du mit mir nach Budapest fahren?“ Es ist ein heißer Tag in Italien. Ich liege am weißen Sandstrand, die Familie im Hintergrund, als mir dieser absurde Gedanke kommt. Vier Tage, 350 Kilometer, ein Fahrrad. Ich greife zum Handy, rufe Chris an und er sagt sofort Ja. Vielleicht braucht es genau diese Sorte von Freunden im Leben: Menschen, die nicht erst fragen, ob etwas vernünftig ist, sondern einfach ihr Gepäck packen und dabei sind.
Nur drei Tage später stehen wir am Startpunkt des EuroVelo 6 an der Lobau. Es ist punkt sieben Uhr morgens. Ich spüre dieses nervöse Kribbeln im Bauch und frage mich: „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“
Ich sitze auf meinem grau-roten KTM-Mountainbike. Hinter mir hängen zwei schwere Gepäcktaschen und ein Zelt, dass ich mit Spanngurten befestigt habe. Das sind locker 15 Kilogramm Gepäck darunter Kleidung, Campingkram und vier Liter Wasser, die sich als notwendig erweisen werden. Christophs Fahrrad ist dagegen ein echtes Relikt: ein altes, rotes, deutlich fragileres Rad von seinem Vater, das uns noch ordentlich ins Schwitzen bringen soll.
Doch in diesem Moment ist uns das egal. Wir treten los, getrieben von purer Muskelkraft. Der Start verläuft wie im Märchen. Der Asphalt des EuroVelo 6 ist perfekt. Wir rollen an grasenden Ziegen und Schafen vorbei, halten kurz an, um sie zu streicheln. Wir lachen über zwei Schafe, die sich rammeln, ehe wir weiterfahren. Doch schon bald vergeht uns das Lachen, als der Sommer zeigt, was er drauf hat.

Heiß, heißer, Bratislava
Bei fast 35 Grad im Schatten sieht man die Hitze in der Ferne aufsteigen. Am Horizont taucht der ikonische „UFO-Turm“ von Bratislava auf und der erste, völlig unkomplizierte Grenzübertritt ohne jede Kontrolle liegt hinter uns. „Wir sind in der Slowakei“, schreien wir stolz. Daraufhin glotzen uns andere Radfahrer an, als wären wir verrückt.
Weil uns die Hitze nun fast zu schmelzen droht, schmeißen wir kurz nach Bratislava die Räder ins Gras und springen zur Abkühlung in einen See. Ich lege mich im Wasser auf den Rücken. Ein Moment absoluter Schwerelosigkeit und das Gefühl von Frieden. So richtiger Frieden.
Doch wer so tief ins kühle Nass eintaucht, muss irgendwann wieder zurück auf den harten Sattel. Und dort wartet die unbarmherzige Realität auf uns: Der Oberschenkel brennt wie Feuer, das linke Knie sendet erste Warnsignale und mein Hintern schmerzt bei jedem Kieselstein, als würde der Sattel meine Prostata abtasten wollen. Der Wind bläst uns unerbittlich ins Gesicht. Doch ans Aufgeben denkt hier keiner, als wir schon kurz nach dem See die ungarische Grenze überqueren.

