Warum fühlt sich jeder andere weiter an als man selbst?

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Volontärin · BRG Kufstein
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25.08.2026
5 Min.

„Wir waren am Samstag wieder auf einer Party“, erzählt meine Freundin und wischt durch ihre Fotos. „Und nächstes Wochenende sind wir schon wieder unterwegs.“ Sie zeigt mir ein Bild nach dem anderen. Leute, die ich kenne, lachend, spät am Abend. Ich freue mich für sie. Und trotzdem ist da plötzlich dieser Gedanke: Das hätte ich auch schon alles erleben sollen. Mehr solche Geschichten. Mehr spontane Nächte. Mehr Erinnerungen. Und auf einmal fühlt sich mein eigenes Leben ein bisschen zu leer an.

 

Manchmal fühlt es sich an, als wären alle anderen schon weiter. Dabei bin ich noch mittendrin. (Foto: Liv Biasi-Bosin)

Plötzlich scheint jeder einen Schritt voraus zu sein: Ich kenne dieses Gefühl selbst ziemlich gut.

Manchmal vergesse ich, wie jung ich eigentlich noch bin. Ich denke darüber nach, was ich in meiner Jugend schon alles erlebt haben müsste und merke dabei, dass ich mir selbst Druck mache. Besonders dann, wenn ich andere sehe, die scheinbar schon viel mehr gemacht haben. Dann entsteht dieses seltsame Gefühl, auf derselben Stelle zu stehen, während alle anderen langsam oder schnell an einem vorbeiziehen. Dabei ist das Leben kein Wettrennen. Trotzdem fühlt es sich manchmal so an.

Unpassende Vergleiche

Eine aktuelle Studie mit Jugendlichen hat untersucht, wie sich Vergleiche mit anderen auf die eigene Wahrnehmung auswirken. Die Jugendlichen hielten mehrmals am Tag fest, wie ihr eigenes Leben im Vergleich zu dem anderer Menschen auf Social Media wirkte. Wenn sie sich mit Menschen verglichen, die sie als besser gestellt wahrnahmen, ging das im jeweiligen Moment mit einem schlechteren Selbstbild einher.

Das Interessante daran: Wir vergleichen uns dabei selten mit jemandem, der gerade einen völlig gewöhnlichen Dienstag hat. Wir sehen die Reise. Die Party. Den neuen Freund. Das Konzert. Den Führerschein. Den Moment, in dem jemand etwas geschafft hat. Den langweiligen Nachmittag zu Hause sehen wir meistens nicht.

Ein Leben lässt sich schlecht mit einem Highlight vergleichen

Und hier könnte das Problem liegen. Wir nehmen unsere eigene Geschichte mit allen leeren Seiten und halten sie neben die schönsten Ausschnitte aus den Geschichten anderer. Auf Instagram oder TikTok kann jemand innerhalb von zehn Minuten einen Urlaub, einen neuen Job, eine Beziehung, einen Konzertbesuch und seinen perfekten Sonntag zeigen. Bei uns selbst sehen wir dagegen auch die Tage, an denen überhaupt nichts Besonderes passiert. Wir kennen jede Unsicherheit, jeden verpassten Moment und jeden Plan, den wir irgendwann wieder aufgegeben haben. Von anderen kennen wir meistens nur das Ergebnis.

Der Psychologe und Jugendforscher Mitch Prinstein beschreibt, dass viele Jugendliche nach Wegen suchen, sich genauso gut wie andere zu fühlen und nicht negativ herauszustechen. Gerade wenn online sichtbar wird, wie andere aussehen, welche Interessen sie haben oder wie beliebt sie wirken, können solche Vergleiche besonders schwierig werden.(childrenandscreens.org) Das erklärt auch, warum ein einziger Blick aufs Handy manchmal reicht. Wir sehen jemanden und denkt plötzlich: Das hätte ich auch schon erleben sollen.

Wann wurde Erwachsenwerden zu einem Wettbewerb?

Es gibt erstaunlich viele Dinge, für die wir glauben, einen Zeitplan zu brauchen.

Erste große Liebe.
Erste Reise ohne Eltern.
Führerschein.
Auslandsjahr.
Erstes Konzert.
Erster Job.
Die perfekte Freundesgruppe.
Der Plan für die Zukunft.

Und irgendwo dazwischen entsteht die Vorstellung, dass man bestimmte Dinge bis zu einem bestimmten Alter erledigt haben sollte. Nur: Wer hat diese Liste eigentlich geschrieben?

