„Schreibt bitte bis nächsten Freitag eine Erörterung zu diesem Thema.“ Unser Deutschprofessor dreht sich um, um die Seitenangabe auf das Whiteboard zu schreiben, und genau in diesem Augenblick geht es los. Unter den Bänken flackern die ersten Displays auf.
Mein Sitznachbar liest sich die Angabe gar nicht erst durch, sondern zückt das Handy und fotografiert das Blatt ab. Als es kurz darauf läutet und wir Richtung Spinde gehen, hält er mir grinsend sein Handy hin: ChatGPT hat ihm bereits die komplette Gliederung samt Einleitung ausgespuckt. Ich musste nur den Kopf schütteln, weil ich nicht überrascht war, sondern weil mir klar war, wie normal das mittlerweile ist.
In der Klasse wird zwar betont, wie wichtig doch eigenständiges Formulieren ist und dass KI faul macht. Aber sobald die Schultür hinter uns zufällt, sieht die Realität völlig anders aus.
KI ist nicht mehr wegzudenken
Das ganze Schuljahr über wird dasselbe Spiel gespielt. Genau darüber habe ich auch mit meinem Bruder geredet. Wir sind unlängst gemütlich am Küchentisch gesessen und haben über das vergangene Schuljahr geplaudert. Mein Bruder hat erzählt, wie seine Deutschlehrerin jedes Mal betont hat, dass sie KI-Texte sofort am Stil erkennt und alles durch sogenannte Scanner jagt. Er hat nur die Schultern gezuckt, sein Handy hervorgeholt und schmunzelnd gemeint: „Es ist schon faszinierend, wie sehr die ältere Generation diese Tools unterschätzt, oder die KI überschätzt. Niemand sitzt mehr zwei Stunden an einer Textanalyse, wenn das in zehn Sekunden erledigt ist.
Diese Szene zeigt eigentlich perfekt, wie absurd die Lage ist: Alle nutzen es, aber alle müssen so tun, als wäre es streng verboten. Dabei ist die KI selbst überhaupt nicht das Problem, problematisch ist nur, wenn die Schule den richtigen Umgang damit schlichtweg nicht vermittelt.
Wie ich KI wirklich nutze
Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich nutze KI selbst beim Schreiben, allerdings nicht als Geisterschreiber. Wenn ich an einem Satz bastle und merke, dass der Faden reißt, kopiere ich den Absatz ins Feld und frage ganz konkret: „Klingt das flüssig oder wo hakt es?“
Das Programm nimmt mir nicht das Denken ab. Es ist eher wie ein Sitznachbar, dem ich meinen Entwurf rüberreiche und frage, ob der Gedanke verständlich ist. Was die KI von sich aus ausspuckt, ist meistens ohnehin unbrauchbar. Es klingt oft künstlich, steif und voller verstaubter Phrasen.
Wer ohne KI keinen geraden Satz aufs Papier bringt, wird auch mit KI keinen guten Text schreiben. Wenn man keine Ahnung von Satzbau, Stil und Argumentation hat, merkt man gar nicht, wenn das Tool völligen Blödsinn erfindet oder komplett am Thema vorbeiredet.
Der Mythos vom Verbot
Die Reaktion vieler Schulen auf diesen Wandel ist ernüchternd. Manche Lehrkräfte lassen Schularbeiten jetzt wieder ausschließlich handschriftlich in der Klasse schreiben, um jede digitale Hilfe auszusperren, so wie bei der Schule von meinem Bruder. Das ist ungefähr so zukunftsorientiert wie ein Verbot von Taschenrechnern im Mathematikunterricht der 90er-Jahre.
Was wir stattdessen brauchen, ist ein zweigleisiger Deutschunterricht. Auf der einen Seite steht das klassische Handwerk: Wie baue ich ohne Hilfsmittel eine schlüssige Argumentationskette auf? Wie entwickle ich ein Gefühl für Sprache? Auf der anderen Seite braucht es die gezielte Praxis mit dem Tool: Wie prompte ich so, dass brauchbare Ansätze entstehen? Wie entlarve ich logische Lücken im Text? Und wie überarbeite ich einen Entwurf so, dass er am Ende nach einem echten Menschen klingt?
Was die Zukunft verlangt
In ein paar Jahren fragt im Beruf niemand mehr danach, ob du einen Bericht oder eine Mail komplett von null geschrieben hast. Gefragt ist, wer Werkzeuge geschickt steuern, die Ergebnisse hinterfragen und den Texten den passenden Schliff geben kann.
Kreatives Schreiben verändert sich. Es geht nicht mehr darum, mechanisch Wörter aneinanderzureihen, sondern Gedanken scharf zu stellen. Wenn die Schule uns auf die Realität vorbereiten will, muss sie aufhören, KI wie einen Regelverstoß zu behandeln. Wir sollten lernen, mit den Programmen zu arbeiten, am besten kritisch, offen und ohne schlechtes Gewissen. Denn wer heute lernt, die Tools richtig zu steuern, muss sich später nicht von ihnen ersetzen lassen.
Der Plot-Twist
In diesem Text steckt natürlich auch KI. Ich habe mir beim Ordnen der Gedanken und beim Sätze "Verschönern" auch helfen lassen mithilfe von KI. Der Unterschied ist nur, dass ich den Output nicht einfach kopiert, sondern durchgeackert, hölzerne Phrasen gestrichen und meine eigene Sprache reingedrückt habe. Genau deshalb liest sich der Artikel am Ende menschlich und nicht wie der typische ChatGPT 0815 Einheitsbrei. Das ist genau die Fähigkeit, auf die es ankommt, schade nur, dass man sich das in den Ferien auf der Couch beibringen muss, anstatt im Deutschunterricht!
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