Jahrzehnte des vermeintlichen medizinischen Fortschritts beruhen auf einem systematischen Ausschluss von Frauen. Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus und sind in der medizinischen Forschung trotzdem unterrepräsentiert. Die Medizin ist seit Jahrzehnten von dem Irrtum geprägt, der männliche Körpertyp stehe für alle. Aber warum inkludierten medizinische Studien Frauen bis vor Kurzem nicht und welche Auswirkungen hat das bis heute?
Erschreckenderweise führten Forscher*innen klinische Studien bis in die 1980er-Jahre hauptsächlich mit Männern durch. Frauen waren meistens davon ausgeschlossen. Die fehlende Präsenz des Frauenkörpers ist eine historische Tradition, da die Medizin immer eine männliche Domäne gewesen ist.
Dr. Alexandra Kautzky-Willer, erste österreichische Gendermedizinerin an der Med-Uni Wien, sprach in einem Interview mit der Wiener Zeitung am 04.04.2025 über die Ursachen, weshalb Arzneimittelstudien lange reine Männerstudien waren. Demnach sei es für die Forschung zu mühsam gewesen, Frauen, die durch Zyklus und eine mögliche Schwangerschaft ganz andere Voraussetzungen haben, zu inkludieren.
Ist es nicht ironisch, ausgerechnet diejenigen auszuschließen, die die Forschung durch erhöhte Risiken durch die Schwangerschaft am meisten brauchen? Genau das aber taten viele Forscher*innen nach dem Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren. Ungeborene Kinder erlitten durch die Wirkung eines Schlafmittels Schäden. Als wäre es nicht vorhersehbar gewesen, führte dies zu einem kategorischen Ausschluss von gebärfähigen Frauen in der Arzneimittelforschung.
Die US-amerikanische Kardiologin Bernadine Healy benannte 1991 dieses Problem und prägte den Begriff „Yentl-Syndrom“. Dieser beschreibt das Phänomen der Vernachlässigung von Frauen in Forschung und Therapie aufgrund fehlender wissenschaftlicher Daten.
Healy gründete die Women’s Health Initiative. Dabei handelte es sich um ein Forschungsprogramm zur Untersuchung von Gesundheitsthemen bei Frauen, insbesondere Herzkrankheiten, Krebs und Osteoporose. Die WHI war ein großer Schritt in die richtige Richtung. Dieses Programm führte später zu einer der größten klinischen Studien zu Frauengesundheitsfragen. Aufgrund der Ergebnisse gab es ab 1994 eine US-Richtlinie, wonach klinische Arzneimittelstudien Frauen einbeziehen müssen. Erst 2005 erließ die Europäische Union eine ähnliche Richtlinie.
Trotz dieser Vorschrift und obwohl nahezu alle Studien mittlerweile Frauen einbeziehen, wirkt sich die jahrzehntelange Ungleichheit leider auch heute noch negativ auf Symptomatik und Diagnostik bei Frauen aus. Das Problem liegt im Geschlechterverhältnis. Der Frauenanteil sei noch immer sehr gering, sagt Dr. Kautzky-Willer. Bei wichtigen Herz-Kreislauf-Medikamenten liege er oft nur bei 25 Prozent. Die Anhebung des Frauenanteils alleine reiche nicht aus, da sich die Wirksamkeit je nach Geschlecht nur schwer prüfen lässt.
Mathias Tertilt klärt in seinem Artikel im Online-Magazin „Quarks“ vom 07.08.2024 über eine weitere Problematik auf. Laut ihm schreibt die EU-Verordnung nur die Berücksichtigung von ausreichend Frauen vor, nicht die separate Auswertung geschlechterspezifischer Dosierungen. Bis zu ein Fünftel aller untersuchten Studien berücksichtigt Geschlechterunterschiede nicht. Da manche Medikamente im Verlauf des Zyklus bei derselben Frau unterschiedlich wirken, ist es schwer zu eruieren, welche Dosis sinnvoll wäre.
Was genau lässt sich daraus schließen? Die medizinische Forschung ist noch immer von einer männlichen Norm geprägt. Es ist an der Zeit, endlich Maßnahmen zu setzen, um für Gleichberechtigung in der medizinischen Forschung zu sorgen.
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