Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, die Kreuzung Neubaugasse/Westbahnstraße liegt fast menschenleer da, kein Auto ist zu hören, und trotzdem stehe ich brav bei Rot. Neben mir wartet ein Mann mit einem Kaffeebecher in der Hand. Für einen Moment drehen wir beide den Kopf – nicht zur Straße, sondern zueinander. Erst dann entscheidet er sich zu warten. Genau diese kleine Bewegung, dieser kurze Seitenblick, ist mir heute zum ersten Mal richtig aufgefallen.
Der Blick, bevor die Entscheidung fällt
Wenn Menschen an einer roten Ampel stehen und niemand kommt, schauen sie sich fast immer zuerst um. Sie prüfen dabei kaum, ob ein Auto fährt, sondern eher, ob andere Menschen zuschauen. Erst danach entscheiden sie, ob sie warten oder einfach gehen. Es scheint, als würden viele weniger auf die Regel selbst achten als auf die Möglichkeit, dabei beobachtet zu werden.
Worum es wirklich geht
Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Vielleicht geht es gar nicht darum, erwischt zu werden. Vielleicht möchten wir einfach vermeiden, dass Fremde uns für ungeduldig oder rücksichtslos halten. Gleichzeitig kennen wir diese Menschen gar nicht. Wahrscheinlich werden wir sie nie wiedersehen. Trotzdem beeinflusst ihre bloße Anwesenheit unser Verhalten – so, als würde eine unsichtbare Zuschauertribüne über jede rote Ampel wachen.
Vom Zebrastreifen ins Fitnessstudio
Das hat mich an viele andere Situationen erinnert. Im Fitnessstudio trainieren manche anders, wenn andere hinschauen. Beim Lernen am Schreibtisch arbeitet es sich oft konzentrierter, sobald jemand im Raum ist. Vielleicht brauchen wir dieses Publikum, ohne es zu merken – eine Art stiller Vertrag, der uns diszipliniert, obwohl niemand ein Wort sagt oder eine Regel durchsetzt.
Was am Ende zählt
Am Mann mit dem Kaffeebecher musste ich später noch einmal denken. Er ist an diesem Morgen stehen geblieben, obwohl die Straße leer war und niemand ihn zur Rechenschaft gezogen hätte. Vermutlich war es genau das: der kurze Blick zu mir, mein Blick zu ihm. Zwei Fremde, die sich für ein paar Sekunden gegenseitig zu besseren Versionen ihrer selbst gemacht haben – ganz ohne Absicht, nur weil sie einander zufällig im Weg standen.
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