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Warum entschuldigen wir uns so oft für unsere Gefühle?

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Volontärin · Fachberufsschule St. Veit / Glan
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23.09.2026
6 Min.

Wir entschuldigen uns, zu spät zu kommen. Jemanden zu verletzen. Einen Fehler zu machen. Manchmal sagen wir „Sorry“, obwohl wir nichts falsch gemacht haben. Einfach, weil wir traurig sind, weinen oder jemanden brauchen. Warum haben wir gelernt, uns sogar für unsere eigenen Gefühle zu entschuldigen?

Warum steht da eigentlich „Sorry“, wenn Gefühle doch nichts sind, wofür wir uns entschuldigen müssen?? (Foto: Pexels)

„Sorry.“

Manchmal ist es das erste Wort, das kommt, wenn wir weinen. Nicht „Ich bin traurig.“ Nicht „Das hat mich verletzt.“ Nicht einmal „Ich brauche gerade jemanden.“

Sondern: „Sorry.“

Sorry, dass ich weine. Sorry, dass ich so emotional bin. Sorry, dass ich gerade nicht gut drauf bin. Sorry, dass ich so viel darüber nachdenke.

Aber wofür entschuldigen wir uns eigentlich? Dafür, dass wir jemanden verletzt haben? Nein. Dafür, dass wir zu spät gekommen sind? Vielleicht. Dafür, dass wir Gefühle haben? Eigentlich auch nein.

Und trotzdem sagen wir es.

Vielleicht sitzt man gerade mit einer Freundin in der Pause. Sie erzählt von etwas, das zu Hause passiert ist. Ihre Stimme wird leiser, ihre Augen werden rot. Eine Träne läuft über ihre Wange. Sie wischt sie schnell weg.

„Sorry.“

Als wäre die Träne das Problem. Als müsste sie sich dafür entschuldigen, dass etwas in ihr gerade zu viel geworden ist. Genau dieser Moment ist interessanter, als er auf den ersten Blick scheint. Denn hinter einem kleinen „Sorry“ steckt eine große Frage: Warum haben wir manchmal das Gefühl, dass unsere Gefühle für andere zu viel sind?

Wir lernen früh, welche Gefühle „okay“ sind

Traurig sein ist okay, solange es nicht zu lange dauert. Wütend sein ist okay, solange man nicht laut wird. Angst haben ist okay, solange man trotzdem funktioniert.

Zumindest fühlt es sich manchmal so an. Gerade Jugendliche kennen diesen Spagat. Man soll herausfinden, wer man ist, mit Freundschaften klarkommen, Schule schaffen, Zukunftspläne entwickeln und irgendwie auch noch selbstbewusst wirken. Gleichzeitig scheint es oft leichter zu sein, zu sagen „Alles gut“, als ehrlich zuzugeben: „Eigentlich geht es mir gerade überhaupt nicht gut.“

Die Psychologin Susan David beschäftigt sich seit Jahren mit dem Umgang mit schwierigen Gefühlen. Ihr Konzept der sogenannten „emotional agility“, also emotionalen Beweglichkeit, beschreibt unter anderem die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, ohne sich vollständig von ihnen bestimmen zu lassen. Gefühle sollen dabei nicht einfach weggedrückt werden. Sie können Informationen darüber liefern, was uns wichtig ist und was gerade in unserem Leben passiert.

Das bedeutet nicht, dass jedes Gefühl automatisch unser Verhalten bestimmen sollte. Wütend zu sein bedeutet nicht, dass man jemanden anschreien darf. Verletzt zu sein bedeutet nicht, dass man andere verletzen darf.

Aber zwischen „Ich bin für mein Verhalten verantwortlich“ und „Ich darf dieses Gefühl überhaupt nicht haben“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Vielleicht haben wir genau diesen Unterschied manchmal vergessen.

„Du bist zu empfindlich.“

Dieser Satz kann harmlos klingen. Vielleicht wird er sogar als gut gemeinter Rat gesagt. Aber was passiert, wenn man ihn immer wieder hört? Irgendwann beginnt man vielleicht nicht mehr nur an seinem Gefühl zu zweifeln, sondern an sich selbst.

Bin ich wirklich zu empfindlich? Stelle ich mich an?

Bin ich anstrengend?

Übertreibe ich?

Und plötzlich geht es nicht mehr darum, was passiert ist. Es geht darum, ob man überhaupt das Recht hat, davon betroffen zu sein. Aus „Das hat mich verletzt“ wird „Vielleicht hätte mich das gar nicht verletzen dürfen.“ Aus „Ich bin traurig“ wird „Ich sollte mich zusammenreißen.“ Aus „Ich brauche gerade jemanden“ wird „Ich will niemandem zur Last fallen.“

Und genau hier wird es spannend.

Denn Gefühle verschwinden nicht unbedingt dadurch, dass wir sie verstecken. Manchmal verschwindet nur das sichtbare Zeichen davon.

Warum sagen wir „Sorry“, obwohl wir nichts falsch gemacht haben?

Eine Entschuldigung soll normalerweise etwas reparieren. Wir entschuldigen uns, wenn wir jemanden verletzt haben, einen Fehler gemacht haben oder eine Grenze überschritten haben.

Die Psychologin Karina Schumann forscht an der University of Pittsburgh unter anderem zu Entschuldigungen, Konflikten und Vergebung. Ihre Forschung zeigt, dass Entschuldigungen soziale Beziehungen reparieren können, aber auch, dass wir genauer hinschauen müssen, wann eine Entschuldigung überhaupt angebracht ist.

