- Um 6,2 Prozent höhere Passhäufigkeit innerhalb ähnlicher kultureller Gruppen
- Multikulturelle Spieler wie Marko Arnautović halten das Team zusammen
- Trainer müssen das Phänomen berücksichtigen
- Besonders in komplexen Situationen bevorzugen Kicker ihre Landsleute
Am 11. Juni beginnt die Fußballweltmeisterschaft. Die Mannschaften stehen bis zum Finale am 19. Juli für ein Land auf dem Platz, scheinbar geeint durch Trikot und Hymne im Kampf um den Titel. Doch was passiert, wenn das Spiel läuft und Entscheidungen in Millisekunden fallen müssen? Geht es bei den Pässen rein um Taktik, Anspielbarkeit und die Qualität des Mitspielers? Oder spielen im Unterbewusstsein der Profis ganz andere, unsichtbare Faktoren wie die Herkunft, die Sprache oder gar die Hautfarbe des Kollegen eine Rolle?
Mehr als zehn Millionen Pässe analysiert
Die Studie „Cultural Homophily and Collaboration in Superstar Teams“, durchgeführt von Gábor Békés, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Experte für Datenanalyse an der Central European University (CEU) in Wien und Gianmarco Ottaviano von der italienischen Bocconi University hat das analysiert. Die Forschenden wollten herausfinden, wie sich derselbe kulturelle Hintergrund auf die Zusammenarbeit innerhalb von Spitzenmannschaften im Fußball auswirkt.
Basierend auf Daten des Statistikportals Whoscored.com analysierten sie mehr als zehn Millionen Pässe von Spielern aus 138 Nationen in 154 Teams der englischen Premier League, der spanischen La Liga, der deutschen Bundesliga, der italienischen Serie A und der französischen Ligue 1. Der Untersuchungszeitraum umfasste acht Spielzeiten von 2012/13 bis 2019/20. Das überraschende Ergebnis dabei? Fußballspieler passen im Durchschnitt um 6,2 Prozent häufiger zu Mitspielern, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben.
Das heißt, wenn Joshua Kimmich, Mittelfeldspieler bei FC Bayern nach vorne dribbelt und sowohl Leon Goretzka als auch Luis Diaz als Anspielstationen verfügbar sind, geht der Pass eher an einen Spieler mit ähnlichem kulturellen Hintergrund, in diesem Fall an den deutschen Teamkollegen Goretzka. Aber wie lässt sich das erklären?
Hinweis für kulturelle Homophilie
Die Idee für die Studie entspringt eigentlich der klassischen Arbeitsforschung: Denn wie lässt sich messen, wie Menschen im Job tatsächlich zusammenarbeiten? „Das ist extrem schwer herauszufinden“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler und Leiter der Studie Gabor Békés gegenüber campus a. „Man sieht zwar, wie sich Freundschaften bilden, aber das sind nur oberflächliche Interaktionen. Gedanken lesen kann man nicht.“ Békés und sein Team wählten deshalb einen unkonventionellen Umweg, um menschliche Verhaltensweise sichtbar zu machen: den Fußballplatz.
Doch nicht nur Spieler aus demselben Land sind von dem Phänomen betroffen. Besonders prägend seien auch historische Beziehungen. Das betrifft Staaten mit einer gemeinsamen Kolonialgeschichte, wie etwa Argentinien und Spanien oder Frankreich und Algerien, die durch die gemeinsame Sprachen verbunden sind. „Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Teams erfolgreicher sind oder mehr Spiele gewinnen“, betont Békés. Dafür hänge der sportliche Erfolg von zu vielen anderen Faktoren ab. Dennoch ist die erhöhte Passfrequenz in solchen Konstellationen messbar.
Als Hauptgrund für dieses Phänomen nennt Békés Vertrautheit und Kommunikation unter denselben kulturellen Gruppen. „Es ist einfacher, sich abzustimmen und zu kommunizieren“, so Békés. Oft verbringen diese Spieler auch abseits des Platzes Zeit miteinander, was das blinde Verständnis weiter stärkt und Abläufe vereinfacht. Die beobachteten Effekte sind allerdings nicht auf bewusste Ausgrenzung zurückzuführen. Für eine Diskriminierung von Spielern anderer Herkunft fand die Studie keinerlei Evidenz.
Békés betont, dass diverse Teams weder fundamental besser noch schlechter abschneiden. Bei bunt gemischten Mannschaften gäbe es sogar gegenläufige Effekte, wie etwa eine nachweislich höhere Kreativität.
Effekt besonders bei komplexen Passfolgen sichtbar
Dabei berücksichtigte Békés eine Reihe von Faktoren, die das Ergebnis ebenfalls hätten erklären können. Dazu gehört etwa, dass Trainer Spieler aus ähnlichen Ländern häufig auf vergleichbaren Positionen einsetzen, wie zum Beispiel italienische Verteidiger, oder bestimmte Spielergruppen bevorzugt gemeinsam aufstellen. Trotz Faktoren wie der Position auf dem Spielfeld, der individuellen Spielstärke und der räumlichen Nähe im Spiel bleibt der Effekt bestehen: Spieler passen den Ball weiterhin etwa 2,4 Prozent häufiger zu kulturell ähnlichen Teamkollegen.
