Burger, Pommes und Getränke stehen vor uns auf dem Tisch, daneben liegen unsere Handys. Ich sitze bei Burger King mit Lorenz, Daniel und Jerome. Lorenz ist 17 und ein guter Freund von mir. Daniel, 18, kenne ich seit der Volksschule, bis vor Kurzem waren wir auch auf derselben Schule. Jerome ist ebenfalls 18 und ich kenne ihn durch Lorenz. Ich will von ihnen wissen, wie selbstverständlich es für sie geworden ist, jederzeit sehen zu können, wo Freunde gerade sind.
Damit sind sie Teil eines riesigen Phänomens. Die Snap Map wird inzwischen weltweit von über 450 Millionen Menschen im Monat genutzt, wie Snapchat im Juli 2026 bekannt gab. Dort können Nutzer unter anderem sehen, wo Freunde sind, die ihren Standort mit ihnen teilen.
Bei Lorenz können ungefähr acht bis zehn Menschen dauerhaft sehen, wo er ist. Ungefähr genauso viele Standorte kann er selbst sehen. Daniel teilt seine Position über Snapchat mit so vielen Menschen, dass er die Zahl nicht einmal kennt. Bei Apples „Wo ist?“ beschränkt er sich auf wenige enge Freunde. Jerome ist zurückhaltender. Drei oder vier Familienmitglieder und enge Freunde können seinen Standort sehen.
Daniel schaut teilweise täglich auf die Snap Map. Wenn jemand nicht antwortet, prüft er manchmal, wo die Person gerade ist. Sieht er einen Freund in seiner Nähe, schreibt er ihm auch schon einmal und fragt, was er dort macht. „Irgendwie ist es mittlerweile so normal, dass ich darüber kaum nachdenke“, sagt er.
Wenn Ausschalten plötzlich auffällt
Ich frage die drei, was passieren würde, wenn ein enger Freund plötzlich von der Karte verschwindet. Daniel würde es wahrscheinlich bemerken. „Ich würde mich schon fragen, warum er ihn plötzlich ausgeschaltet hat.“ Lorenz geht es ähnlich. Er schaut ein paar Mal pro Woche nach den Standorten seiner Freunde, meistens wenn sie sich treffen und er wissen will, wie weit die anderen noch entfernt sind. „Wenn der Standort sonst immer da ist und plötzlich nicht mehr, fällt das schon auf.“
Eine im Mai 2026 veröffentlichte Studie zeigt, wie Jugendliche über solche Situationen denken. Forschende untersuchten in 21 Fokusgruppen mit 147 Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren in Belgien, wie sie Standorttracking durch Freunde und Eltern erleben. Viele akzeptierten die Freigabe bei engen Vertrauenspersonen, wollten aber selbst bestimmen können, wer ihren Standort sehen darf. Für Lorenz hat Standortteilen ebenfalls mit Vertrauen zu tun. „Ich teile meinen Standort nicht mit jedem.“ Bekannte müssten schließlich nicht ständig wissen, wo er sei.
Wann wird aus Sicherheit Kontrolle?
Alle drei nennen einen Grund, warum sie ihren Standort gerne teilen: Sicherheit. Wenn Freunde nachts alleine nach Hause fahren, finden Lorenz, Daniel und Jerome es beruhigend, ihre Position sehen zu können. Lorenz zieht die Grenze dort, wo aus dem Nachschauen eine Rechtfertigungspflicht entsteht. „Wenn jemand nicht mehr schaut, ob ich gut angekommen bin, sondern wissen will, warum ich irgendwo bin.“
Daniel hat wegen Standorten noch keinen großen Streit erlebt, kleinere Diskussionen aber schon. Für ihn wird es problematisch, „wenn jemand nachschaut und mich danach zur Rede stellt, warum ich irgendwo war. Dann geht es nicht mehr nur darum, ob alles okay ist.“
Die amerikanische Medienpsychologin Pamela Rutledge beschäftigt sich mit dem Einfluss digitaler Medien auf unser Verhalten. Sie beschreibt Standortteilen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen als eine Art sozialen Klebstoff. Es kann Treffen erleichtern und ein Gefühl von Verbundenheit schaffen. Gleichzeitig können sozialer Druck, FOMO und Misstrauen entstehen, etwa wenn jemand seine Standortfreigabe plötzlich beendet.
Jerome würde einfach wieder schreiben
Jerome nutzt „Wo ist?“ zurückhaltender. Er schaut nach, wenn er einen konkreten Grund hat. Antwortet ein Freund nicht, öffnet er nicht automatisch die Karte. „Wenn ich mir wirklich Sorgen mache, vielleicht.“ Auch bei einem ausgeschalteten Standort reagiert er gelassener. Nachfragen würde er wahrscheinlich nicht. „Wenn jemand seinen Standort ausschalten möchte, ist das seine Entscheidung.“
Für ihn gehört die Möglichkeit, jemanden zu sehen, nicht automatisch zum Vertrauen. „Für mich gehört zu Vertrauen auch, dass man nicht ständig kontrolliert, wo jemand ist.“
Lieber meinen Standort als meine Nachrichten
Ich stelle den drei noch eine andere Frage: Was wäre ihnen unangenehmer, wenn jemand ihre letzten zehn WhatsApp-Nachrichten liest oder eine Woche lang jederzeit ihren Standort sehen kann? Alle drei wählen den Standort. „Nachrichten sind für mich privater“, sagt Lorenz. Daniel antwortet ähnlich. Selbst Jerome, der seinen Standort mit deutlich weniger Menschen teilt, würde lieber eine Woche lang seine Position preisgeben.
Bei Daniel geht die Gewohnheit so weit, dass ihm die Funktion fehlen würde, wenn sie morgen verschwände. „Man schaut mittlerweile einfach kurz nach, wie weit jemand noch weg ist.“ Jerome hätte damit weniger Probleme: „Dann schreibt man sich halt wieder.“
Warum darf ich wissen, wo du bist?
Zum Schluss stelle ich jedem dieselbe Frage: Warum darf ich eigentlich jederzeit wissen, wo du bist? „Weil ich dir vertraue“, sagt Lorenz. Dann fügt er hinzu: „Aber eigentlich bedeutet das nicht, dass du deshalb ständig nachschauen solltest.“
Jerome geht noch weiter: „Eigentlich darfst du es nicht jederzeit wissen. Nur weil ich meinen Standort mit dir teile, heißt das für mich nicht, dass du mich ständig kontrollieren sollst.“ Daniel braucht für seine Antwort keine komplizierte Begründung: „Eigentlich weiß ich es nicht. Das hat sich irgendwann einfach so eingebürgert.“
Vor uns liegen die Handys noch immer neben den leeren Burger-Verpackungen. Ein paar Berührungen würden reichen, um nachzusehen, wo einige unserer Freunde gerade sind. Keiner müsste ihnen dafür schreiben. Wir haben uns daran gewöhnt, jederzeit zu wissen, wo unsere Freunde sind, bevor wir uns gefragt haben, warum wir das überhaupt wissen müssen.
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