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Warum soll ich für eine Wohnung mein halbes Gehalt ausgeben?

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
23.08.2026
5 Min.

GELD CHECK. In dieser Kolumne beschäftigt sich unser Redakteur Simon Prinz mit Geld, Preisen und den finanziellen Fragen, die uns Jugendliche betreffen. Heute geht es um die erste eigene Wohnung, was sie wirklich kostet und warum unsere Eltern mitentscheiden, wann wir uns den Auszug leisten können.

der Kolumnist Simon Prinz (Foto: Simon Prinz wird sich auch mal eine eigene Wohnung leisten.)

In zwei oder spätestens drei Jahren möchte ich von zu Hause ausziehen. Darauf freue ich mich schon heute. Eine kleine Wohnung, mein eigener Schlüssel, Freunde einladen, wann ich will, und selbst entscheiden, ob das Geschirr eben erst morgen gespült wird. Vor ein paar Tagen habe ich versucht auszurechnen, was dieser Wunsch kosten könnte. Miete, Kaution, Strom, Internet, Lebensmittel. Nach ein paar Minuten merkte ich: Bevor ich mir Gedanken über Möbel oder die Lage meiner ersten Wohnung mache, müsste ich wahrscheinlich erst einmal einige Tausend Euro zusammensparen.

Allein drei Monatsmieten Kaution können bei 700 Euro Miete 2.100 Euro bedeuten. Dazu kommen die erste Miete, Möbel und alles, was in einer leeren Wohnung fehlt. Noch bevor ich meinen eigenen Schlüssel in der Hand halte, kann der Auszug also mehrere Tausend Euro kosten.

Was kostet meine erste Wohnung wirklich?

Im ersten Quartal 2026 lag die durchschnittliche Miete inklusive Betriebskosten in Österreich laut Statistik Austria bei 695,10 Euro pro Monat. In Wien waren es 2025 durchschnittlich 10,60 Euro pro Quadratmeter. Wer diese Zahl einfach mit 40 Quadratmetern multipliziert, landet bei 424 Euro. Das bedeutet aber keineswegs, dass wir heute eine durchschnittliche 40-Quadratmeter-Wohnung in Wien für diesen Preis finden.

In dieser Statistik stecken bestehende Mietverträge, unterschiedlich große Wohnungen und verschiedene Mietsegmente. Wer schon lange in derselben Wohnung lebt, zahlt oft weniger als jemand, der heute einen neuen Mietvertrag abschließt. Gerade für uns ist deshalb interessanter, was Menschen zahlen, die sich in einer ähnlichen Lebensphase befinden.

Laut Studierenden-Sozialerhebung 2025 zahlten Studierende in Wien, die allein wohnten, im Schnitt 674 Euro monatlich fürs Wohnen. Ein WG-Platz kostete durchschnittlich 512 Euro, ein Studentenheim 522 Euro. Eine WG würde gegenüber dem durchschnittlichen Einzelhaushalt damit rund 160 Euro pro Monat sparen. Auf ein Jahr gerechnet sind das fast 2.000 Euro.

Plötzlich klingt „Ich ziehe nach der Matura aus“ für mich weniger nach einer einzigen Entscheidung. Ich müsste auch entscheiden, wie viel mir das Alleinwohnen wert ist.

Was bleibt vom ersten Gehalt?

Nehmen wir an, ich verdiene 1.800 Euro netto im Monat. Bei 674 Euro Wohnkosten bleiben 1.126 Euro. Davon muss ich noch Lebensmittel, Öffis, Handy, Kleidung und Freizeit bezahlen. Kaputter Laptop, Zahnarztrechnung oder eine Reise mit Freunden kommen zusätzlich dazu. Gleichzeitig wäre es ziemlich vernünftig, jeden Monat etwas zurückzulegen.

Statistik Austria verwendet für besonders hohe Wohnkostenbelastung eine Schwelle von über 40 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens. Das bedeutet nicht, dass eine Wohnung bis 39 Prozent automatisch leistbar und ab 40 Prozent plötzlich unleistbar ist. Die Zahl hilft vielmehr dabei zu vergleichen, wie stark Haushalte finanziell durch das Wohnen belastet sind. 2025 lagen acht Prozent der österreichischen Haushalte über dieser Schwelle. Bei privaten Hauptmieten waren es 21 Prozent.

Bei 1.800 Euro netto entsprechen 40 Prozent 720 Euro. Ob ich mit 700 Euro Wohnkosten gut leben könnte, hängt aber auch davon ab, welche anderen Ausgaben ich habe. Für mich ist deshalb eine andere Frage wichtiger: Was bleibt nach der Wohnung noch von meinem Leben übrig? Kann ich sparen, mit Freunden etwas unternehmen oder unerwartet 300 Euro bezahlen, wenn mein Laptop kaputtgeht?