Besonders deutlich sei dieser Effekt bei komplexeren Passfolgen. „Die kulturelle Homophilie ist dann stärker ausgeprägt“, erklärt Békés. Je schwieriger die Abstimmung, desto eher verlassen sich Spieler auf einfache Kommunikation und vertraute Beziehungen innerhalb des Teams. Bei solchen Spielzügen steige der Wert auf etwa fünf Prozent oder mehr zugunsten kulturell ähnlicher Spieler. Ähnliche Muster zeigen sich auch im zeitlichen Verlauf. Je länger Spieler mit kulturell ähnlichen Teamkollegen im Laufe einer Saison zusammen auf dem Platz stehen, desto stärker ist der entsprechende Pass-Effekt.
Trainer müssen Zusammenarbeit stärken
Lässt sich aus den Daten also der nächste Weltmeister vorhersagen? Békés winkt ab: „Ich glaube nicht, dass das möglich ist.“ Zwar würden viele Klubs ihre Kader ohnehin schon strategisch nach Sprach- oder Kulturräumen strukturieren, eine Erfolgsgarantie sei das aber nicht. Für Trainer leitet sich daraus vielmehr eine ganz andere Aufgabe ab: Sie müssen die Zusammenarbeit aktiv verbessern, und zwar besonders außerhalb des eigentlichen Trainings.
Auf dem Vereinsgelände bilden sich sonst schnell informelle Cliquen. „Oft gibt es die Frankophonen, die Spanischsprachigen oder die Englischsprachigen, die beim Essen und in der Freizeit unter sich bleiben“, sagt Békés. Umso wertvoller sind Menschen, die diese Gräben überbrücken können. Als Paradebeispiel nennt er Arsenal-Trainer Mikel Arteta: „Arteta spricht sechs Sprachen. Dadurch kann er direkt mit jeder Gruppe kommunizieren und die Harmonie im gesamten Team stärken.“
Gerade für die WM sind die Ergebnisse relevant, da zahlreiche Nationalteams aus Spielern mit vielfältigen Herkunftsgeschichten bestehen. Laut Békés gelten Spieler wie Marko Arnautović aus dem ÖFB-Kadar, der einen serbischen Vater und eine österreichische Mutter hat, als Bindeglied. „Wer beispielsweise mit serbischen Wurzeln in Österreich spielt, ist mit beiden Gruppen kompatibel. Das ist ein riesiger Vorteil für das Teamgefüge“, betont Békés. Mit einer konkreten Prognose für die österreichischen Chancen bei der kommenden Weltmeisterschaft hält sich der Arsenal-Fan Békés dennoch bedeckt, auch mit einem Augenzwinkern in Richtung Heimat: „Ungarn ist leider nicht qualifiziert. Aber Österreich ist definitiv eines der Länder, die ich unterstützen werde. Ich hoffe, sie schneiden gut ab.“
Zusammensetzung kultureller Gruppen beim Kadar bedenken
Laut Peter Linden, der mehr als dreißig Jahre als Sportjournalist für die „Kronen Zeitung“ tätig war, von 1974 bis 2014 bei allen Weltmeisterschaften und von 1980 bis 2016 bei allen Europameisterschaften vor Ort war und heute regelmäßig in seinem Blog über Fußball und Eishockey schreibt, bringe eine multikulturelle Kabine ganz automatische Dynamiken mit sich. Wenn in einer Mannschaft mehrere Sprachen gesprochen werden, suchen die Spieler logischerweise die Nähe zu denjenigen, die sie gut verstehen. Als konkretes Beispiel nennt Linden den SK Rapid Wien. Dort zeigte sich das Problem, dass sich die französischsprachigen Profis überwiegend unter sich blieben, ebenso wie die Spieler mit gleicher Hautfarbe. „Sie mussten sich auf die gemeinsame Sprache Englisch einigen und holten extra einen Dolmetscher für die Französischsprechenden,“ sagt Linden.
„Bei der Kaderzusammenstellung sollte man die verschiedenen Kulturen durchaus im Hinterkopf behalten, damit keine zusätzlichen Probleme entstehen“, gibt Linden zu bedenken. Normalerweise hole ein Trainer aber einfach die Spieler, von denen er sportlich am meisten überzeugt sei „egal ob sie Italiener oder Engländer sind.“ Dass Italiener per se gut verteidigen können, verbucht Linden ohnehin als Vorurteil.
Er erinnert sich an das Teamdebüt von Marko Arnautović. Der Stürmer lief damals mit einer österreichischen Flagge auf dem einen und einer serbischen Flagge auf dem anderen Schuh auf. Jahrelang sang er die österreichische Bundeshymne nicht mit, Linden fand das „schon sehr auffällig.“ Er zieht den Vergleich zu David Alaba: „Der hat einen Vater aus Nigeria und die Mutter kommt aus den Philippinen. Aber er singt die Hymne trotzdem lauthals mit.“ Für den österreichischen Erfolg bei der WM spiele der Migrationshintergrund laut dem Experten jedoch keine Rolle, er hält das Überstehen der Gruppenphase für „realistisch.“