Halb sieben, der Wecker reißt mich aus dem Tiefschlaf. Noch bevor ich richtig wach bin, greife ich zum Handy und lege es bis zur Ankunft in der Schule eigentlich nicht mehr wirklich aus der Hand. Zwischen Bett, Frühstück und Schulweg bleibt der Bildschirm mein ständiger Begleiter, während mein Kopf noch im Halbschlaf hängt.
Diese Szene wiederholt sich für viele von uns an jedem Schultag. Wir schieben es auf zu wenig Disziplin oder darauf, dass wir zu lange aufbleiben. Doch der wahre Grund liegt tiefer: in unserem eigenen Körper.
„Ich nehme mir jedes Mal vor, früher schlafen zu gehen, und dann scrolle ich doch noch auf TikTok oder Instagram“, sagt Lena Moser, 17, Schülerin am Sacré Coeur Wien. Ganz abstellen kann sie es nicht: „Ich lege das Handy manchmal extra auf den Schreibtisch, aber spätestens nach zwei Tagen liegt es wieder neben mir.“
Dass es auch anders geht, zeigt ein Mitschüler: „Ich habe Benachrichtigungen ausgeschaltet und stelle meistens einen Timer. Das klappt nicht immer, aber deutlich besser als früher“, sagt Noah Kovač, 18, Schüler am Sacré Coeur Wien.
Unsere innere Uhr tickt anders
In der Pubertät verändert sich der Schlafrhythmus grundlegend. Der Körper schüttet das Schlafhormon Melatonin später aus als bei Kindern oder Erwachsenen. Die Folge: Wir werden abends später müde und könnten morgens eigentlich länger schlafen. Diese Verschiebung ist biologisch bedingt und lässt sich nicht einfach wegtrainieren.
„Da ein früheres Einschlafen biologisch nur eingeschränkt möglich ist, kann ein späterer Schulbeginn am Morgen einiges bewirken“, sagt Oskar Jenni, Entwicklungspädiater an der Universität Zürich. Genau hier entsteht das Problem: Unsere innere Uhr sagt, es ist noch Nacht, während der Stundenplan bereits den Unterrichtsbeginn verlangt.
Ich glaube aber, dass sich alle einfach daran gewöhnen würden – dann wäre es am Ende dasselbe Problem, nur eine halbe Stunde später.
Wie viel Schlaf uns wirklich fehlt
Laut einer Aufstellung des Nachhilfeinstituts LernQuadrat fehlen Österreichs Schülerinnen und Schülern pro Nacht rund eineinhalb Stunden Schlaf, um am nächsten Tag ihre volle Leistung abrufen zu können. Bereits rund ein Drittel der Jugendlichen leidet demnach an fallweisen Schlafstörungen, 13 Prozent sogar an chronischen. Dabei gilt eine einfache Regel: Je älter die Schülerinnen und Schüler, desto größer der Schlafmangel. Ausgerechnet in der Oberstufe, wo der Stoff am anspruchsvollsten wird, sind wir also am wenigsten ausgeschlafen.
Das deckt sich mit dem, was ich aus meiner Klasse kenne: Fast alle sind müde, viele schlafen während des Unterrichts halb weg.
Das Handy raubt uns den Rest
Zur Biologie kommt ein zweiter Faktor, den wir selbst in der Hand haben: das Handy im Bett. Das blaue Licht der Bildschirme kann die Melatonin-Ausschüttung zusätzlich beeinflussen, und die ständige Reizflut hält das Gehirn wach.
Wie stark der Effekt sein kann, zeigte ein großes Experiment: Zwischen dem 4. und 24. März 2025 nahmen laut Berichten über die Studie 45.656 Schülerinnen und Schüler aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Südtirol teil. Rund 32.000 gaben ihr Smartphone für die gesamte Dauer ab, etwa 14.000 nutzten es weiter wie gewohnt. Das Ergebnis war deutlich: Wer verzichtete, schlief besser und zeigte weniger depressive Symptome.
Ich kenne das Problem selbst gut: Fast jeden Abend liege ich noch fast eine Stunde mit dem Handy im Bett.
Warum Ausschlafen am Wochenende nicht reicht
Ein beliebter Trick funktioniert leider nicht so gut wie gedacht. Viele von uns versuchen, das Schlafdefizit der Woche am Wochenende nachzuholen und schlafen dann bis Mittag. Fachleute warnen aber davor: Wer unter der Woche zu kurz und am Wochenende extrem lange schläft, bringt seinen Rhythmus durcheinander.
Dieser Effekt heißt sozialer Jetlag, weil sich der Körper fühlt, als wäre er ständig auf Reisen zwischen verschiedenen Zeitzonen. Am Montag beginnt das Elend dann von vorne – oft sogar schlimmer als zuvor.
Der Streit um den Schulbeginn
Eine im Februar 2026 vorgestellte Studie der Universität Zürich hat ein flexibles Modell getestet, bei dem Jugendliche zwischen einem frühen und einem späteren Beginn wählen konnten. 95 Prozent nutzten die spätere Variante und starteten im Schnitt 38 Minuten später. Dadurch schliefen sie an Schultagen rund 45 Minuten länger und berichteten seltener von Einschlafproblemen.
„Ein späterer Unterrichtsbeginn am Morgen kann ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Mental-Health-Krise bei Schülerinnen und Schülern sein“, sagt Reto Huber, Co-Autor der Studie.
Ein späterer Beginn würde bei mir wohl etwas helfen, aber nicht viel – das Grundproblem mit dem Handy am Abend bliebe trotzdem bestehen.
Was wirklich hilft
Ganz ausgeliefert sind wir dem Ganzen trotzdem nicht. Das Handy eine Stunde vor dem Schlafengehen wegzulegen, kann dabei helfen, dass der Körper leichter zur Ruhe kommt. Ein dunkles, kühles Zimmer erleichtert das Einschlafen. Und möglichst gleichmäßige Schlafzeiten, auch am Wochenende, halten die innere Uhr im Takt.
Keiner dieser Tipps ersetzt einen späteren Schulbeginn, und keiner löst das Grundproblem allein. Aber gemeinsam können sie zumindest einen Teil des verlorenen Schlafs zurückbringen.
Zurück zum Wecker um halb sieben
Und so klingelt der Wecker auch morgen wieder um halb sieben, während der Körper eigentlich noch Nacht meldet. Der Nebel in der ersten Stunde ist kein persönliches Versagen. Er ist das vorhersehbare Ergebnis eines Systems, das sich nicht nach unserer inneren Uhr richtet, sondern nach einem Klingelzeichen, das schon unsere Großeltern kannten.
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