Seit einigen Jahren bin ich ehrenamtlich tätig. Mich für die Pfadfinder*innen in ganz Österreich einzusetzen und mit anderen engagierten Leuten zusammenzuarbeiten, gibt mir mehr zurück, als es mir abverlangt. Motiviert und immer mit Herz setzen wir uns gemeinsam für eine bessere Welt und eine funktionierende Gesellschaft ein. Wir alle, egal ob Frauen, Männer oder Jugendliche.
Die Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreich (PPÖ) sind eine von 6.000 gemeinnützigen Organisationen in Österreich. Über 2,2 Millionen Freiwillige gehen neben Ausbildung oder Beruf einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Darunter 900.000 Frauen. Meist stehen jedoch Männer im Rampenlicht. Sie stellen sich für Interviews zur Verfügung und repräsentieren dabei eine Organisation, die genauso Frauen mittragen. Die Beteiligung von Frauen am Erfolg von Vereinen muss sich die Öffentlichkeit hinzudenken.
Ich kenne viele Frauen, andere keine einzige
Warum stehen also Männer im Fokus und Frauen nicht? An der Organisation liegt es nicht.
Ich selbst bin eine Frau im Ehrenamt. Ich hatte immer das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Seit einem Jahr darf ich mit Stolz behaupten, eine repräsentative Aufgabe in Oberösterreich zu haben und mich damit selbst und Hunderte Jugendliche zu repräsentieren. Als OÖ-Landesjugendratsvorsitzende arbeite ich täglich mit anderen Frauen zusammen und weiß, es gibt genauso viele engagierte und motivierte Frauen wie Männer. Aber warum bin ich die Einzige, die diese wunderbaren Menschen kennt?
Warum ist das so?
Die österreichische Erhebung zur Freiwilligentätigkeit 2022 schneidet eine Theorie an, die als Antwort vielversprechend klingt. Denn wirklich sichtbar sind Vereinsmitglieder nur, wenn sie in Interviews und Artikeln zu Wort kommen. Ansonsten spielen Freiwillige für die Gesellschaft keine große Rolle. Solche Tätigkeiten fallen meist Mitgliedern in Führungspositionen zu, weil Vereine genau für solche Aufgaben ihre Vorstände wählen. Doch es braucht Zeit, einen Verein zu leiten. Zeit, die nicht jeder hat.
Nach wie vor fällt der Großteil der Care-Arbeit Frauen zu. Neben einem Job bleibt da kaum Zeit für eine weitere unbezahlte Aufgabe. Um auf Nummer sicher zu gehen und jederzeit aussteigen zu können, halten sich Frauen deshalb im Hintergrund des Vereins. Diese Arbeit ist nicht weniger wichtig. Sie ist essenziell für das Bestehen des Vereins.
Doch ein Aufsteigen in der Vereinsordnung ist nur dann möglich, wenn die zeitlichen Ressourcen ausreichen. So höre ich immer öfter von Freundinnen, die Zeit sei zu knapp, um weiter ehrenamtlich zu arbeiten. Ganz oft bedeutet so ein Ausstieg ein langes Fernbleiben. Kommen sie irgendwann zurück, dauert es nicht selten Jahre, bis sie wieder in ihrer alten Position sind.
Das Ehrenamt ist nicht schuld
Um meine Antwort zu bestätigen, habe ich eine Umfrage zur Genderneutralität im Ehrenamt durchgeführt. Dabei habe ich 56 Freiwillige aus unterschiedlichen Vereinen befragt. 43 von ihnen empfinden die Struktur als neutral. Nur zwei meinen, ihre Organisation benachteilige Frauen. Wiederum zwei sehen Menschen mit Beeinträchtigung als benachteiligt. 16 Prozent sind der Meinung, ihre Organisation benachteilige Frauen nur teilweise. Ein Großteil der Befragten, die die Vereinsneutralität anzweifeln, gibt aber an, die Verhältnissehätten sich in den letzten Jahren verbessert. Auch die Satzungsänderungen der PPÖ in den letzten Jahren zeigen, wie sehr sich die Organisation um Gendergleichberechtigung bemüht. Der Anteil von Männern in Führungspositionen von fast 70 Prozent liegt also nicht an den Organisationen selbst.
Unsere Aufgabe
Für mich ist das eine beruhigende Antwort. Das Ehrenamt und hart arbeitende Frauen im Ehrenamt leiden zwar darunter, aber das Problem liegt nicht bei uns. Allerdings müssen die Frauen, die es geschafft haben, im Ehrenamt sichtbar zu sein, viel Ausdauer und Stärke beweisen. „Wir stehen für ganz viele Frauen und Mädchen, wir müssen sie sichtbar machen und ihre Stimme sein“, sagt Anna-Marie Christely, Leiterin des Landesjugendrats der PPÖ in Wien. Sie setzt sich auf Bundesebene und international für Jugendpartizipation ein. „Wir müssen uns nach außen als emanzipierten Verein präsentieren und Frauen den Aufstieg nicht unnötig schwer machen.“
Kommentare
Toll!!