Und da entsteht ein merkwürdiger Widerspruch. Wenn ich dich beleidige, kann ich mich entschuldigen. Wenn ich zu spät komme, kann ich mich entschuldigen.

Aber wenn ich traurig bin?

Wenn ich Angst habe?

Wenn mir etwas wehgetan hat?

Wem genau sage ich dann „Sorry“?

Vielleicht entschuldigen wir uns in solchen Momenten gar nicht für unser Gefühl. Vielleicht entschuldigen wir uns dafür, dass jemand anderes es sehen muss. Das ist ein Unterschied. Denn plötzlich wird nicht mehr nur das eigene Gefühl bewertet. Auch die Reaktion der anderen Person spielt eine Rolle.

„Was, wenn ich ihr damit die Stimmung verderbe?“

„Was, wenn er denkt, ich bin kompliziert?“

„Was, wenn sie keine Lust auf meine Probleme hat?“

„Was, wenn ich zu viel bin?“

Vielleicht ist genau dieses „zu viel“ eines der Wörter, die wir viel zu schnell gegen uns selbst verwenden.

Besonders Jugendliche stehen irgendwo dazwischen

Man ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht vollständig erwachsen. Man möchte ernst genommen werden und gleichzeitig dazugehören. Man möchte zeigen, wer man ist, und hat gleichzeitig Angst davor, wie andere darauf reagieren.

Dazu kommt Social Media.

Dort können wir selbst entscheiden, was von uns sichtbar wird. Das perfekte Foto. Der Urlaub. Die Party. Das neue Outfit. Der Erfolg. Was meistens weniger Platz bekommt: Unsicherheit. Einsamkeit. Überforderung. Eifersucht. Angst. Natürlich bedeutet das nicht, dass soziale Medien nur eine perfekte Scheinwelt zeigen. Menschen teilen dort auch Verletzlichkeit und sprechen offen über psychische Gesundheit. Aber der entscheidende Punkt bleibt: Wir kontrollieren, was wir zeigen.

Im echten Leben funktioniert das schlechter. Wenn uns plötzlich die Stimme wegbricht, kann man nicht einfach auf „Story löschen“ drücken. Wenn man vor jemandem weint, gibt es keinen Filter. Und vielleicht ist genau das manchmal unangenehm: Jemand sieht einen so, wie man sich selbst gerade nicht sehen möchte.

Vielleicht ist Verletzlichkeit nicht das Gegenteil von Stärke

Der Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton hat immer wieder darüber geschrieben, wie stark die Angst vor der Bewertung durch andere unser Verhalten beeinflusst. Der Wunsch, anerkannt zu werden, ist nichts Ungewöhnliches. Menschen wollen dazugehören.

Vielleicht erklärt das einen Teil unseres „Sorry“.

Wir wollen nicht schwierig sein. Wir wollen nicht anstrengend sein. Wir wollen nicht die Person sein, die immer Probleme hat. Wir wollen dazugehören. Nur entsteht daraus ein gefährlicher Gedanke: Wenn andere mich nur mögen, solange ich unkompliziert bin, muss ich meine komplizierten Seiten verstecken.

Dann wird aus Selbstschutz irgendwann Selbstzensur.

Man sagt nicht mehr: „Das hat mich verletzt.“

Man sagt: „Ist schon okay.“

Man sagt nicht: „Ich brauche dich.“

Man sagt: „Sorry, dass ich störe.“

Man sagt nicht: „Ich bin gerade traurig.“

Man sagt: „Keine Ahnung, bin einfach bisschen müde.“

Und vielleicht kennen wir alle mindestens eine Situation, in der „müde“ eigentlich etwas ganz anderes bedeutet hat.

Gefühle zu haben heißt nicht, dass andere sie lösen müssen

Trotzdem wäre es zu einfach zu sagen: „Zeig einfach immer alle deine Gefühle.“

So funktioniert Zusammenleben nicht.

Wir alle tragen Verantwortung dafür, wie wir mit unseren Emotionen umgehen. Niemand muss jede Wut ungefiltert an anderen auslassen. Niemand ist verpflichtet, rund um die Uhr die Probleme seiner Freund*innen aufzufangen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Scham.

Rücksicht sagt: „Ich achte darauf, wie ich mit dir umgehe.“

Scham sagt: „Mein Gefühl ist falsch, weil du es sehen könntest.“

Das eine verbindet Menschen.

Das andere macht sie kleiner.

Vielleicht brauchen wir weniger „Sorry“ und mehr Ehrlichkeit

Stell dir vor, du erzählst einer Freundin etwas und deine Augen werden plötzlich feucht. Du atmest tief durch. Du willst schon „Sorry“ sagen. Aber stattdessen sagst du: „Das trifft mich gerade einfach.“ Mehr nicht. Keine Rechtfertigung. Keine Entschuldigung. Nur die Wahrheit.

Vielleicht antwortet deine Freundin nicht mit „Du bist zu emotional“, sondern mit „Ich verstehe.“

Vielleicht erzählt sie dir danach ihre eigene Geschichte.

Vielleicht merkst du, dass du mit deinem Gefühl gar nicht so allein bist, wie du dachtest.

Und vielleicht ist das der Moment, in dem aus Verletzlichkeit keine Schwäche wird, sondern Nähe.

Denn am Ende brauchen wir wahrscheinlich nicht weniger Gefühle. Wir brauchen weniger Angst davor, dass andere sie sehen. Das nächste Mal, wenn jemand „Sorry, dass ich weine“ sagt, könnte man deshalb etwas ganz Einfaches antworten: „Du musst dich dafür nicht entschuldigen.“

Und vielleicht ist das ein Satz, den wir uns selbst genauso oft sagen sollten.

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