Es ist spät auf einer Party, das Licht ist gedämpft, die Musik läuft. Jemand zieht etwas aus der Tasche, aber es ist kein Handy. Es ist eine kleine, silberne Kamera, ein bisschen klobig, mit einem winzigen Display hinten drauf. Der Blitz zischt kurz und grell, alle lehnen sich ins Bild, ein kurzes Klicken. Das Foto, das dabei entsteht, ist unscharf, viel zu hell an manchen Stellen und leicht verrauscht. Und trotzdem, oder gerade deshalb, landet es am nächsten Tag auf Instagram. Willkommen beim Comeback der Digicam.
Was eine Digicam überhaupt ist
Digicam ist die Kurzform für Digitalkamera, gemeint sind die kleinen Knipsgeräte aus den frühen 2000ern. Also aus der Zeit, bevor jedes Handy eine gute Kamera hatte. Man drückt einfach auf den Knopf, mehr muss man nicht können. Im Inneren steckt ein bestimmter Bildsensor, ein sogenannter CCD-Sensor, der die Bilder wärmer, bunter und ein bisschen körniger macht als ein modernes Handy. Das Ergebnis sieht aus wie eine Erinnerung von früher. Und anders als das Handy kann so eine Kamera nur eine einzige Sache: Fotos machen.
Warum wir das Unperfekte lieben
Genau hier liegt der Reiz. Unsere Handyfotos sind heute technisch perfekt, gestochen scharf, oft schon automatisch bearbeitet. Aber sie sehen auch alle gleich aus. Die alten Kameras machen das Gegenteil. Ein zu heller Blitz, ein leichter Wisch, wenn sich jemand bewegt, ein körniges Rauschen im Dunkeln. Was früher als schlechtes Foto galt, wirkt heute ehrlich und echt. „Die jungen Leute wollen gar keine perfekte Bildqualität. Die wollen diesen Blitz, die Farben und dieses leicht körnige Bild", sagt Martin Gruber, der in einem Wiener Gebraucht-Fotogeschäft arbeitet. Dazu kommt ein bisschen Sehnsucht nach einer Zeit, die viele von uns gar nicht bewusst erlebt haben, den frühen 2000ern. Die Digicam ist damit Teil eines größeren Trends. Auch alte MP3-Player, Kopfhörer mit Kabel und Schallplatten sind bei uns wieder angesagt.
Genau das erlebt auch Leonie Huber. Die 17-jährige Schülerin aus Wien hat ihre Kamera von der älteren Cousine bekommen und nimmt sie seither ständig mit, wenn sie unterwegs ist. „Mit dem Handy schaut halt jedes Foto irgendwie gleich aus. Bei der Digicam sind die Bilder ein bisschen schlechter, aber genau das taugt mir", sagt sie. Dass die Kamera im Dunkeln kaum etwas taugt und manchmal erst eine Sekunde nach dem Abdrücken auslöst, stört sie nicht. „Das ist halt irgendwie auch der Vibe."
Aus Dachboden-Schrott wird Kult
Wie groß der Hype ist, zeigt sich am Preis. Eine kleine Canon oder Nikon aus den 2000ern, die vor ein paar Jahren für fünf bis zehn Euro im Flohmarktkorb lag, kostet heute ein Vielfaches. In Japan berichtet ein Gebrauchthändler laut dem Fachmagazin Photografix sogar von einem rund zwanzigfachen Preisanstieg. Aus einem Gerät, das lange in irgendeiner Schublade vergessen wurde, ist plötzlich ein begehrtes Sammlerstück geworden. Laut dem Magazin Digital Camera World erreichten die Google-Suchen nach dem Wort Digicam im Jahr 2026 sogar ein Zehn-Jahres-Hoch. Händler kommen mit dem Nachschub kaum hinterher.
Diesen Ansturm spürt Martin Gruber in seinem Geschäft ganz direkt. „Wir merken schon, dass wieder mehr Leute nach den alten Kompaktkameras fragen. Vor allem jüngere Kunden kommen rein und sagen ziemlich genau, dass sie so eine kleine Digicam suchen", sagt er. Aus einstigen Ladenhütern seien gefragte Stücke geworden. „Bei einfachen Geräten reden wir vielleicht von 30 bis 60 Euro. Wenn es ein gefragtes Modell in gutem Zustand ist, kann's aber auch Richtung 100 Euro oder mehr gehen", sagt Gruber. Sobald er eine halbwegs gute Sony, Canon oder Nikon aus den 2000ern hereinbekomme, sei sie meist schnell wieder weg.
Nicht nur Nostalgie
Doch der Trend ist mehr als bloß altmodisch sein wollen. Wer auf einer Party zur Digicam greift, hat eben nicht sein ganzes Handy in der Hand. Keine Nachrichten, keine Benachrichtigungen, kein kurzes Abtauchen in TikTok mitten im Gespräch. Man macht ein Foto und ist danach wieder da, mitten im Moment. Dazu ist die Kamera billiger als echte Analogfotografie, weil keine Kosten für Filme und deren Entwicklung anfallen. Klar, die alten Geräte sind langsam, im Dunkeln oft überfordert und brauchen komische Speicherkarten, die man erst suchen muss. Aber genau dieses Unperfekte gehört für viele von uns zum Charme dazu.
Zurück auf die Party
Und so zischt auch beim nächsten Mal irgendwo wieder ein greller Blitz, alle lehnen sich kurz ins Bild, und ein leicht unscharfes Foto ist im Kasten. Vielleicht ist das das Schöne an der ganzen Sache. In einer Welt, in der jedes Handybild perfekt sein soll, greifen wir freiwillig zu einer Kamera, die Fehler macht. Und genau diese Fehler sind es, die das Foto am Ende echt wirken lassen.
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