Ich stehe an einer roten Ampel und schaue auf die leere Straße. Vor mir leuchtet das rote Männchen. Neben mir stehen zwei Menschen. Einer trägt einen Rucksack und schaut immer wieder nach links. Die andere Person hat die Hände in den Jackentaschen und blickt auf die Straße.
Ich mache es genauso. Links kommt kein Auto. Rechts ist die Straße ebenfalls leer. Kein Fahrrad fährt auf uns zu, kein Bus biegt um die Ecke. Für einen kurzen Moment wirkt es fast so, als wäre die rote Ampel das Einzige, was uns davon abhält, weiterzugehen.
Ich schaue wieder auf das rote Männchen. Eigentlich könnte ich jetzt gehen. Ich könnte einfach einen Schritt auf die Straße machen und wäre in wenigen Sekunden auf der anderen Seite. Trotzdem bleibe ich stehen. Auch die beiden Menschen neben mir bewegen sich keinen Zentimeter.
Und genau das finde ich plötzlich interessant. Warum warten wir eigentlich?
Ich hätte gehen können
Während wir dort stehen, denke ich darüber nach, was passieren würde, wenn ich losginge. Wahrscheinlich wenig. Die Straße ist frei. Ich würde niemanden behindern und niemand müsste wegen mir bremsen. Trotzdem fühlt es sich falsch an.
Ich merke, dass ich sogar darauf achte, was die Menschen neben mir machen. Keiner von uns sagt etwas. Trotzdem warten wir gemeinsam. Als würde die rote Ampel ausreichen, um uns zu sagen, was wir jetzt tun sollen.
Auf der anderen Straßenseite warten ebenfalls Menschen. Auch sie bleiben stehen, obwohl die Straße zwischen uns völlig frei ist. Für einen Moment kommt mir die Situation etwas absurd vor: Auf beiden Seiten warten Menschen auf ein grünes Licht, obwohl gerade kein Auto zu sehen ist.
Dann denke ich an etwas, das wir schon als Kinder lernen: Rot bedeutet stehen, Grün bedeutet gehen.
Wir lernen diese Regel so früh, dass wir später kaum noch darüber nachdenken müssen. Wir sehen Rot und bleiben stehen. Wir sehen Grün und gehen los.
In diesem Moment wird mir aber bewusst, wie stark solche Regeln unseren Alltag bestimmen. Wir befolgen sie oft automatisch, selbst dann, wenn wir die Situation vor uns eigentlich selbst beurteilen könnten.
Wenn plötzlich jemand geht
Dann passiert genau das, was ich die ganze Zeit beobachtet habe. Ein Mensch kommt von der anderen Seite und geht bei Rot los.
Sofort verändert sich die Stimmung an der Kreuzung. Ich schaue hin. Auch die beiden Menschen neben mir schauen kurz zu der Person. Niemand sagt etwas. Trotzdem merke ich, dass wir die Entscheidung wahrnehmen. Ich frage mich: Warum eigentlich?
Die Straße ist noch immer frei. An der Situation hat sich kaum etwas verändert. Nur jemand hat beschlossen, die rote Ampel anders zu behandeln als wir. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Person für einen Moment als ungewöhnlich wahrnehme. Dabei macht sie eigentlich nur etwas, das ich wenige Sekunden vorher selbst überlegt habe.
Genau da wird für mich der Unterschied zwischen einer Regel und einer Gewohnheit interessant. Die Regel selbst hat einen Sinn. Eine rote Ampel soll verhindern, dass Menschen und Fahrzeuge gleichzeitig die Kreuzung benutzen. Sie sorgt dafür, dass wir uns darauf verlassen können, was die anderen Verkehrsteilnehmer*innen tun.
Aber daneben entsteht mit der Zeit etwas anderes: Wir gewöhnen uns so stark an die Regel, dass wir gar nicht mehr bewusst über ihren Sinn nachdenken. Das passiert auch außerhalb des Straßenverkehrs.
Wir stellen uns an, obwohl vielleicht niemand genau weiß, wer als Nächstes dran wäre. Wir setzen uns im Bus auf bestimmte Plätze, obwohl daneben ebenfalls freie Sitze stehen. Wir warten vor einer Tür, obwohl sie bereits offen ist.
Oft ist das sinnvoll. Gewohnheiten sparen Zeit und machen Situationen vorhersehbar. Wenn jede Person an einer roten Ampel selbst entscheiden würde, ob sie gerade warten möchte, würde der Straßenverkehr schnell chaotisch werden.
Aber ich glaube, genau deshalb lohnt sich die Frage trotzdem: Folgen wir gerade einer sinnvollen Regel oder einfach nur einem Ablauf, den wir gewohnt sind?
Nicht jede Regel muss hinterfragt werden
Für mich bedeutet das allerdings nicht, dass wir ständig Regeln brechen sollten.
Gerade bei der Ampel würde ich weiterhin warten. Selbst wenn die Straße leer ist, kann sich die Situation innerhalb weniger Sekunden ändern. Außerdem funktioniert gemeinsames Verhalten nur, wenn sich Menschen aufeinander verlassen können.
Trotzdem möchte ich seit dieser Beobachtung bewusster darauf achten, wann ich etwas aus Überzeugung tue und wann aus Gewohnheit.
Denn Regeln können uns Orientierung geben. Gewohnheiten können unseren Alltag erleichtern. Aber beides sollte nicht dazu führen, dass wir aufhören, selbst zu denken.
Vielleicht ist genau das der interessante Punkt an dieser unscheinbaren roten Ampel. Sie zeigt mir, wie leicht ich mich in einen Ablauf einfüge, ohne ihn noch wahrzunehmen.
Die Ampel springt auf Grün.
Das rote Männchen verschwindet. Die beiden Menschen neben mir setzen sich fast gleichzeitig in Bewegung. Ich gehe ebenfalls los.
Vor ein paar Sekunden haben wir noch gewartet, obwohl die Straße frei war. Jetzt gehen wir gemeinsam, weil die Ampel Grün zeigt.
Ich glaube, ich werde bei der nächsten roten Ampel wieder stehen bleiben. Aber vielleicht werde ich dann für einen Moment darüber nachdenken, warum ich eigentlich stehen bleibe.
Denn Regeln geben uns Orientierung. Sie sollten uns aber nicht das Denken abnehmen.
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