„Eigentlich eine gute Idee“, denke ich, als ich heute erstmals von Stockers Zukunftsdepot höre. Ich habe selbst ein Wertpapierdepot mit Aktien und ETFs. Rund 100 Euro lege ich monatlich zurück, einfach um für spätere Ausgaben vorbereitet zu sein. Ein Auto wäre ein mögliches Ziel, daneben warten Reisen und andere Kosten der Zukunft.
Mit 18 beginnen viele teure Entscheidungen gleichzeitig. Führerschein, Studium, Wohnung oder das erste Auto kosten Geld. Ein finanzieller Grundstock kann dabei viel verändern. Mein erster Eindruck lautet deshalb: „Die Option ist doch schon einmal etwas Gutes.“
Ein Vorschlag, noch kein Gesetz
Christian Stocker stellte das Zukunftsdepot am 31. August im ORF-Sommergespräch vor. Eltern sollen für jedes Kind bis zum 18. Geburtstag jährlich bis zu 5.000 Euro in Wertpapiere investieren können. Das Depot soll frei von Spesen, Gebühren und Kapitalertragsteuer sein.
Als mögliche Verwendungszwecke nannte Stocker eine Ausbildung, eine Unternehmensgründung oder die Anzahlung für ein Eigenheim. Nach der bisherigen Ankündigung könnte der junge Mensch den Depotwert ab dem 18. Geburtstag steuerfrei entnehmen.
Ein fertiges Modell existiert bisher allerdings noch nicht. Es gibt keinen Gesetzesentwurf, und das Zukunftsdepot steht auch nicht im Regierungsprogramm. Offen sind die erlaubten Wertpapiere, die teilnehmenden Banken, der Umgang mit Verlusten und die Frage, wer die Gebühren übernimmt.
Auch die strengen österreichischen Regeln zur Verwaltung des Vermögens Minderjähriger müssten geklärt werden. Derzeit legen viele Eltern Aktien und ETFs auf den eigenen Namen an, weil Wertpapierdepots im Namen eines Kindes rechtlich aufwendig sein können.
Was steuerfrei wirklich bedeutet
Auf Gewinne aus Aktien, ETFs und anderen Wertpapieren fallen in Österreich üblicherweise 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer an. Dazu zählen Dividenden und realisierte Kursgewinne. Bei einem österreichischen Depot behält die Bank diese Steuer meist automatisch ein.
Die Begünstigung des Zukunftsdepots würde die Erträge betreffen. Die Einzahlungen stammen bereits aus versteuertem Einkommen. Je höher der Gewinn und die eingezahlte Summe ausfallen, desto größer wird daher auch die Steuerersparnis.
Das Kanzleramt rechnet mit einem Beispiel von 150 Euro monatlich. Über 18 Jahre würden Eltern 32.400 Euro einzahlen. Bei einer angenommenen durchschnittlichen Rendite von etwa 6,7 Prozent könnte der Depotwert laut dieser Rechnung auf rund 63.000 Euro steigen. Die Steuerersparnis läge bei ungefähr 8.500 Euro.
Beim Höchstbetrag von 5.000 Euro pro Jahr würden über 18 Jahre 90.000 Euro eingezahlt. Das Kanzleramt rechnet daraus einen möglichen Depotwert von 175.000 Euro und eine Steuerersparnis von rund 23.700 Euro.
Diese Zahlen sind Hochrechnungen und keine Versprechen. Die Finanzmarktaufsicht weist darauf hin, dass höhere Ertragschancen mit höheren Risiken verbunden sind. Aktien und ETFs schwanken im Wert. Eine schlechte Marktphase kurz vor dem 18. Geburtstag könnte den verfügbaren Betrag deutlich verkleinern.
Bei meinen 100 Euro monatlich würden bis zum 18. Geburtstag eines Kindes 21.600 Euro an Einzahlungen zusammenkommen. Gewinne oder Verluste kämen dazu. Auch weit unterhalb der jährlichen Obergrenze kann somit ein beachtlicher Betrag entstehen.
Die Null-Euro-Frage
5.000 Euro pro Jahr entsprechen knapp 417 Euro monatlich. Für meine eigene Vorstellung vom Sparen wirkt dieser Betrag unrealistisch. Rund 1.000 oder 1.200 Euro pro Jahr erscheinen mir für viele Familien eher erreichbar.
Doch selbst kleinere Einzahlungen kann sich längst nicht jeder Haushalt leisten. Laut Statistik Austria bildeten im dritten Quartal 2025 rund 34 Prozent der Haushalte keine finanziellen Rücklagen. Bei Menschen aus Haushalten mit niedrigem Einkommen lag der Anteil bei 59 Prozent. Auch 42 Prozent der Menschen in Ein-Eltern-Haushalten sparten gar nichts.