Von vertrocknetem Mais
Während wir uns weiter den Weg entlangkämpfen, zieht eine fast gespenstische Kulisse an uns vorbei. Die Trockenheit dieses Sommers hat das Land fest im Griff. Links und rechts der ungarischen Grenze stehen riesige Maisfelder, doch anstatt grün, sind sie komplett ausgetrocknet, klein, braun und tot. Es ist die stumme, traurige Wahrheit des Klimawandels.
Nach einer kurzen Konversation über die Probleme dieser Welt schaltet sich unser Kopf ab. Aus unserer kleinen JBL-Box dröhnt Musik, wir denken an nichts und funktionieren nur noch wie eine Maschine. Kilometer um Kilometer fliegen vorbei.
Eigentlich wollten wir am ersten Tag nur 80 bis 90 Kilometer bis zu einem Campingplatz nahe Bratislava fahren. Doch am Abend zeigt der Tacho stolze 100 Kilometer an. Wir landen völlig erschöpft im ungarischen 34.000 Seelen Ort „Mosonmagyaróvár“, zu deutsch „Wieselburg-Ungarisch Altenburg“. Ohne festen Schlafplatz fragen wir uns durch die Straßen einer Kleinstadt, dessen Name wir nicht einmal aussprechen können. Trotzdem erleben wir die wohl schönste Überraschung unserer Reise.
Zittern am ganzen Körper
Eine nette Mutter namens Eszter öffnet uns ihr Gartentor. Zusammen mit ihrem Mann und deren kleinen Sohn Abel nehmen sie uns einfach auf, weil „es ja nichts kostet, nett zu sein“. Wir schlagen unser Zelt direkt neben ihren Tomaten- und Zucchinipflanzen auf und sitzen kurz darauf gemeinsam beim Abendessen auf der Terrasse. Zum Nachtisch gibt es herrliche Hausmannskost: Kastanienreis auf Schlagobers.
Als wir daraufhin Eszter auf Englisch nach ihrem ungarischen Lieblingsessen fragen, folgt eine Szene wie aus einer Komödie: Sie zückt ihr Handy und fragt Google Gemini, was für ungarisches Essen gut sei. Wir starren sie ungläubig an. „Weiß sie das als Ungarin denn nicht selbst?“, sage ich zu Chris amüsiert. Eszter erzählt uns dann lachend: „Wenn ich in ein ungarisches Restaurant gehe, bestelle ich halt immer Wiener Schnitzel!“ Der ganze Tisch beginnt zu Lachen.
Später im Zelt ist das Lachen allerdings kurzzeitig eingefroren, genau wie ich. Weil der Wetterbericht 24 Grad prophezeit hatte, habe ich mir den Schlafsack gespart. Ein fataler Fehler. Um zwei Uhr nachts zittere ich am ganzen Körper und versuche mich verzweifelt in mein einziges Handtuch zu wickeln. Zu allem Überfluss haben wir auch noch den Reißverschluss des Zelts leicht offen gelassen, was die ungarischen Ameisen wohl als eine Art Einladung, zusammen mit uns zu Zelten, angesehen haben. Während Chris in seinem Schlafsack im Kopf noch einmal alle Sinneseindrücke einwirken lässt, versuche ich einfach nur, die Nacht zu überleben.

Ersatzschläuche, Werkzeug und eine Pumpe
Erst als die Sonne am nächsten Morgen die Ameisen vertreibt und wir wieder auf den Rädern sitzen, fühle ich mich wieder so richtig wohl. Auf den Schildern am Straßenrand taucht zum ersten Mal das Wort „Budapest“ auf. Es ist nicht mehr nur ein Name, es ist ein greifbares Ziel.
Um so eine brutale Strecke durchzustehen, braucht unser Körper natürlich ordentlich Treibstoff. Unser ungarischer Zaubertrank ist salzig, fettig und riecht intensiv nach Knoblauch: Langos. Diese ungarische Spezialität gibt uns die Kraft für die nächsten 110 Kilometer an Tag zwei. Nebenbei genieße ich gesalzene Pistazien aus Kalifornien, um meine Elektrolytvorräte aufzufüllen.
Als diese schon fast leer waren, erreichen wir am Abend im Dunkeln endlich einen Campingplatz, der uns direkt in eine surreale Party katapultiert. Voll erschöpft kommen wir gegen zehn Uhr nachts an. Der Check-in ist „modern“ mit iPads, die Technik streikt komplett, aber aus den Lautsprechern der Bar dröhnt ohrenbetäubende Bad Bunny-Musik, während eine Nebelmaschine die ganze Szene eher wie einen Club wirken lässt.
Plötzlich taucht ein kleiner Junge aus dem Nebel auf, holt seine Eltern, die Besitzer, und das Abenteuer nimmt ein gutes Ende. Wir bekommen kalte Cola, Almdudler, eine der seltenen Duschen dieses Trips und schlafen tief und fest.
Wie es oftmals der Fall ist, kam auch hier nach einer tollen Nacht die Ernüchterung: Chris hat einen Platten, und die Kette seines ohnehin fragilen Rades ist komplett herausgesprungen. Wir stehen glücklicherweise noch am Ausgang vom Campingplatz. Abgesehen davon sind wir im Nirgendwo, der nächste Ort ist kilometerweit entfernt, und die Panik tritt leise ein. Doch wir haben vorgesorgt: Ersatzschläuche, Werkzeug und eine Pumpe sind an Bord. Hilfsbereite Handwerker vor Ort eilen herbei, zeigen uns wie wir selbständig den Schlauch wechseln und retten uns den Tag. Aus dem Tiefpunkt wird eine Lektion in ungarischer Klassik.