Es gibt kein offizielles Alter, in dem man seine erste große Liebe erlebt haben muss. Kein Datum, an dem man plötzlich wissen sollte, was man mit seinem Leben anfangen möchte. Kein Kalenderblatt, auf dem steht: Bis heute bitte genug Erinnerungen sammeln. Trotzdem vergleichen wir. Mit Klassenkollegen. Mit Freunden. Mit älteren Geschwistern. Mit Menschen im Internet, die wir gar nicht kennen. Und manchmal sogar mit einer Version von uns selbst, die wir uns irgendwann ausgedacht haben.

Die Angst, etwas zu verpassen

Dahinter steckt oft mehr als bloße Eifersucht. Es ist die Angst, dass gerade irgendwo ein Leben stattfindet, an dem man selbst vorbeigeht.

Du sitzt vielleicht gerade zu Hause, während du durch dein Handy scrollst. Du siehst jemanden, der einen Abend mit Freunden verbringt, und für einen kurzen Moment fühlt sich dein eigener Abend kleiner an. Dabei weißt du überhaupt nicht, wie dieser Abend für die Person wirklich aussieht.

Social Media macht dieses Gefühl besonders sichtbar. Die WHO berichtet, dass 36 Prozent der Jugendlichen angeben, ständig online mit Freunden in Kontakt zu sein; bei 15-jährigen Mädchen sind es sogar 44 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil Jugendlicher mit problematischer Social-Media-Nutzung laut WHO von sieben Prozent im Jahr 2018 auf elf Prozent im Jahr 2022 gestiegen. (who.int)

Man bekommt dadurch beinahe rund um die Uhr mit, was andere gerade machen. Früher konnte man einen Abend verpassen. Heute kann man ihn ansehen. Und vielleicht ist das manchmal sogar schlimmer.

Was, wenn wir gar nicht hinterher sind?

Wahrscheinlich ist das der Gedanke, den wir am schwersten akzeptieren: Dass jemand anderes schneller sein kann, ohne dass wir deshalb zu langsam sind.

Ich denke manchmal darüber nach, wie unterschiedlich zwei Menschen im selben Alter leben können. Die eine Person hat schon unzählige Erinnerungen gesammelt, während die andere das Gefühl hat, die letzten Jahre wären irgendwie an ihr vorbeigegangen. Beide sind gleich alt. Keine von beiden hat deshalb etwas falsch gemacht. Jemand kann seine große Liebe mit 15 kennenlernen und ein anderer mit 25, dennoch macht keiner dieser Wege den anderen weniger wert.

Trotzdem fühlt es sich manchmal so an, als würde die Uhr ticken. Dabei ist Jugend keine Sammlung von Dingen, die man abhaken muss. Vielleicht sollte ich mir das selbst öfter sagen:

Ich bin noch jung.

Ich muss noch nicht auf ein Leben zurückblicken und feststellen, wie viel ich erlebt habe. Ich bin gerade mittendrin. Und trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, mein eigenes Leben zu bewerten, als müsste ich schon wissen, ob ich genug daraus gemacht habe.

Vielleicht sind wir gar nicht zu spät

Das Schwierige am Vergleichen ist, dass es einem ein Ziel vorgaukelt. Wenn die andere Person schon dort ist, möchte man auch dorthin. Wenn jemand mehr erlebt hat, möchte man aufholen. Wenn jemand scheinbar weiter ist, fragt man sich, warum man selbst noch hier steht. Aber vielleicht gibt es gar kein „dort“.

Das Leben ist weniger eine Strecke mit einer Ziellinie und mehr eine Straße, auf der jeder an einer anderen Stelle losgeht, stehen bleibt, umdreht und manchmal einfach irgendwo sitzen bleibt. Und vielleicht muss ich mich irgendwann nicht mehr fragen, warum jemand anderes schon weiter ist.
Vielleicht sollte ich mich fragen, ob ich noch wissen möchte, wo „weiter“ eigentlich sein soll.

Denn wenn ich mit 30 auf mein Leben zurückblicke, wird es vermutlich keine Rolle spielen, ob jemand mit 16 mehr erlebt hatte als ich. Dann werde ich mich an einen ganz gewöhnlichen Nachmittag, an dem ich dachte, ich wäre zu spät, erinnern. Und vielleicht werde ich dann darüber lachen. Weil ich damals noch gar nicht wusste, wie viel Zeit ich eigentlich hatte.







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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Kronen Zeitung.

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