Was wurde eigentlich aus den Krochan?

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13.06.2026
5 Min.

Vor fast zwanzig Jahren bildeten die "Krocha" Österreichs wohl auffälligste Jugendszene. Mit Neonshirts, Lacoste-Schuhen und Hardstyle-Musik eroberten sie die U6, Großraumdiskotheken und Boulevard-Schlagzeilen. Heute sind viele von ihnen Familienväter, Manager oder Vereinsfunktionäre. Einer von ihnen ist Christian Sherry.

Christian Sherry und ein Freund in Krocha-Montur bei einer Faschingsfeier. (Foto: Christian Sherry)

„Wenn ich mir die Fotos von damals anschaue, denke ich mir schon: Das ist eigentlich brutal“, sagt Christian Sherry und lacht. Heute arbeitet der 36-Jährige als Abteilungsleiter eines Unternehmens am Flughafen Wien. Vor fast zwanzig Jahren gehörte er zu einer Jugendkultur, die Österreich polarisierte wie kaum eine andere. Neonshirts, Hardstyle-Musik und eine eigene Sprache machten die "Krocha" (umgangssprachlich für "Kracher") zu Dauergästen in Boulevardzeitungen und Fernsehsendungen.

Wer Ende der 2000er-Jahre in Wien war, konnte den Krochan kaum entkommen. Auf den Bahnsteigen der U6 wurde geshuffelt, ein Tanzstil aus schnellen Schrittfolgen, der zu Hardstyle-Musik getanzt wurde, und vor Diskotheken standen Jugendliche mit Neonshirts und gegelten Frisuren Schlange. Eltern, Lehrer und Kolumnisten hielten die Krocha für den Beweis, dass die Jugend endgültig verloren sei.

Als Österreich plötzlich "krochte"

Sherry wuchs im Nordburgenland auf. Als die Krocha-Welle 2007 von den Wiener Diskotheken bis zu den Dorfdiscos vordrang, war er 16 Jahre alt. Rückblickend beschreibt er die Entwicklung wie ein Schneeballsystem. Zuerst waren die Krocha nur einzelne Gruppen in Wien, dann erfasste die Szene den Speckgürtel, ehe sie schließlich auch in den burgenländischen Diskotheken ankam. „Plötzlich waren die Krocha einfach überall. Jeder kannte irgendwen, der dabei war,“ sagt er.

Der Begriff „Krocha“ leitet sich vom österreichischen Verb „krochn“ ab, also krachen oder heftig feiern. Über Politik sprachen bei den Krochan kaum jemand.

Die Medien beschrieben damals immer dieselben Bilder: Ed-Hardy-Shirts, Fishbone-Leiberl, Pali-Tücher, Vokuhila-Frisuren und möglichst viel künstliche Bräune. Ein schlichtes schwarzes T-Shirt zog damals ungefähr so viele Blicke auf sich wie ein Anzug auf dem Donauinselfest. Glitzer, Neonfarben und Markenlogos zogen die Blicke deutlich zuverlässiger an. „Zu 85 Prozent habe ich alles mitgemacht“, erzählt Sherry. „Nur beim Solarium habe ich mich ein bisschen zurückgehalten.“ Wer einmal in einer ATV-Reportage als Krocha gezeigt wurde, galt schnell als Karikatur seiner selbst. „Man hat das schon sehr ins Lächerliche gezogen“, sagt er.

Glitzer, Fokuhila und Clownsschuhe

Heute wird die Szene oft als proletenhaft oder chaotisch dargestellt. Tatsächlich waren viele Krocha ausgesprochen eitel. „Es gab wirklich Leute, die zwei Stunden vor dem Spiegel verbracht haben“, erzählt Sherry. „Zeitweise war das fast ein Wettbewerb. Wer hat den schönsten Vokuhila? Wer hat die besten Schuhe? Wer hat das teuerste Shirt?“

„Ich selbst war vergleichsweise gemäßigt“, sagt Sherry. Ganz entziehen konnte er sich dem Wettlauf um die coolsten Kleidungsstücke allerdings nicht. Besonders stolz war er auf ein weißes Deputa-Madre-Shirt mit glitzernder 69 auf der Brust.

Auch die erwähnten Lacoste-Schuhe behandelte Sherry beinahe wie Museumsstücke. „Ich habe die tatsächlich regelmäßig mit Bienenwachs eingeschmiert, damit das Leder schön bleibt,“ sagt er.

