In der Küche stand eine Tasse, die seit Tagen niemand weggeräumt hatte. Sie war nicht vergessen worden. Jedenfalls nicht wirklich. Jeden Morgen ging jemand an ihr vorbei, sah sie kurz an und nahm sich stattdessen eine andere Tasse aus dem Schrank. Auch ich tat das. Ich bemerkte sie, dachte mir jedes Mal, dass ich sie später in die Spülmaschine stellen würde, und vergaß es dann wieder.
Nach ein paar Tagen wurde die Tasse fast zu einem Teil der Einrichtung. Sie stand dort, als gehörte sie schon immer an diesen Platz. Das Merkwürdige war: Je länger sie dort stand, desto weniger fiel sie auf. Am ersten Tag war sie ein liegen gelassenes Geschirrstück gewesen. Am dritten Tag war sie einfach eine Tasse in der Küche.
Irgendwann nahm ich sie doch und stellte sie in die Spülmaschine. Erst als der Platz wieder leer war, bemerkte ich, wie sehr ich mich an die Tasse gewöhnt hatte.
Stammplatz mit Ablaufdatum
Ich musste darüber nachdenken, wie schnell etwas, das eigentlich nicht dorthin gehört, zu etwas Selbstverständlichem werden kann. Vielleicht geht es Menschen manchmal genauso. Eine kleine Eigenart, eine Sorge, eine Gewohnheit oder sogar eine Unzufriedenheit taucht zunächst deutlich hervor. Man nimmt sie wahr und denkt: Das muss ich ändern. Doch wenn man lange genug damit lebt, wird sie immer unsichtbarer.
Vielleicht gewöhnen wir uns nicht nur an Dinge. Vielleicht gewöhnen wir uns auch an Zustände. Und vielleicht bemerken wir erst, wie sehr wir uns an etwas gewöhnt haben, wenn es plötzlich nicht mehr da ist.
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