Albert Ulrich steht an der Kaffeetheke im Gerngross und wartet auf seinen Espresso, als ihn jemand von der Seite anspricht. Ein Gesicht, das er lange nicht gesehen hat. Eigentlich wollte er heute nur schnell ein paar Dinge für den Haushalt besorgen und wieder gehen. Eigentlich.
Der 58-Jährige kommt etwa einmal im Monat in die Mall, manchmal öfter, wenn mehrere Erledigungen zusammenkommen. Früher sei das anders gewesen: „Da hat man einen Einkauf nach dem anderen gemacht und ist zwischendurch irgendwo auf einen Kaffee gegangen.“ Die Geschäfte seien kleiner gewesen, man habe die Verkäufer*innen teilweise gekannt. Heute schätzt er vor allem, dass er fast alles an einem Ort bekommt, ohne durch die halbe Stadt fahren zu müssen. Das spare Zeit.
Was ihm fehlt, ist etwas anderes: „Bei manchen Geschäften hat man die Leute gekannt, und ein kurzes Gespräch hat einfach zum Einkauf dazugehört.“ Heute laufe vieles schneller ab: reingehen, suchen, bezahlen, wieder raus. Der Einkaufstag von früher, sagt er, sei eher ein Ausflug gewesen. Heute sei er oft nur noch eine Erledigung.
Ohne Plan, aber mit Plätzen
Ein paar Meter weiter sitzt Leon mit zwei Freundinnen an einem Tisch, ohne dass jemand von ihnen etwas gekauft hat. Der 19-jährige Student aus Wien ist heute „eigentlich nur“ mit seinen Freundinnen hier: „Wir wollten uns treffen, hatten aber keinen richtigen Plan. Eine wollte noch in ein Geschäft, die andere hatte Hunger, und jetzt sitzen wir halt hier.“
Allein, sagt er, würde er nicht unbedingt in die Mall kommen, außer er müsse wirklich etwas kaufen. Mit Freund*innen ist das anders. Wenn niemand etwas kaufen will, geht man eben essen oder holt sich einen Kaffee und sitzt zusammen. „Das ist schon ein bisschen unser Treffpunkt geworden. Man muss nichts Großes planen, und jeder kommt relativ leicht her.“
Genau darin liegt für Leon der eigentliche Wert des Orts: nicht im Angebot der Geschäfte, sondern darin, dass er für niemanden ein Umweg ist. Geschäft, Kaffee, Bank: Die Stationen eines Nachmittags können wechseln. Das Einkaufen ist für ihn nicht der Grund zu kommen, sondern höchstens eine Möglichkeit unter mehreren.
Was ihn stört, ist der Andrang: „Wenn es richtig voll ist und man kaum einen Platz bekommt.“ Sonst findet er es angenehm, drinnen zu sein, ohne über das Wetter nachdenken zu müssen. Ohne Geschäfte, räumt er ein, würde er wahrscheinlich nicht extra herkommen. Dann müsste es schon wirklich gute Lokale geben oder einen anderen Grund. Das Shoppen gehöre für ihn irgendwie dazu, auch wenn es an diesem Nachmittag gar nicht stattfindet.
Zwei Generationen, ein Muster
Zwischen Leon und Albert liegen fast vierzig Jahre, aber ein Motiv taucht bei beiden auf: eine zufällige Begegnung, die den eigentlichen Anlass des Besuchs plötzlich in den Hintergrund rückt. Leon erzählt von einer alten Schulfreundin, der er einmal rein zufällig begegnet ist: „Eigentlich wollten wir nur schnell durch die Mall, und dann waren wir fast eine Stunde dort und haben geredet.“ Auch Albert berichtet von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dem er vor ein paar Monaten beim Kaffee begegnet ist. Aus einem kurzen Einkauf wurde fast eine Stunde gemeinsames Zusammensitzen.
Der Unterschied liegt weniger im Erlebten als in der Erwartung dahinter. Für Leon ist die Mall von vornherein ein Ort, an dem man sich trifft. Die Begegnung mit der Schulfreundin bestätigt nur, wofür der Ort schon da ist. Für Albert ist sie in erster Linie ein Ort für Erledigungen. Das Gespräch mit dem früheren Kollegen ist eine Ausnahme, die ihn an etwas erinnert, das er vermisst: das Persönliche, das früher automatisch zum Einkauf dazugehört hat.
Was für Leons Generation also der eigentliche Zweck ist, war für Alberts Generation einmal der Nebeneffekt eines Einkaufstags. Verschwunden ist dabei nicht das Bedürfnis nach diesem Nebeneffekt. Nur der Ort, an dem er stattfindet, hat sich verschoben. Früher die Innenstadt mit ihren kleinen Geschäften, heute die Mall mit ihren Sitzgelegenheiten. Das Einkaufen war nie ganz der Punkt. Es war nur lange der Vorwand.
Albert jedenfalls hat seinen Espresso inzwischen getrunken. Das Gespräch mit dem Bekannten hat sich, wie schon beim letzten Mal, deutlich länger gezogen als geplant. So lange, dass er erst danach wieder darauf kommt, was er eigentlich kaufen wollte. In diesem Moment ist der Gerngross für ihn genau das geworden, was er für Leon längst ist: kein Geschäft, das er betreten hat, sondern ein Ort, an dem er jemanden getroffen hat.
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