Christian Sherry als Krocha

Christian Sherry auf dem Höhepunkt der Krocha-Ära.Christian Sherry


Schicht ist Pflicht

Wenn die Gruppe nach Wien fuhr, glühte sie zuerst bei Freunden vor, dann ging es in die Disco Nachtschicht in der Shopping City Süd. Für jeden Krocha Pflichtprogramm, hier kamen sie alle hin. „Schicht ist Pflicht“ wurde zum Motto der Szene. Im Burgenland war die Route ähnlich vorhersehbar. Dort trafen sich die Krocha zunächst in einer Heurigenschenke, ehe es später in die Diskotheken Chaco oder Charly weiterging. „Eigentlich wusste jeder schon am Mittwoch, wie der Samstag aussehen wird“, sagt Sherry.

DJs prügelten Cascada, Scooter, DJ-Goldfinger und Basshunter durch die Lautsprecher. Für Außenstehende klang das wie monotones Gehämmer, die Krocha liebten es laut. „Wenn ich die Musik heute höre, frage ich mich manchmal wirklich, wie ich das ausgehalten habe“, sagt Sherry.  

Die Nacht des umgedrehten Pullovers

Wer damals fortging, sammelte Geschichten. Eine davon erzählt Sherry heute noch lachend. Vor einem Abend in der Nachtschicht SCS geriet das geplante Vorglühen völlig außer Kontrolle. „Eigentlich hätten wir gar nicht mehr wegfahren müssen“, sagt er.

Trotzdem landete die Gruppe später in der Diskothek. Dort stritt er mit seiner damaligen Freundin, die Getränke schmeckten weiterhin hervorragend und irgendwann war die Grenze überschritten. Sherry übergab sich auf den eigenen Pullover. Die Security wollte ihn daraufhin nicht mehr hineinlassen. Das Problem löste er auf typisch jugendliche Art. „Ich habe den Pullover einfach umgedreht“, erzählt er.

Wenig später marschierte er wieder durch den Eingang und mischte sich erneut unters Publikum. „Darauf bin ich heute nicht besonders stolz.“

Die U6 als Bühne

Die U6 wurde zur Bühne der Szene. Auf den Bahnsteigen forderten sich Jugendliche bei sogenannten Shuffle-Battles heraus. Wer beherrschte die schnellsten Schritte? Wer hielt am längsten durch? Pendler blieben stehen und schauten zu, während die Krocha zwischen den einfahrenden Zügen weitertanzten. „Teilweise hat das mehr nach Kickboxen als nach Tanzen ausgesehen“, erinnert sich Sherry.

Krocha begrüßten sich mit „Bam Oida“ und „Fix Oida“, bis Lehrer und Eltern die Augen verdrehten. Viele Erwachsene interpretierten die Sprache als Ausdruck mangelnder Bildung. Die Beteiligten selbst sahen das oft entspannter. „Die meisten haben gewusst, dass das eigentlich völlig übertrieben ist“, sagt Sherry.

Während die Szene nach innen ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelte, gab es nach außen durchaus Abgrenzungen. Im Burgenland krachten die Krocha vor allem mit Rockfans zusammen. Im Burgenland galt das Nova Rock für viele als Gegenwelt zu den Krocha-Diskotheken.

Stecker gezogen

2008 verschwanden die ersten Glitzershirts aus den Diskotheken. Ein Jahr später sprach kaum noch jemand über Krocha. Der Boulevard vergaß die Szene. „Es war, als hätte jemand eine Schleuse geöffnet und alles wäre ausgelaufen,“ sagt Sherry.

Vergessen wurden die Krocha dennoch nie. Heute haben die Jugendszenen nicht mehr dieselbe Wucht. Während Trends früher kamen und wieder verschwanden, leben sie heute im Internet weiter. Alte Fotos, Videos und Musik tauchen ständig neu auf. „Die alten Kulturen sterben durch die mediale Konservierung nicht mehr, sie werden immer neu aufgearbeitet und neue Hybride entstehen“, erklärte Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier gegenüber einem Online-Magazin.

Wiedersehen in der Pyramide Vösendorf

Noch heute locken Nachtschicht-Revival-Partys mehrere tausend Besucher in die Pyramide Vösendorf. Viele Besucher tragen zwar inzwischen Hemden statt Glitzershirts und haben Kinder statt Vokuhila, doch die DJs legen noch immer dieselben Scooter- und Basshunter-Hits auf.

Auch Sherry trifft dort manchmal Menschen von damals wieder. „Manche haben sich überhaupt nicht verändert, was gleichzeitig schockierend und beeindruckend ist,“ sagt er und lacht.

Was geblieben ist, sind vor allem die Freundschaften. Vermisst er die Krocha-Zeit? „Damals war das größte Problem der Woche, welches Shirt man am Samstag anzieht“, sagt Sherry. „Diese Unbeschwertheit vermisse ich manchmal schon.“