Mein erster Gedanke war: „Jeder kann wenigstens ein bisschen Geld zurücklegen.“ Die Zahlen zeigen die Grenze dieser Annahme. Wer das gesamte Einkommen für Miete, Lebensmittel, Energie und Betreuung braucht, hat auch für ein steuerfreies Depot kein Geld übrig.
Die Industriellenvereinigung begrüßt das Modell und sieht darin einen frühen Zugang zum Kapitalmarkt. Der ÖGB und die Grünen kritisieren hingegen einen Vorteil für wohlhabende Familien. Beide Seiten treffen einen Teil der Wahrheit: Das Depot würde allen Familien offenstehen, der tatsächliche Nutzen hängt jedoch von den Einzahlungen ab.
Eine Familie mit 5.000 Euro jährlicher Einzahlung erhält einen wesentlich größeren absoluten Steuervorteil als eine Familie mit 100 Euro. Bei null Euro Einzahlung entstehen weder Erträge noch eine Steuerersparnis. Die Obergrenze ist zwar kein verpflichtendes Sparziel, sie zeigt aber, wie weit die möglichen Startbedingungen auseinanderliegen können.
Würde eine staatliche Einzahlung helfen?
Ich würde Stocker fragen, ob der Staat zusätzlich einen kleinen Grundbetrag einzahlt. Eine solche Zahlung gehört bislang zu keinem öffentlich bekannten Teil seines Vorschlags.
Schon 20 Euro monatlich würden über 18 Jahre 4.320 Euro ergeben, mögliche Erträge noch gar nicht eingerechnet. Dieser Betrag würde auch Kindern zugutekommen, deren Eltern keinen finanziellen Spielraum haben. Familien könnten anschließend freiwillig zusätzlich einzahlen.
Ob eine Steuerbefreiung oder eine staatliche Zahlung finanziell stärker wirkt, hängt von der Höhe der privaten Einzahlungen und den erzielten Gewinnen ab. Bei einem leeren Depot bringt die Steuerbefreiung keinen Vorteil. Eine staatliche Grundzahlung erreicht hingegen jedes Kind.
Mein Vorschlag wäre daher eine Kombination: ein kleiner öffentlicher Startbetrag für alle und zusätzliche steuerbegünstigte Einzahlungen der Familie. So bliebe Stockers Idee vom privaten Vermögensaufbau erhalten, während auch Kinder ohne wohlhabende Eltern ein Depot bekommen.
Freiheit mit 18 oder feste Zwecke?
Ich würde das Geld ab 18 grundsätzlich frei verfügbar machen. Bei einem größeren Betrag braucht es jedoch finanzielle Bildung, lange bevor der Zugriff möglich wird. Jugendliche sollten verstehen, wie Kursschwankungen, Steuern, Gebühren und Risikostreuung funktionieren.
Stocker nennt Ausbildung, Unternehmensgründung und Wohnen bisher nur als Beispiele. Eine gesetzliche Zweckbindung wurde noch nicht vorgestellt. Ein Verbot, das Geld für ein Auto oder eine Reise zu verwenden, würde die Freiheit volljähriger Menschen stark einschränken.
Ein eigenes Depot könnte zugleich Interesse an Finanzen wecken. Wenn wir über Jahre beobachten, wie sich Einzahlungen und Kurse entwickeln, werden Begriffe wie ETF, Dividende oder Kapitalertragsteuer greifbarer. Das funktioniert jedoch nur mit verständlichen Informationen und sicheren Produktregeln. Besonders riskante Derivate könnten laut bisherigen Überlegungen ausgeschlossen werden.
Stocker braucht seine Koalitionspartner
Politisch ist die Umsetzung offen. Die NEOS begrüßen das Zukunftsdepot und vergleichen es mit ihrem früher geforderten Chancenkonto. Die SPÖ verlangt weitere Details und verweist auf laufende Gespräche. Die Grünen lehnen den Vorschlag in seiner bisherigen Form weitgehend ab.
Stocker kann das Modell daher nicht allein umsetzen. Finanzministerium, Koalitionsparteien und Parlament müssten sich auf Steuervorteile, Finanzierung, Bankregeln und den Schutz Minderjähriger einigen. Auch der gewünschte Starttermin hängt von diesen Verhandlungen ab.
Ich würde den Kanzler deshalb fragen: „Werden Sie das wirklich durchziehen, wie soll die Umsetzung aussehen und beteiligt sich der Staat mit einem eigenen Betrag?“ Seine Antwort entscheidet, ob aus einer Ankündigung im Sommergespräch ein nutzbares Depot wird.
Meine 100 Euro im Monat könnten in einem Zukunftsdepot steuerlich günstiger wachsen und später bei einem Auto helfen. Für ein Kind, dessen Eltern null Euro einzahlen können, bleibt auch das beste Depot leer. Ob Stockers Zukunft bei 5.000, 100 oder null Euro beginnt, entscheidet darüber, wie viel Chance wirklich in seinem Zukunftsdepot steckt.
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