Aus die Maus
Und plötzlich, auf den letzten 50 Kilometern, läuft das Rad wie von selbst. Wir radeln an idyllischen Flussufern vorbei. Im warmen Nachmittagslicht sehen wir unzählige Menschen, die auf Stand-Up-Paddleboards Yoga machen, wie so eine Pensionisten Wassergymnastikgruppe im All-inclusive Hotel. Das Leben pulsiert, genauso wie unsere Beine. Aus unserer Musikbox läuft der perfekte Soundtrack, während die Sonne langsam tiefer sinkt.
Und dann beginnt der Himmel sein großes Finale. Dunkelblau verläuft in Hellblau, schmilzt zu warmem Gelb und färbt sich schließlich in tiefes Lila und Rot. Vor uns taucht die Skyline von Budapest auf. Ein Funkturm zeichnet sich in der Ferne ab, die Berge rahmen die Stadt ein. Es ist kein grelles, kaltes LED-Weiß, das die Gebäude anstrahlt, sondern ein weiches, altmodisches, warmweißes Licht. Man fühlt sich nicht wie in einer modernen Großstadt, sondern wie in einer anderen Zeit, vielleicht vor 50 Jahren.
Gegen 21 Uhr rollen wir dann endlich über die gewaltigen Brücken direkt hinein in das pulsierende Touristenzentrum. Als wir das gigantische, golden erleuchtete Parlament sehen, müssen wir nicht einmal mehr miteinander reden. Wir schauen uns an und fangen einfach an zu lachen. Wir haben es tatsächlich geschafft. Aus den geplanten vier Tagen sind drei geworden, statt gemütlichen 80 Kilometern haben wir am letzten Tag stolze 125 Kilometer aus den Beinen gequetscht und aus einer geplanten Reise wurde eine herrliches Gefühl von Freiheit.
Deshalb nehmen wir uns auch die Freiheit, ein paar Fotos zu machen und rollen die letzte Stunde durch die nächtlichen Gassen bis zum Hostel. Die Erschöpfung in den Knochen fühlt sich auf einmal gar nicht mehr wie Müdigkeit an. Es ist reiner, unbändiger Stolz.

Fazit
Ich wollte diese Reise machen, um einmal komplett abzuschalten. Weg vom ständigen Blick aufs Smartphone, raus in die Natur, rein in die absolute Freiheit. Denn ein ganzer Sommer, den man nur vor dem Bildschirm verbringt, ist meiner Meinung nach kein echtes Leben. Dieses Abenteuer auf zwei Rädern hingegen schon.
Als wir schließlich im Hostel ankommen und die müden Beine hochlegen, spüren wir noch immer die Hitze des Tages auf der Haut. Ein unvergesslicher Tag geht zu Ende, doch die Erinnerung bleibt tief im Herzen verankert. Ich habe seit diesem Trip einen neuen Satz, der mich begleitet: „Wenn ich aus eigener Kraft von meiner Haustür bis nach Budapest geradelt bin, dann kann mich ab jetzt gar nichts mehr aufhalten.“
Wir müssen manchmal einfach nur losfahren, um herauszufinden, wie weit wir eigentlich kommen können, so klischeehaft es auch klingen mag.
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