Ein verlassener Militärflugplatz im Nordwesten Syriens sorgt derzeit für Streit zwischen einigen der wichtigsten Akteure im Nahen Osten. Am Dienstag, dem 18. August, griff Israel den Militärflugplatz Abu Duhur an, der rund 70 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt liegt. Acht israelische Luftangriffe trafen unter anderem die Startbahn und Anlagen des Flugplatzes. Nach bisherigen Angaben wurden dabei keine Menschen getötet.
Israel begründete den Angriff mit Informationen, wonach die Türkei dort militärische Kräfte oder Ausrüstung stationieren wollte. Die Türkei und Syrien bestreiten jedoch, dass eine solche Stationierung geplant war. Auch der US-Sondergesandte für Syrien, Tom Barrack, sagte inzwischen, die USA hätten die entsprechenden Informationen geprüft und keine Hinweise auf eine türkische Stationierung gefunden.
Besonders ungewöhnlich ist deshalb die Reaktion aus den USA. Tom Barrack, der zugleich US-Botschafter in der Türkei ist, bezeichnete den Angriff als „unnötige Eskalation“. Später äußerte er sogar die Möglichkeit, Israel könnte versucht haben, die Türkei zu einer Reaktion zu provozieren. Israels Verteidigungsminister Israel Katz schlug öffentlich zurück und bezeichnete Barracks Aussagen als „voller Ungenauigkeiten“.
Warum sorgt ein kaum genutzter Flugplatz für einen solchen Streit?
Israel fürchtet türkischen Einfluss
Seit dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 haben sich die Machtverhältnisse in Syrien verändert. Die Türkei gehört zu den wichtigsten Unterstützern der neuen Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa und hilft unter anderem beim Aufbau und bei der Ausbildung syrischer Streitkräfte. Israel beobachtet den wachsenden türkischen Einfluss mit Sorge.
Nach israelischer Darstellung stand Syrien kurz davor, türkischen Soldaten die Stationierung auf dem Flugplatz Abu Duhur zu erlauben. Israel befürchtete dort laut eigenen Angaben unter anderem türkische Radar- und Luftverteidigungssysteme. Verteidigungsminister Katz erklärte, Israel habe aufgrund „klarer Geheimdienstinformationen“ gehandelt.
Stimmen die Informationen?
Syrien und die Türkei bestreiten, dass türkische Truppen auf dem Flugplatz stationiert werden sollten. Fest steht: Eine türkische Delegation hatte Abu Duhur einen Tag vor dem israelischen Angriff besucht. Syrische Vertreter erklärten, die Delegation habe sich dort Wiederaufbauarbeiten angesehen. Der syrische Außenminister Asaad al-Schaibani sagte zudem, seine Regierung habe Israel mitgeteilt, dass Abu Duhur kein türkischer Militärstützpunkt werden solle.
Wie knapp war eine direkte Konfrontation?
Barracks größte Sorge betrifft die Türkei. Das Land besitzt eines der größten Militärs der NATO und grenzt direkt an Syrien. Gleichzeitig haben sich die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei deutlich verschlechtert. Barrack beschreibt ein gefährliches Szenario: Türkische Streitkräfte könnten israelische Kampfjets in Richtung der türkischen Grenze fliegen sehen, ohne deren Ziel zu kennen. Im schlimmsten Fall könnten sie eigene Flugzeuge starten. Der US-Diplomat erinnerte daran, dass die Türkei 2015 bereits einen russischen Kampfjet an der syrischen Grenze abgeschossen hatte.
Damit hätte aus einem israelischen Angriff in Syrien plötzlich eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und einem NATO-Mitglied entstehen können. Genau dieses Risiko wollte Washington offenbar verhindern. Die USA arbeiten deshalb an einem Mechanismus zwischen Israel, Syrien und der Türkei, mit dem militärische Aktionen besser abgestimmt werden sollen. Dadurch soll verhindert werden, dass ein Missverständnis zu einer größeren Konfrontation führt.
Wussten die USA vom Angriff?
Auch darüber streiten Israel und die USA öffentlich. Barrack sagt, Washington sei vor dem Angriff nicht gewarnt worden. Das ist besonders bemerkenswert, weil Israel militärische Aktionen eng mit seinem wichtigsten Unterstützer USA abstimmt.
Israels Verteidigungsminister Katz widerspricht. Israel habe seine Geheimdienstinformationen an die zuständigen Stellen in den USA weitergegeben und außerdem die syrische Regierung gewarnt. Erst nachdem diese Warnung aus israelischer Sicht ignoriert worden sei, habe man den Angriff genehmigt. Damit stehen derzeit zwei unterschiedliche Darstellungen gegeneinander. Öffentlich geklärt ist nicht, welche Seite den Ablauf vollständig korrekt beschreibt.
Die USA stecken zwischen zwei Partnern
Der Streit zeigt, warum die Situation für Washington kompliziert ist. Israel gehört seit Jahrzehnten zu den engsten Partnern der USA. Die Türkei ist gleichzeitig NATO-Mitglied und für Washington militärisch und geopolitisch wichtig. Barrack hat sogar zwei Rollen, die diesen Konflikt besonders sichtbar machen: Er vertritt die USA als Botschafter in Ankara und ist gleichzeitig Sondergesandter für Syrien.
Seine Kritik bedeutet deshalb noch keinen Bruch zwischen Washington und Jerusalem. Sie zeigt aber, wie unterschiedlich die Interessen der Beteiligten in Syrien inzwischen sind. Israel will verhindern, dass die Türkei ihren militärischen Einfluss ausbaut. Die Türkei unterstützt Syriens neue Regierung. Syrien wiederum möchte nach Jahren des Bürgerkriegs wieder selbst über sein Staatsgebiet bestimmen. Die USA versuchen, ihre Partner davon abzuhalten, direkt gegeneinander zu kämpfen.
Gleichzeitig wird über Frieden gesprochen
Besonders widersprüchlich wirkt die Situation, weil Syrien und Israel parallel über eine diplomatische Annäherung sprechen. Syriens Außenminister al-Schaibani sagte am Wochenende, er rechne mit einer baldigen Wiederaufnahme der Verhandlungen über ein Sicherheitsabkommen. Die Gespräche waren zuletzt eingefroren. Washington versucht nach eigenen Angaben, Israel wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Syrien fordert vor allem ein Ende der israelischen Angriffe und einen Rückzug israelischer Truppen aus syrischem Gebiet.
Al-Schaibani sagt zugleich offen: „Wir vertrauen Israel derzeit nicht.“ Trotzdem sieht er weiterhin eine Chance für Diplomatie. So stehen sich im Moment zwei Entwicklungen gegenüber: Israel greift Ziele in Syrien an, während die USA gleichzeitig versuchen, Israel und Syrien wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.
Ein Flugplatz wird zum internationalen Problem
Abu Duhur war jahrelang kaum von internationalem Interesse. Der Militärflugplatz liegt in der syrischen Provinz Idlib und war seit Jahren weitgehend außer Betrieb. Jetzt streiten Israel und ein amerikanischer Sondergesandter öffentlich darüber, warum er bombardiert wurde. Die Türkei muss erklären, was ihre Vertreter dort machten. Syrien fordert ein Ende israelischer Angriffe. Und Washington versucht zu verhindern, dass zwei seiner wichtigsten Partner in der Region militärisch aufeinandertreffen.
Ein kaum genutzter Militärflugplatz reicht gerade aus, um zu zeigen, wie angespannt die neuen Machtverhältnisse in Syrien sind.
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