Zwei gleiche Gehälter, zwei völlig verschiedene Starts

Beim Rechnen ist mir noch etwas aufgefallen, das in den durchschnittlichen Mietpreisen überhaupt nicht vorkommt: Wir starten beim Ausziehen nicht alle mit demselben Konto.

Stellen wir uns zwei 19-Jährige vor. Beide verdienen 1.800 Euro netto und finden eine Wohnung für 700 Euro. Beim ersten Blick auf die Zahlen haben beide dieselben Voraussetzungen. Dann übernimmt bei einem die Familie die 2.100 Euro Kaution, kauft ein Bett und einen Schreibtisch und überweist jeden Monat 300 Euro zur Miete. Der andere muss Kaution, Möbel und jeden einzelnen Euro der monatlichen Kosten selbst bezahlen.

Auf dem Papier verdienen beide gleich viel. Ihr Start ins selbstständige Leben könnte trotzdem kaum unterschiedlicher sein.

Wer Unterstützung bekommt, kann vielleicht früher ausziehen und gleichzeitig Geld zurücklegen. Wer alles selbst bezahlt, muss womöglich monatelang für die Kaution sparen oder länger bei den Eltern wohnen. Und wer zum Studium in eine andere Stadt ziehen muss, hat diese Wahl teilweise gar nicht.

Das finde ich inzwischen fast interessanter als die Frage, wie hoch die durchschnittliche Wiener Miete ist. Beim Ausziehen entscheidet eben nicht nur, was auf unserem ersten Gehaltszettel steht. Das Geld unserer Eltern kann mitentscheiden, wann wir uns Selbstständigkeit leisten können.

WG, Gemeindewohnung oder doch zu Hause?

Eine private Einzimmerwohnung ist zum Glück nicht die einzige Möglichkeit. Gerade in Wien gibt es Alternativen. Die Stadt verfügt über rund 220.000 Gemeindewohnungen, in denen etwa jeder vierte Wiener lebt. Für Gemeindewohnungen fallen laut Wohnberatung Wien keine Provision und größtenteils keine Eigenmittel an.

Für junge Menschen verändert sich außerdem die Vergabe. Ab 22. September 2026 startet Wien ein neues Punktesystem für Gemeinde- und geförderte Wohnungen. Wer unter 25 ist, noch keinen eigenen Hauptmietvertrag besitzt und höchstens zu zweit einziehen will, bekommt als „Jungwiener“ 50 Punkte. Ausbildung kann weitere Punkte bringen.

Daneben gibt es geförderte und Genossenschaftswohnungen, Studentenheime und WGs. Bei niedrigem Einkommen kann unter bestimmten Voraussetzungen auch Wohnbeihilfe helfen. Sie beseitigt allerdings nicht automatisch die Hürde vor dem Einzug: In Wien wird Wohnbeihilfe für eine Wohnung beantragt, in der man bereits wohnt. Das Geld für Kaution und erste Anschaffungen muss vorher irgendwoher kommen.

Vielleicht führt mein erster Auszug deshalb gar nicht in eine eigene Einzimmerwohnung. Ein WG-Zimmer könnte mir einen großen Teil der Freiheit geben, auf die ich mich freue, und gleichzeitig jeden Monat Geld sparen.

Mein erster Schlüssel

Wenn ich mir meinen Auszug vorstelle, denke ich trotzdem zuerst an den Schlüssel. Zum ersten Mal eine Tür aufsperren und wissen: Hinter dieser Tür bin ich selbst verantwortlich. Für die Miete genauso wie für den Kühlschrank und das Geschirr, das ich stehen gelassen habe.

Heute weiß ich zumindest besser, welche Rechnung an diesem Schlüssel hängt. Für allein wohnende Studierende in Wien waren es zuletzt durchschnittlich 674 Euro Wohnkosten im Monat. Dazu kommen Kaution, erste Anschaffungen und der ganze Rest des Lebens. Vielleicht wird meine erste Tür deshalb zu einem WG-Zimmer führen. Vielleicht finde ich eine geförderte Wohnung. Vielleicht bleibe ich ein Jahr länger zu Hause und spare.

Welche Möglichkeit für mich realistisch ist, wird aber nicht nur von meinem ersten Gehalt abhängen. Auch die Frage, wie viel Unterstützung ich von zu Hause bekomme, kann darüber entscheiden, wann ich diesen Schlüssel zum ersten Mal in der Hand halte.

Ich wünsche mir deshalb vor allem eines: Der erste eigene Schlüssel soll sich nach Freiheit anfühlen und nicht danach, wie viel Geld meine Eltern auf mein Konto überweisen können.






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