Das leise Glucksen der Wellen gegen den Holzrumpf der Fischerboote war das einzige Geräusch in der friedlichen Abenddämmerung. Meine Oberschenkel brannten noch leicht vom Salz des Nachmittags, während ich die Füße über die warme Steinmauer des Hafens baumeln ließ. Vor uns spannte sich der Himmel über Rovinj auf wie eine samtige Leinwand aus Rosa und verblassendem Gold, während der Duft von gegrillten Calamari und frischem Knoblauch aus den engen Gassen herüberwehte.
Meine Schwester lehnte ihre Schulter an meine, blickte hinüber zum markanten Kirchturm von St. Euphemia und seufzte leise: „Weißt du, was das Beste an diesem Ort ist? Wir müssen heute Abend rein gar nichts mehr erledigen.“
Wenn der Regen den Terminplanertraum wegschwemmt
Dass wir an diesem Abend so entspannt auf die Bucht blicken konnten, war alles andere als selbstverständlich. Ich bin eigentlich der Typ Mensch, der einen Urlaub akribisch durchtaktet. In meiner Notizen-App standen vor der Abreise geordnete Listen: Bucht X um 10 Uhr, Restaurant Y für den Sonnenuntergang, Fotospots A bis Z. Ich wollte Erholung maximieren, als gäbe es dafür Schulnoten. Doch Kroatien hielt sich nicht an mein Manuskript. Gleich an den ersten zwei Tagen ergoss sich ein sintflutartiger Sommerregen über Istrien. Statt glasklarem Wasser gab es grau verhangene Wolken und stundenlanges Trommeln der Tropfen auf das Ziegeldach unserer Ferienwohnung.
Mein mühsam ausgetüftelter Reiseplan war in den ersten 24 Stunden hinfällig. Zuerst saß ich nervös auf der Kante des Sofas, starrte frustriert auf das Regenradar und ärgerte mich über die vermeintlich verlorene Zeit. Doch als meine Schwester ein Kartenspiel aus dem Rucksack zog, zwei Becher Kräutertee einschenkte und lachend meinte: „Gott sei Dank müssen wir heute nicht bei 30 Grad von Burg zu Burg hetzen“, kippte etwas in mir. Zwei Tage lang blieben wir einfach drinnen. Wir spielten Karten, lauschten dem Regen und redeten über Dinge, für die im Alltag nie Platz ist. Zum ersten Mal seit Monaten spürte ich, wie mein innerer Motor von ganz allein einen Gang herunterschaltete.
Wenn der Sekundenzeiger seine Macht verliert
Als die Sonne schließlich zurückkehrte, hatte ich meine Listen längst vergessen. Die Tage bekamen ihren ganz eigenen, ungeplanten Takt. Morgens schlenderten meine Schwester und ich gemeinsam barfuß zum Bäckersmann an der Ecke, holten noch warmes Burek und teilten es auf einer Holzbank an der Promenade. Nachmittags suchten wir uns einen schattigen Platz unter knorrigen Pinien. Während das hypnotische Zirpen der Zikaden die Luft erfüllte, lag sie im Gras und las, während ich stundenlang aufs offene Meer blickte.
Kein Blick auf die Uhr, kein schlechtes Gewissen, irgendetwas zu „verpassen“. Das Smartphone blieb tief in der Tasche, ein stummer Zeuge einer Erreichbarkeit, die zwischen Piniennadeln und Salzwasser völlig bedeutungslos geworden war.
Das Mitbringsel, das in keinen Koffer passt
Als die Lichter der Altstadt schließlich im Wasser aufleuchteten und die kühle Nachtluft den warmen Stein der Hafenmauer ablöste, stieß mich meine Schwester sanft an. Ein kleines Holzboot zog leise blubbernd an uns vorbei und zerteilte das Spiegelbild des Mondes im dunkelblauen Wasser.
In diesem Moment schloss sich der Kreis. Ich verstand, was ich aus Kroatien wirklich mit nach Hause nehmen würde. Es waren nicht die Souvenirs oder die Hunderten Schnappschüsse auf dem Handy. Es war die Erkenntnis, dass echter Urlaub erst dann beginnt, wenn man aufhört, das Leben wie eine To-do-Liste abzuarbeiten. Der Regen hatte meine Pläne zerstört, und mir genau dadurch den wertvollsten Urlaub geschenkt, den ich je hatte.
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